33.5 Wenn Beobachter unterscheiden, zerlegen sie den kontinuierlichen Strom der Interaktion in distinkte Abschnitte, d. h. in einzelne Verhaltensweisen (= Interpunktion).

Jeder Prozess (als zusammengesetzter Einheit) – also auch jeder Interaktions- und Kommunikationsprozeß – läßt sich beliebig in Bestandteile zerlegen. Bewusst wird hier nicht „in seine Bestandteile“ geschrieben, weil damit suggeriert werden könnte, dass diese Bestandteile in ihrer Form objektivierbar wären. Das ist aber nicht der Fall, denn es steht dem Beobachter frei den Anfang und das Ende der von ihm jeweils konstruierten (Unter-)Einheiten zu definieren.

Bei der Reflexion und Bearbeitung von Konflikten erweist sich in den meisten Fällen, dass deren Geschichte und Vorgeschichte von den Parteien in höchst unterschiedlicher Weise interpunktiert wird.

 

Literatur:

„DEr Reiz-Reaktions-Psychologe beschränkt seine Aufmerksamkeit gewöhnlich uf wechselseitige Verhaltensketten, die so kurz sind, daß er ein Ereignis als Reiz, ein anderes als Verstärkung und das, was das Versuchstier zwischen diesen beiden Ereignissen tut, als Reaktion bezeichnen kann. Innerhalt dieses eng begrenzten Ablaufs ist es möglich, von der »Psychologie« des Versuchstiers zu sprechen. Im Gegensatz dazu sind die Abläufe, mit denen wir es zu tun haben, viel länger und unterscheiden sich durch die Tatsache, daß in ihnen jedes Ereignis gleichzeitig Reiz, Reaktion und Verstärkung ist. Ein bestimmtes Verhalten von A ist insofern ein Reiz, als ihm ein bestimmtes Verhalten von B folgt und diesem wiederum ein bestimmtes Verhalten von A. Doch A’s VErhalten ist insofern auch eine Reaktion, als es zwischen zwei Verhaltensformen von B eingebettet ist. Ähnlich ist das Verhalten von A außerdem auch eine Verstärkung, da es auf ein Verhalten von B folgt. Die hier vorliegende Interaktion ist aslo eine Kette von triadischen Gliedern, von denen jedes einzelne eine Folge von Reiz, Reaktion und Verstärkung ist. Wir können jede beliebige Trias dieser Kette für sich als ein einzelnes Reiz-Reaktions-Lernerxperiment ansehen.

Wenn wir die üblichen Lernexperimente in dieser Sich betrachten, so bemwerken wir sofort, daß ihre Wiederholungen zu einer Differnzierung der Beziehung zwischen den beiden daran teilnehmenden Organismen führen – dem Versuchsleiter und seinem Subjekt. Der Versuchsablauf wird so interpunktiert, daß es immer der Versuchsleiter zu sein scheint, der den »Reiz« und die »Verstärkung« liefert, während die »Reaktionen« vom Versuchstier kommen. Diese Worte sind hier absichtlich in Anführungszeichen gesetzt, da die Definition der rollen in Wirklichkeit nur durch die Bereitwilligkeit der Teilnehmer entsteht, diese Interpunktionsform anzunehmen. Die »Wirklichkeit« der Rollendefinitionen hat denselben Wirklichkeitsgrad wie eine Fledermaus auf einer Rorschachtafel – ein mehr oder weniger überdeterminiertes Resultat des Wahrnehmungsprozesses. Die Versuchsratte, die sagte : »Ich habe meinen Versuchsleiter so abgerichtet, daß er jedesmal, wenn ich den Hebel drücke, mir zu fressen gibt«, weigerte sich, die Interpunktion anzunehmen, die der Versuchsleiter ihr aufzuzwingen versuchte.“

Bateson, Gregory, Don D. Jackson (1964): Some Varieties of Pathogenic Organization. In: Rioch, David McK. (Hrsg.)(1964): Disorders of Communication. Bd. 42. Research Publications. Association for Research in Nervous and Mental Desease, 270 – 283,  S. 273f.  zitiert nach Watzlawick, Paul, Janet H. Beavin, Don D. Jackson (1967): Menschliche Kommunikation. Bern (Huber) 1969, S. 57.




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