35.3.2 Die Regeln der Mimik und Gestik sowie andere äußerlich wahrnehmbare Besonderheiten des Verhaltens, die für die spezifische Körpersprache in einem sozialen System charakteristisch sind, werden mimetisch erworben.

Dieser Satz muss revidiert und einschränkend formuliert werden. Die Studien von Paul Ekman zur Universaltität der Mimik und ihrer Verbindung mit den erlebten Gefühlen, zeigen, dass die Mimik und ihre Logik nicht (!) durch Imitation erlernt werden, sondern angeboren sind. Die Regeln der Gestik hingegen sind kulturspezifisch unterschiedlich. Was ebenfalls erlernt wird, sind die Unterschiede im Erleben, d.h. wann und in welchen Situationen man welche Gefühle hat (um es normativ zu formulieren: zu haben hat) und dementsprechend welche Mimik zeigt; ebenfalls erlernt wird, wann welche Gefühle gezeigt werden dürfen. Denn es ist zwar so, dass die Kopplung von Gefühl und Gesichtsausdruck kulturübergreifend gleich (= angeboren) ist, dass es aber erlernt werden kann, seine Gefühle nicht (!) zu zeigen. Pokerspieler leben davon. Und man kann auch versuchen Gefühle zu zeigen, die man nicht hat. Gute Schauspieler, manche Verkäufer, Heiratschwindler und Politiker sind dazu in der Lage. Meist aber sind Versuche zu lächeln, wenn man nichts zu lachen hat, vergeblich.

 

Literatur:

Das, was ich als Mikroausdruck (micro expression) bezeichnet habe – extrem rasche Gesichtsbewegungen, die weniger als eine fünftel Sekunde in Anspruch nehmen – , ist zutiefst vroräterisch und ein wichtiges Indiz für das Gefühl, das der Betreffende etwas zu verbergen sucht. Ein falscher Ausdruck kann sich auf zahlreiche Arten verraten: In der Regel ist er leicht asymmetrisch, und sein Auftreten und Verschwinden sind eher abrupt. Meine Arbeiten über das Lügen haben micth mit Richtern und Anwälten, der Polizei, mit FBI, CIA und ATF sowei ein paar ähnlichen Behörden in einigen befreundeten Ländern zusammengeführt. Ich habe all diesen Menschen beigebracht, wie sie genauer feststellen können, ob jemand die Wahrheit sagt oder lügt.“

Ekman, Paul (2003): Gefühle lesen. Heidelberg (Spektrum Akademischer Verlag), S. 20.




Ein Gedanke zu „35.3.2 Die Regeln der Mimik und Gestik sowie andere äußerlich wahrnehmbare Besonderheiten des Verhaltens, die für die spezifische Körpersprache in einem sozialen System charakteristisch sind, werden mimetisch erworben.“

  1. „Jeder bekommt seine Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer. Später erst zeigt sich, was darin war. Aber ganzes Leben lang rinnt das an uns herunter.“
    Heimito von Doderer: Ein Mord, den jeder begeht, 1938

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