34.2 Laute haben gegenüber allen anderen Arten von Verhaltensweisen die Eigenschaft, sich ohne großen energetischen Aufwand und große körperliche Veränderungen nahezu unbegrenzt variieren und zu größeren Einheiten zusammensetzen zu lassen, sodass ihre Produktion sich in idealer Weise als Medium der Kommunikation eignet (= lose gekoppelte Elemente).

Die Größe der Variationsbreite bei der Produktion und Kombination von Lauten macht sie zum idealen Medium der Kommunikation. Das gilt nicht nur für das Sprechen von Menschen, sondern auch für die lautliche Kommunikation andere Spezies: den Gesang der Vögel oder der Wale… usw., und diese nahezu unbegrenzte Breite der Variationsmöglichkeiten von Lautformen und Tonfolgen bildet auch die Grundlage der Musik.

Sprechen ist daher nicht einfach eine Verhaltensmöglichkeit unter vielen anderen, sondern eine ganz besondere, die ganz zentral die Conditio humana bestimmt.

Die im Vergleich zu allen anderen Verhaltensweisen größeren und ökonomischeren Möglichkeiten, Lauten Bedeutungen zuzuschreiben, eröffnen den Raum für komplexere Mitteilungen, vor allem aber, da das menschliche Denken durch die Strukturen der jeweiligen Sprache geprägt ist, auch zu komplexerem Denken.

Die Ökonomisierung der Kommunikation durch Sprechen wird am Beispiel jenes Kinder- oder Partyspiels deutlich, bei dem jeweils ein Protagonist die Aufgabe hat, einen Begriff darzustellen, ohne dabei zu sprechen. Es ist mimisch und gestisch, ja, schauspielerisch herausfordernd dem Beobachter ohne Worte zu vermitteln, was jeweils gemeint ist. Das gilt schon bei konkreten Gegenständen wie einer Kaffeekanne, potenziert sich bei abstrakten Begriffen. Dass eine Kanne gemeint ist, mag noch durch Imitation ihres Gebrauchs vermittelbar sein, aber wie stellt man den Unterschied zwischen Teekanne und Kaffeekanne oder Gießkanne dar…? Und wie steht es um die Plastikkannen, die in Mali auf jedem Markt angeboten werden und von den wenigen europäischen Touristen als Schmuck fürs Wohnzimmer gekauft werden, während sie dort, wo sie gekauft wurden, gebraucht wurden, um das Wasser zu Spülung nach dem Stuhlgang bereit zu halten?

Was an der Sprache bzw. ihren Elementen beispielhaft zu sehen ist: Die Konstruktion sprachlicher Einheiten folgt den Prinzipien allen Beobachtens (und denen der Kommunikation von Beobachtungen); es werden Einheiten unterschieden und zu größeren Einheiten zusammengesetzt (=fest gekoppelt).

 

Literatur:

„Offenbar haben wir es mit einer Lautsprache zu tun, die Informationsvermittlung erfolgt durch Schallereignisse. Charles F. Hockert, der versucht hat, die »Bestimmungsmerkmale« der menschlichen Sprache zusammenzustellen, spricht vom »vokal-auditiven« Kommunikationskanal. Jede menschliche Sprache verfügt über ein Reprtoire von kleinsten bedeutungsunterscheidenden  Lauteinheiten, genannt Phoneme, wobei man wieer zwischen »Konsonanten« (z.B. /p/, /m/) und »Vokalen« (z.B. /a/, /u/) trennt.

(…)

Die konket geäußerten Laute in einem Wort (»Phone« genannt) werden aber auch je nach lautlicher Umgebung unterschiedlich ausgesprochen.

(…)

Der vokal-auditive Kanal ermöglicht noch eine zweite Dimension der Kommunikation: Neben den Phonemen als »segmentalen« Einheiten und den Phonen als ihren Realisierungen gibt es nach lautlich-klangliche Eigenschaften, die für die menschliche Kommunikation genauso relevant sind, nämlich die sog. Prosodie. Gemeint sind Eigentschaften der gesprochenen Sprache wie die Intonation, das ist die Äußerungsmelodie, und der Wortakzent, das ist die Betonung auf Wortebenen (úmfahren vs. umfáhren).

Aus kleinsten bedeutungsunterscheidenden Einheiten bildet jede Sprache ihre kleinsten bedeutungstragenden Einheiten, genannt Morpheme. Maus und rot sind solche Morpheme, man nennt sie auch »lexikalische Morpheme«, denn man findet sie im Wörterbuch: sie bilden den Wortschatz einer Sprache.“

Dittmann, Jürgen (2010): Der Spracherwerb des Kindes. Müchen (C.H. Beck) 3. völlig überarbeitete Aufl., S. 11f.




Ein Gedanke zu „34.2 Laute haben gegenüber allen anderen Arten von Verhaltensweisen die Eigenschaft, sich ohne großen energetischen Aufwand und große körperliche Veränderungen nahezu unbegrenzt variieren und zu größeren Einheiten zusammensetzen zu lassen, sodass ihre Produktion sich in idealer Weise als Medium der Kommunikation eignet (= lose gekoppelte Elemente).“

  1. Nicht bloß Laute, sondern auch leise Gebärdensprache und die Sprache der Gewalt (siehe Nahostkonflikt) gehören zu den Medien der Kommunikation.

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