33.2.5 Verstehen/Empathie bzw. Verstanden zu werden / Einfühlung zu erfahren ist eine Chance, weil damit die Grenze zu einem nicht direktbeobachtbaren Phänomenbereich – einer fremden Psyche – durchbrochen wird und ihre fundamentale Trennung vom Rest der Welt aufgehoben wird.

Die Psyche eines anderen Menschen ist von außen nicht einsehbar, d.h. sie ist durch eine Grenze geschützt. Um zu wissen, wie sich ein anderer Mensch fühlt oder was er denkt, bedarf es der Kommunikation.

Wer wissen will, ob sein Partner oder seine Partnerin ihn/sie liebt, ist darauf angewiesen, dass er oder sie das irgendwie signalisiert. Am eindeutigsten – und deswegen wahrscheinlich auch am verdächtigsten und für Betrug am anfälligsten (Stichwort: Heiratsschwindler) ist die pathetische Deklamation „Ich liebe dich!“, am besten noch mit quantifizierenden Qualifizierungen geschmückt („wahnsinnig“, „mehr als alles auf der Welt“, „mehr als meine Mutter“ usw.). Aber auch der Blumenstrauß, das Erfüllen eines nie direkt geäußerten Wunsches usw. kann als Liebesbeweis interpretiert werden…

Was nicht in die Kommunikation kommt, existiert sozial nicht. Empathie ist daher ein Modus der Beobachtung des anderen, der mit Risiken und Chancen verbunden ist. Er eröffnet den Zugang zum Erleben (zum „Innenleben“) eines anderen Menschen, ohne dass er explizit dazu eingeladen hat. Das kann sehr lustvoll sein, wenn man sich „verstanden fühlt“, es kann aber auch sehr bedrohlich sein, wenn es als Bedrohung der eigenen Autonomie erlebt wird. Denn die Gedanken (und die Gefühle) sind ja gerade deshalb frei, weil sie nicht von außen kontrolliert werden können.

Da die Mimik – unabhängig von der jeweiligen Kultur – die Gefühle eines Menschen audrücken kann, stellen Alghorithmen zur Gesichtserkennung ein geradezu katastrophales Risiko für die Freiheit und Autonomie des Individuums dar. Wenn erst das Fühlen normiert und kontrolliert wird, dann gewinnt der Begriff des Totalitarismus eine ganz neue Bedeutung. Als Mittel dagegen helfen vielleicht ja Schulen, in denen man Pokern lernt bzw. übt, ein Pokergesicht zu zeigen, wenn man sich in der Öffentlichkeit bewegt.

Dass Empathie negative Wirkungen zeitigen kann, ist in der therapeutischen Arbeit mit Menschen zu erleben, die sich ihrer Autonomie nicht sicher sind. Wenn Psychotherapeuten versuchen, sich in solche Patienten einzufühlen – was ihnen zum Glück meistens nicht gelingt – dann geraten die in Panik.




Ein Gedanke zu „33.2.5 Verstehen/Empathie bzw. Verstanden zu werden / Einfühlung zu erfahren ist eine Chance, weil damit die Grenze zu einem nicht direktbeobachtbaren Phänomenbereich – einer fremden Psyche – durchbrochen wird und ihre fundamentale Trennung vom Rest der Welt aufgehoben wird.“

  1. @“Wenn Psychotherapeuten versuchen, sich in solche Patienten einzufühlen – was ihnen zum Glück meistens nicht gelingt – dann geraten die in Panik.“
    Die Psychotherapeuten oder die Patienten?

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