34.3 Sprechen ist die Bildung lautlicher Formen: Worte, Sätze, Geschichten, Diskurse …

Es war einmal ein Mann, der besaß einen Papagei. Da er viel außer Haus zu tun hatte, brachte er seinem Papagei ein paar Worte bei. Immer, wenn es an der Haustür klingelte, rief dieser wunderbare Vogel, wie es ihm beigebracht worden war: „Wer ist denn da?“

Eines Tages, die Waschmaschine war kaputt, kam der Elektriker, der sie reparieren sollte, als der Hausherr nicht zuhause war.

Er klingelte, und hörte von drinnen: „Wer ist denn da?“

Gnaz brav antwortete er: „Der Elektriker!“

Worauf er von innen erneut „gefragt“ wurde: „Wer ist denn da?“

„Der Elektriker!“

„Wer ist denn da?“

„Der Elektriker!“

(…)

Als der Hausherr wieder nach Hause kam, fand er einen vor Erschöpftung zusammengebrochenen Menschen vor seiner Haustür und fragte: „Wer ist denn da?“, um von innen die Antwort zu hören: „Der Elektriker!“

Frage: Hat der Papagei gesprochen?

Antwort: Nein, er hat nur Laute ohne Bedeutung produziert, und das ist nicht Sprechen.

 

Literatur:

„Wir haben diese Einheit, die die Einheit von Denken und Sprechen in der einfachsten Form widerspiegelt, in der Bedeutung des Wortes gefunden. Die Wortbedeutung ist eine solche nicht mehr weiter zerlegbare Einheit beider Prozesse, von der nicht mehr gesagt werden kann, ob sie ein Phänomen der Sprache oder ein Phänomen des Denkens darstellt. Ein seiner Bedeutung entkleidetes Wort ist kein Wort: es ist ein leerer Klang; folglich ist die Bedeutung ein notwendiges, konstituierendes Merkmal des Wortes selbst. Es ist das von der Innenseite betrachtete Wort. Somit scheint es hinreichend begründet, die Bedeutung als ein Phänomen der Sprache anzusehen. Aber psychologisch ist die Wortbedeutung eine Verallgemeinerung oder ein Begriff. Verallgemeinerung und Wortbedeutung sind Synonyme. Jede Verallgemeinerung aber, jede Begriffsbildung ist ein spezifischer und unbestreitbarer Denkakt. Folglich sind wir berechtigt, die Wortbedeutung als Phänomen des Denkens zu betrachten.“

Wygotski, Lew Semjonowitsch (1934): Denken und Sprechen. Frankfurt (Fischer) 1977, S. 293.




Ein Gedanke zu „34.3 Sprechen ist die Bildung lautlicher Formen: Worte, Sätze, Geschichten, Diskurse …“

  1. Eigentlich können Vögel nicht sprechen – und eigentlich sind auch Papageien dazu nicht in der Lage. Sie besitzen aber die Fähigkeit, Laute zu erlernen und nachzuahmen. Die Grundvoraussetzung dafür ist Intelligenz. Sprachbegabte Papageien besitzen eine sehr dicke und bewegliche Zunge. Ähnlich wie der Mensch können sie mit der Zunge Laute formen, in dem sie Spitze oder Saum der Zunge an bestimmte Positionen im Schnabel bewegen. Papageien plappern, weil sie monogam und mit dem gewählten Partner ein Leben lang zusammen sind. Und sie sind sehr gesellige Tiere, die meist in großen Schwärmen leben. Jedes Tier hat dabei seinen eignen, unverwechselbaren Schrei, mit dem es sich innerhalb des Schwarms erkennbar macht. Will ein Papagei mit einem bestimmten Artgenossen kommunizieren, ahmt er den Ruf des anderen Tieres nach – dadurch ist die Aufmerksamkeit des gewünschten Gesprächspartners garantiert. Papageien sind also in der Lage, Laute situationsbezogen zu imitieren.
    https://www.papagei.com/de/magazin/welt-der-sprachen/plapperndes-federvieh-warum-papageien-sprechen-koennen/

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