35.3 Das Kind lernt die im jeweiligen sozialen System allgemein praktizierten Spielregeln des Verhaltens durch Nachahmung (= Mimesis).

Da der Aufbau des Weltbilds des Kindes nicht als Informationsaufnahme erklärt werden kann  (aufgrund der Autonomie autopoietischer Systeme), ist die Konstruktion dieses Weltbilds, soweit es soziale Verhältnisse angeht, mit der Arbeit eines Schriftstellers vergleichbar. Das Kind schreibt Schauspiele (wahrscheinlich eine größere Zahl) oder zumindest Szenen von Dramen. Und wie das in solchen Stücken der Fall ist, konstruiert es bestimmte Rollen und Personen, die charakteristische Beziehungen zueinander haben. Die Handlung hat einen zeitlichen Ablauf mit Höhepunkten, Krisen und Wendepunkten, und das Kind selbst – als Beobachter – sucht sich Rollen heraus (= konstruiert sie): diejenigen, die es lieber nicht spielen will, und diejenigen, die es auch gerne spielen würde – all das geschieht nicht bewusst, zumindest nicht, solange das Kind noch klein und abhängig ist.

Das Konzept der Nachahmung (Mimesis) ist seit dem Altertum bekannt. Es ist nicht zufällig, dass Aristoteles in seiner Poetik (Kap. 3) darüber schreibt, denn er sieht in der Mimesis die Quelle der Kunst. Und es ist auch kein Zufall, dass er dort zwischen zwei Beobachterperspektiven unterscheidet: die Homers, der aus der Außenperspektive die Handlung schildert (Aristoteles nennt das nicht Außenperspektive, stellt sie aber das), und die des Sophokles und Aristophanes, die ihre Schauspieler Handelnde (und Interaktionsmsuter) nachahmen (= Mimesis) , d.h. re-inszenieren lassen. Damit eröffnen sie die Möglichkeit die Innenperspektive des Akteurs einzunehmen (auch das nennt Aristoteles nicht so).

Für das Kind  als Beobachter ist die zweite Perspektive überlebenswichtig, da es – mit zunehmendem Alter immer mehr – zum Mitspieler des sozialen Systems wird und sich immer mehr vor der Frage sieht, welche Rolle es nachahmen will.

 

Literatur:

„Allgemein scheinen zwei Ursachen die Dichtkunst hervorgebracht zu haben, und zwar naturgegebene Ursachen. Denn sowohl das Nachahmen selbst ist den Menschen angeboren – es zeigt sich von Kindheit an, und der Mensch unterscheidet sich dadurch von den übrigen Lebewesen, daß er in besonderem Maße zur Nachahmung befähigt ist und seine ersten Kenntnisse durch Nachahmung erwirbt – als auch die Freude, die jedermann an Nachahmung hat.“

Aristoteles (1982): Poetik (Griechisch/Deutsch), Stuttgart (Reclam) Kap. 4, S. 10/11.

 




Ein Gedanke zu „35.3 Das Kind lernt die im jeweiligen sozialen System allgemein praktizierten Spielregeln des Verhaltens durch Nachahmung (= Mimesis).“

  1. Besondere Mimesis-Fähigkeiten offenbaren die Chinesen. Das aktuelle Jahrhundert soll ja das chinesische werden, und ich weiß nicht, ob das eine gute Nachricht ist. Durchbrüche dürfen wir aber auf dem Gebiet humoristischer Popmusik erwarten. Der lange eiserne Arm der Kommunistischen Partei hat letzthin das Klonen westlicher Rap-Songs erlaubt. Die ersten Versuche tragen schöne Titel wie: „Schauen wir uns die Leitungsgruppe zur Vertiefung der Reform an“.
    „Die Leitungsgruppe zur Vertiefung der Reform ist jetzt zwei Jahre alt
    und hat schon viel erreicht
    Reform! Reform! Reform!“

Schreibe einen Kommentar