33.2.6 Verstehen/Empathie bzw. Verstanden zu werden / Einfühlung zu erfahren ist eine Chance, weil damit die Grenze zu einem nicht direkt beobachtbaren Phänomenbereich – einer fremden Psyche – durchbrochen wird und ihre fundamentale Trennung vom Rest der Welt aufgehoben wird.

Wenn die „Verletzung“ der Grenze zwischen der Psyche zweier (oder mehrerer) Menschen als „Verschmelzung“, als Kreation einer größeren „Einheit“, eines „Wir“, bei dem der eine fühlt, was der andere fühlt (soweit das jenseits von Lore-Romanen möglich ist) erlebt wird, dann kann affektiv als sehr positiv und manchmal auch als einzigartig empfunden werden.

Aber schon im harmloseren Fall, dass nicht alles in Worte gefaßt werden muss, um sich mitzuteilen, hat Empathie und verbunden damit das Verstehen des anderen eine positive Funktion, da dies zur Kreation sozialer Systeme beiträgt, die ohne dies wahrscheinlich gar nicht enstehen würden/könnten.

Für Psychotherapeuten ist Empathiefähigkeit sogar die Grundlage ihrer professionellen Existenz (unabhängig von der Schule, der sie sich zugehörig fühlen).

Deswegen wird z.B. die Zulassung zur psychoanalytischen Ausbildung von einem Empathietest abhängig gemacht: Der Kandidat/die Kandidatin muss mehrere (meistens zwei oder drei) Interviews mit einem Lehranalytiker machen. Wenn die drei sich darüber einig sind, dass er oder sie geeignet ist, wir er oder sie zugelassen. Da die Lehranalytiker in der Regel über keine gemeinsamen Kriterien für die Eignung bzw. die Beurteilung der Eignung der Kandidaten verfügen und jeder seine eigenen, meist nicht reflektierten Maßstäbe anlegt, wird das Auswahlverfahren zum Empathietest. Der Kandidat muß erspüren, wie er sich zeigen muß, um seinem Interviewpartner das Gefühl zu geben, eine verantwortliche Entscheidung zu treffen, wenn er ihn oder sie akzeptiert. Daher beweist die Tatsache, dass man zu solch einer Ausbildung angenommen wird, dass man geeignet ist, denn Empathie ist die Grundlage der Arbeit.




2 Gedanken zu „33.2.6 Verstehen/Empathie bzw. Verstanden zu werden / Einfühlung zu erfahren ist eine Chance, weil damit die Grenze zu einem nicht direkt beobachtbaren Phänomenbereich – einer fremden Psyche – durchbrochen wird und ihre fundamentale Trennung vom Rest der Welt aufgehoben wird.“

  1. Der Empathietest ist auch ein Vertrauenstest und findet bei jedem intensiveren Kennenlernen statt.

  2. Sind Fälle bekannt (oder auch nur denkbar), in denen diese Interviews durch einen Lehranalytiker zu einer Ablehnung als Psychoanalytiker führten?
    Halten Sie diese Prüfungsform für sinnvoll? Oder stellt es eher ein Initiationsritual dar?

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