34.1 Der Produktion von Lauten kann wie jedem anderen beobachtbaren Verhalten Bedeutung zugeschrieben werden.

Sprechen ist zunächst erst mal nichts anderes als ein für andere Leute beobachtbares Verhalten. So wie hochgezogenen Augenbrauen eine Bedeutung zugeschrieben werden kann, kann dies auch Lauten, Worten, Sätzen.

Bei  Sprechen und Sprache ist aber zu bedenken, dass sie das Denken sowohl des Individuums als auch das Denken in einer Sprachgemeinschaft prägt, und damit die Art und Weise, welche – sprachlich vorgegebenen – Unterscheidungen die Zuschreibung von Bedeutung steuert. Die Strukturen eines Sprache und der Gebrauch von Worten usw. haben daher nicht nur eine soziale Funktion (in der Kommunikation), sondern auch eine psychische, weil sie individuelle Bewusstseine strukturiren. Dass dies geschieht, ist den Sprechern meist nicht bewustt bzw. erst bewusst, wenn sie mit anderen Sprachen konfrontiert wird, die einer anderen Grammatik folgen (meist bei den mühsamen Versuchen, eine Fremdsprache zu erwerben).

 

Literatur:

„WAISMANN: Die Bedeutung eines Wortes ist die Art seiner Verwendung. Wenn ich einem Ding einen Namen gebe, so stelle ich damit nicht etwa eine Assoziation her zwischen dem Ding und dem Wort, sondern ich deute eine Regel für die Verwendung dieses Wortes an. Die sogenannte »intentionale Beziehung« löst sich in solche Regeln auf. In Wirklichkeit liegt hier gar keine Beziehung vor, und wenn man von einer solchen spricht, so ist das nur eine unglückliche Redewendung.

WITTGENSTEIN: Ja und nein. Das ist eine komplizierte Sache. In gewwissem Sinn kann man schon sagen, daß eine Beziehung vorliegt. Es ist nämlich eine Beziehung von genau derselben Art, wie die zwischen zwei Zeichen, die in einer Tabelle nebeneinander stehen. Ich deuten z.B. mit dem Arm auf Sie und auf mich und sage: Herr Waismann, Herr Wittgenstein. (?)

Ich könnte ja auch einen Kalkül verwenden, in dem Herr Meier und Herr Waismann vertauschbar sind und die Fruchtgasse und der Stefansplatz, etwa so wie 3 x 5 und 15 vertauschbar sind.

Das, was ich mit den Wörtern der Sprache mache (indem ich sie verstehe), ist genau dasselbe wie das, was ich mit dem Zeichen im Kalkül mache. Ich operiere mit ihnen. Daß ich im einen Fall Handlungen ausführe, im anderen nur die Zeichen hinschreibe oder auslösche etc., ist ja kein Unterschied: denn auch das, was ich im Kalkül mache, ist eine Handlung. Hier gibt es keine scharfe Grenze.“

Wittgenstein, Ludwig (1967): Werke, Bd. 3, (aus einem Gespräch mit Friedrich Waismann 21. September 1931), Frankfurt (Suhrkamp) 1984, S. 169.

„Niemand wird bestreiten wollen, daß Worte (wie auch Dinge) als Zeichen verwendet werden können, also als Hinweis auf etwas, das unabhängig von der Sprache existiert. Die Sprache selbst kann jedoch nicht als eine bloße Vernetzung von Zeichen begriffen werden, denn sie hat keineswegs nur, ja nicht einmal vorwiegend diese Funktion, auf etwas Vorhandenes hinzuweisen. Sprache ist auch nicht nur ein Mittel der Kommunikation, denn sie fungiert in psychischen Systemen auch ohne Kommunikation. Ihre eigentliche Funktion liegt in der Generalisierung von Sinn mit Hilfe von Symbolen, die  – im Unterschied zur Bezeichnung von etwas anderem – das, was sie leisten, selbst sind. Nur in ihrer Funktion als Kommunikationsmedium, und das scheint evolutionsmäßig gesehen die ursprüngliche Funktion zu sein, ist die Sprache an Codierung, als an akustische bzw. optische Zeichen für Sinn gebunden.“

Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Frankfurt (Suhrkamp), S. 137.




2 Gedanken zu „34.1 Der Produktion von Lauten kann wie jedem anderen beobachtbaren Verhalten Bedeutung zugeschrieben werden.“

  1. Gestern: Mit einer Flasche Obstler wortlos meinem Uuuäääh-Gefühl nachhängend, wurde es im Verlauf doch noch ein innerlich lauter Abend.
    Frage: Warum müssen alte Männer in Duschen von Sportanlagen ihr Wohlgefallen am Reinigungsvorgang immer durch laute Schnauf-, Ächz- oder Aaah-Laute zum Ausdruck bringen?
    Hinteergrund: Auch die unfreiwilligen Bewohner der kleinen karibischen Gemeinde Guantanamo wurden jahrelang durch laute Foltermusik traktiert.
    Dazu hörte ich „Enjoy the Silence“ von Depeche Mode https://www.youtube.com/watch?v=aGSKrC7dGcY
    Word like violence break the silence
    Words are very unnecessary, they can only do harm
    Words are trivial
    Words are meaningless and forgettable

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