33.2.1 Wie zwei (oder mehr) Teilnehmer an der Kommunikation (=Beobachter) ihr jeweiliges Verhalten verstehen (=welchen Sinn sie ihrem und dem fremden Verhalten zuschreiben) ist nicht determiniert (=doppelte Kontingenz).

Beobachter müssen gegenseitig ihrem Verhalten irgendeine Bedeutung, irgendeinen Sinn zuschreiben. Mehr ist nicht notwendig. Der Umstand, dass jeder an der Kommunikation Beteiligte die Möglichkeit hat, die Geschehnisse auch anders zu deuten und sich jeweils anders zu verhalten, erzeugt die Notwendigkeit der Selektion einer Interpretation.
Die Kontingenz ist aber auf beiden Seiten, d. h., jeder der Kommunikationsteilnehmer kann erwarten und voraussetzen, dass auch der andere sich immer anders verhalten könnte, und muss dessen unterstellte, freie Wahlmöglichkeit als Problem bewältigen. Das aus Luhmanns Sicht die Basis für die Emergenz menschlicher Kommunikation. Er  verwendet dafür den Begriff der „doppelten Kontingenz“.

 

Literatur:

„Das Problem der doppelten Kontingenz ist virtuell immer präsent, sobald ein psychisches System gegeben ist. Es begleitet unfokussiert alles Erleben, bis es auf eine andere Person oder ein soziales System trifft, dem freie Wahl zugeschrieben wird. Dann wird es als Problem der Verhaltensabstimmung aktuell. Den Aktualisierungsanlass bieten konkrete, wirkliche psychische oder soziale Systeme oder Spuren (z. B. Schrift), die solche Systeme hinterlassen haben. Zu einem Akutwerden doppelter Kontingenz genügt jedoch nicht die bloße Faktizität der Begegnung; zu einem motivierenden Problem der doppelten Kontingenz (und damit: zur Konstitution sozialer Systeme) kommt es nur, wenn diese Systeme in spezifischer Weise erlebt und behandelt werden: nämlich als unendlich offene, in ihrem Grunde dem fremden Zugriff entzogene Möglichkeiten der Sinnbestimmung.“

Luhmann, N. (1984): Soziale Systeme. Frankfurt (Suhrkamp) S. 151 f.

 




8 Gedanken zu “33.2.1 Wie zwei (oder mehr) Teilnehmer an der Kommunikation (=Beobachter) ihr jeweiliges Verhalten verstehen (=welchen Sinn sie ihrem und dem fremden Verhalten zuschreiben) ist nicht determiniert (=doppelte Kontingenz).”

  1. Paradigma Wohngemeinschaft
    Wenn sich das Geschirr, von einer stinkigen Schimmelschicht überzogen, in der Küche bis unter die Decke stapelt, und man sich selbst zum Abspülen zu fein ist, dann muss man wirklich mal mit der Faust auf den Tisch hauen und ganz laut brüllen: „Es gibt kein Recht auf Faulheit!“. Sofort ertönt der Unschulds-Chor der Mitbewohner: „Also, uns stört’s nicht“.

  2. Was bedeutet hier „anders“ – „anders“ als was? Wenn es „anders“ sein soll, dann hat man etwas verglichen. Nur – womit verglichen, wenn da nichts zum Vergleichen ist?

    Kommunikation entsteht überhaupt erst, indem zwei Menschen zusammenkommen. Sie erzeugen gemeinsam die Kommunikation, so wie auch gemeinsam – intersubjektiv – „die“ Sprache entsteht.

    Hier ist im gesprochenen Kommunikationsraum keine „Mitteilung“, die „übermittelt“ wird. Wenn A auf etwas zeigt und dazu einen Laut ausspricht, der das Trommelfell von B erreicht, dann erreicht weder der „Laut“ (Wellen) noch das „Licht“ (Wellen und Teilchen) B willkürlich. B kann sich nicht aussuchen, wie die Wellen in seine Ohren dringen und B kann sich nicht aussuchen, wo die Hand von A hinzeigt. B kann sich die Existenz von A nicht aussuchen. B kann sich nicht aussuchen, was A gerade mit seinen Armen und Beinen macht, mit seinem Kopf und mit seinem Hintern. Für den singulären Moment ist es eindeutig.

