33.2.4 Die Tatsache, dass man sich in einen anderen Menschen einfühlen kann oder tatsächlich einfühlt bzw. sein Denken nachzuvollziehen meint, beweist nicht, dass er aktuell tatsächlich so fühlt und/oder denkt, wie man selbst.

Sich in einen anderen Menschen einfühlen zu können (= Empathie), ist eine Fähigkeit, über die Menschen offenbar verfügen (wenn auch von Individuum zu Individuum in unterschiedlichem Maße). Dies ist sicher ein wesentlicher Faktor, der Kommunikation ermöglicht. Man „schwingt mit“, manchmal „steckt man sich an“ an den Gefühlen des anderen; aber all das ist kein Mitgefühl, sondern ein Erleben, wie (vermutlich) der andere erlebt.

Ein zweiter Faktor, der Kommunkation wahrscheinlich macht: Man kann die Gedankengänge eines anderen Menschen nachvollziehen. Auch hier kann so etwas wie eine Ähnlichkeit der psychischen Prozesse der Betreffenden hergestellt werden, so dass man meint zu wissen, was der andere meint.

Ob es gelingt sich einzufühlen, hängt von individuellen Fähigkeiten ab, sich „in die Schuhe des Anderen“ zu stellen, d.h. sich mit ihm, seiner Situation usw. zumindest teilweise zu identifizieren und seine Perspektive der Beobachtung zu übernehmen.

 

 

Literatur:

„Was im allgemeinen als Empathie bezeichnet wird, besteht aus zumindest vier unterschiedlichen und vermutlich aufeinanderfolgenden Prozessen: (1) Resonanz des Gefühlszustands; (2) Abstrahieren des empathischen Wissens aus dem Erleben der emotionalen Resonanz; (3) Integration des abstrahierten empathischen Wissens in eine empathische Reaktion; und (4) vorübergehende Rollenidentifizierung.

(…)

(Die kognitive Vorstellung, wie es wohl wäre, jemand anderes zu sein, ist jedoch nichts mehr als die bewußte Übernahme einer Rolle, keine Empathie, sofern sie sich nicht an einem Fünkchen emotionaler Resonanz entzündet hat.)“

Stern, Daniel N. (1985): Die Lebenserfahrung des Säuglings. Stuttgart (Klett-Cotta) 1992, S. 207f.




Ein Gedanke zu „33.2.4 Die Tatsache, dass man sich in einen anderen Menschen einfühlen kann oder tatsächlich einfühlt bzw. sein Denken nachzuvollziehen meint, beweist nicht, dass er aktuell tatsächlich so fühlt und/oder denkt, wie man selbst.“

  1. @“Resonanz“
    „Der Soziologe Hartmut Rosa setzt in seinem Buch „Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung“ die Absurdität des aktuellen Wirtschaftens in einen gesellschaftlichen Rahmen und verspricht nichts Geringeres als die Lösung für unser Beschleunigungsproblem. Das gelingt jedoch nicht durch die laut proklamierte Entschleunigung, sondern durch Resonanz.
    Moderne Gesellschaften sind laut Rosa dadurch gekennzeichnet, dass sie sich nur dynamisch zu stabilisieren vermögen: Sie sind fortwährend auf Wachstum, Beschleunigung und Innovationsverdichtung angewiesen, um ihre Struktur bzw. den Status Quo aufrechterhalten zu können. Dieser Steigerungszwang hat Folgen für die Lebensweise, die Lebensorientierung und die Lebenserfahrung eines jeden Einzelnen für sich selbst und seine Umwelt.
    Dabei sieht Rosa Beschleunigung nicht per se als etwas Schlechtes an: „Niemand möchte langsames Internet oder eine langsame Feuerwehr.“ Bei Slow-Bewegungen geht es aber weniger um die Langsamkeit an sich, als um die „Anverwandlung von Welt“. In diesem Zustand versucht der Mensch nicht, die Dinge zu kontrollieren und schnell und effizient zu handhaben. Er lässt sich viel stärker von Begegnungen, von Orten, von Musik, von der Natur inspirieren – die Grundlage eines jeden schöpferischen, kreativen Prozesses und letztlich auch eines gelingenden Lebens.
    Zentral für die Idee des gelingenden Lebens ist der Begriff der Resonanz: Der akustisch-physikalische Begriff Resonanz (lat.: „widerhallen“) beschreibt eine spezifische Beziehung zwischen zwei schwingungsfähigen Körpern. Diese spezifische Beziehung der Resonanz entsteht nur, wenn durch die Schwingung des einen Körpers die Eigenfrequenz des anderen angeregt wird.
    Das führt zu drei maßgeblichen Eigenschaften:
    Es handelt sich um einen strikt relationalen Begriff.
    Resonanz ist genuin prozesshaft gedacht.
    Eine solche Beziehung erfordert immer auch ein resonanzfähiges Medium.
    Resonanz bezeichnet damit konkret einen Modus, wie Subjekt und Welt zueinander in Beziehung treten. Wie wird Welt erlebt? Wann wird sie als entgegenkommend und wann als abweisend wahrgenommen?
    Ein Blick auf die Arbeitswelt veranschaulicht Rosas Gedanken: Entgegen vieler Ansichten gehen die meisten Menschen sehr gern arbeiten – allerdings nur solange, wie sie in ihrer Tätigkeit Bestätigung (Lob, Anerkennung, Wertschätzung, Zufriedenheit, Kontakte) erfahren. Doch ob Bäcker, Pflegekräfte, Reinigungskräfte oder Wissensarbeiter: Sobald sich die Rahmenbedingungen verschlechtern und die Menschen in der Ausübung ihrer Tätigkeiten eingeschränkt werden und sie nicht mehr optimal ausführen können (Personaleinsparungen, Zeitdruck etc.), wandelt sich das Subjekt-Welt-Verhältnis zum Negativen. Die Welt wird als abweisend und das Leben als ungerecht wahrgenommen.
    Resonanz geht also über die Ideen der Achtsamkeit und der Entschleunigung hinaus, es geht um mehr als bloß die Devise „Wenn du nur richtig gestimmt bist, ist die Welt in Ordnung“. Aus dieser Perspektive spielen die Verhältnisse und deren Gestaltung keine übergeordnete Rolle, es werden lediglich „Ereignisoasen“ im immergleichen Rahmen geschaffen. Das Leben kann aber nur dann gelingen, wenn wir unsere Umwelt wahrnehmen, wenn wir bereit sind Resonanzbeziehungen einzugehen und damit auf einen Teil unserer Autonomie zu verzichten.
    Damit Resonanzbeziehungen selbstverständlich werden, brauchen wir einen Gesellschaftswandel. Wir brauchen eine Kultur, in der Lücken im Lebenslauf Anlass für einen kreativen Austausch bieten und nicht zum Ausschluss führen. Eine Kultur, die sich für Schulen als Resonanzräume einsetzt. Denn nur in den Bereichen, in denen Subjekte von einer Sache wirklich berührt und ergriffen werden, wo sie sich selbst aufs Spiel setzen und zur Selbstverwandlung bereit sind, können wirklich innovative und herausragende Leistungen und Ideen entstehen. Erst die Überwindung der alltäglichen Entfremdung erzeugt Resonanzen – und damit Verbundensein mit der Welt.“
    https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/resonanz-der-schluessel-zur-welt/

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