34.5.3 Die Selektion sprachlicher Spielregeln folgt dem evolutionären Dreischritt von Variation, Selektion, Retention.

Anders als die Regeln beim Fußball, wo die Regeln Regeln von der FIFA festgelegt und gelegentlich geändert werden (z.B. durch Einführung des Video-Beweises), entwickeln sich die Regeln einer Sprache selbstorganisiert. Der Sprachgebrauch wandelt sich im Laufe der Zeit. Worte verändern ihre Bedeutung, neue Worte werden erfunden, aus anderen Sprachen übernommen usw. Dies zeigt sich an der Etymologie von Worten. Nimmt man z.B. das Wort „geil“, so hatte es noch in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine explizit sexuelle Bedeutung (d.h. wurde zur Bezeichnung sexueller Merkmale verwendet), während es gegen Ende desselben Jahrhunderts schon von Grundschulkindern ohne alle sexuelle Konnottionen verwendet wurde, um irgendwas „Tolles“ oder „Begeisterndes“ zu charakterisieren.

So kann die Sprachgemeinschaft als ein System verstanden werden, in dem der Sprachgebrauch große Variationen aufweist (jeder kann sich darin versuchen, mit einer alternativen Nutzung von Ausdruckweisen zu experimentieren), aus der dann eine Selektion erfolgt, indem neue Redeweisen oder Formulierungen übernommen werden, während andere vergessen werden (so ist das Wort „sintemal“ im Deutschen vollkommen ungebrächlich geworden – sehr zum Leidwesens des „Vereins zum Schutz des Wortes sintemal“); wenn sich ein neuer Gebrauch eines Wortes oder auch einer Satzkonstruktion oder der Gebrauch eines neuen Wortes usw. einbürgert, so ist es zur Retention gekommen.  Dies alles sind Merkmale „lebender“ Sprachen, die tatsächlich gesprochen werden.




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