    Dass es auch „anders“ sein kann, ist eine nachträgliche, aufgesetzte Gedankenschleife, die im Hier und Jetzt keine Gültigkeit hat. Doppelte Kontingenz klingt fesch, es klingt intellektuell – aber es muss von einem Menschen kommen, der aschgrau vor seinem Zettelkasten sitzt und sich das ausdenkt. Mit realer Face to Face Kommunikation im Hier und Jetzt hat das nichts zu tun. Die Eindeutigkeit entsteht im singulären Moment durch eine bestimmte (und keine willkürliche) Reizung des Hörnervs (Sehnervs etc.), die für A und B im Moment ident sind, außer B hört nichts. Das ist aber nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Dann kommunizieren A und B im Moment an einander vorbei, aber selbst das bemerken sie nach einer Weile. Sie würde es nicht „bemerken“, wäre eindeutige Kommunikation nicht möglich. Wir bräuchten keine Brillen und keine Hörgeräte. Denn es könnte immer auch ganz „anders“ sein. Dass wir uns im Moment auf etwas EINigen können, zeigt, dass es im Moment auch nicht „anders“ sein kann. Und es ist immer nur der Moment relevant. Nie etwas anderes.

    Jedenfalls wird keine Mitteilung übermittelt, wenn A mit B kommuniziert (oder umgekehrt). Wellen wandern von A nach B. Wellen sind aber noch lange keine „Mitteilung“. Wenn wir hier von einer „Mitteilung“ schreiben, dann ist das Wort Mitteilung ebenso eindeutig. Es steht so im Duden. Und sein Gebrauch ist gut ge-regelt. Natürlich kann man die Regeln brechen. Immer. Aber das ändert nichts daran, dass es sie gibt.

  3. … hat des irgendwer behauptet?

    Falls ja, wer?
    und wo steht‘ n des?

    🦍, 🧜‍♀️

  4. 3) Ja – siehe Text. „Der Umstand, dass jeder an der Kommunikation Beteiligte die Möglichkeit hat, die Geschehnisse auch anders zu deuten und sich jeweils anders zu verhalten, erzeugt die Notwendigkeit der Selektion einer Interpretation.“

    Gehst Du heute in den Zoo und nachher Meerjungfrauenflossenschwimmen?

  5. Diese Frage lässt sich unterschiedlich interpretieren – je nach Vorverständnis:
    Gehst Du heute in den Zoo, da du gestern nicht wolltest?
    Gehst Du heute in den Tierpark und nachher dort zum Meerjungfrauenflossenschwimmen? In diesem Zoo gibt es neben Robben auch kleine Meerjungfrauen, die mit diesen um die Wette schwimmen.
    Gehst Du heute in den Tierpark und anschließend im Schwimmbad mit Meerjungfrauenflossen schwimmen?

  6. Welche Frage? Ich habe ja keine Frage gestellt, sondern festgestellt, dass es sehr wohl determiniert ist, wie Verhalten verstanden wird –

    Es wäre schön, wenn er recht hätte. Denn dann wäre man in seiner Sinngebung frei. Das sind wir aber leider nicht. Das ist ein Wunschdenken. In der Sprache agierend ist niemand frei. Außer im Wahnsinn. Ein Hoch auf den Wahnsinn.

  7. @ doppelte Kontingenz in der Kommunikation
    „Der Wert eines Gedankens misst sich an seiner Distanz zur Kontinuität des Bekannten“, schreibt Adorno in seinen „Minima Moralia“. Das eröffnet Interpretationsspielraum und birgt die Gefahr, missverstanden zu werden.

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