35.4 Das Sprechen des Kindes beginnt mit der Artikulation eines Wortes (=Einwortphase), das aber vom Kind anders gebraucht wird als von den Akteuren in seiner Umgebung.

Nicht alle Lauten sind für das Kind in gleicher Weise artikulierbar. Erst etwa ab dem vierten Lebensmonat kann es das Gaumensegel kontrollieren und zur gezielten Lautbildung nutzen. In den Monaten danach beginnt es mit der Bildung von Lauten zu experimentieren. Hier beginnt bereits der soziale Selektionsprozess für Laute, auf die einebestätigende Reaktion durch die Interaktionspartner erfolgt, vs. diejenigen, auf die keine Reaktion erfolgt. Hier dürfte das Selektionskriterium für das Kind die Demonstration positiver Affekte durch die Menschen, die es wahrnehmen sein. Es werden zunächst Silben gebabbelt, die dann irgendwann zu den ersten Worten – die bzw. deren Aussprache/Klang – geformt (nachgeahmt) werden. Allerdings sind diese Worte zunächst nur als eine Sonderform von Gesten zu verstehen. Erst wenn den Worten vom Kind eine Bedeutung in der Kommunikation zugeschrieben werden kann (Beobachtung 2. Ordnung), kann die Lautproduktion des Kindes als Sprechen bezeichnet werden.

 

Literatur:

„Man spricht vom »Babbel«- oder »Lallstadium«. Etwa ab 0;7 werden diese »Silben« auch wiederholt; das nennt man dann »repetitives« oder »kanonisches Babbeln«. Es geben sich Lautfolgen wie bababababa oder gagagagaga. Interessanterweise beobachtet man solche wiederholen, rhythmischen Bewegungen auch in der übrigen Motorik, z.B. des Rumpfes und der Gleidmaßen, was auf eine nicht-sprachspezifische Tendenz zu diesem Verhalten hindeutet.“ (S. 21f.)

[…]

„Gegen Ende der Babbelphase entwickelt sich das bevorzugte Lautrepertoire in Richtung auf die Muttersprache. Für Kinder aus unterschiedlichen Sprachumgebungen konnte gezeigt werden, dass zwischen 0;9 und 0;13 die individuellen Unterschiede zurückgehen und das Lautrepertoire sich dendenziell der Verteilung der Phoneme in der Muttersprach angleicht.“ (S. 23)

[…]

„Ein qualitativer Entwicklungssprung ereignet sich aber um das erste Lebensjahr herum in anderer Hinsicht: Das Kleinkind beginnt, Lautfolgen in bedeutungstragender Funktion zu gebrauchen – es erwirbt die ersten Wörter (…). Der entscheidende funktionale Unterschied zwischen den Lautäußerungen der Babbelphase und den Lautäußerungen in den ersten Wörtern ist, dass die Laute nun bedeutungsunterscheidende Funktion und damit den STatus von Phonemen erlangen.“ (S. 24f.)

Dittmann, Jürgen (2002): Der Spracherwerb des Kindes. München (C. H. Beck) 3. völlig überarbeitete Auflage 2010.

„So mag ein Kind über Beziehungen zwischen Handlungen, Objekten, Personen und Geschehnissen Bescheid wissen, ohne daß dieses Wissen sprachlich ist. Ein Kind in der Einwortphase – also ca. 12 – 18 Monate alt – ist ein Kind, desen Erkenntnisse über die Welt noch praktischer sind, d.h. es erkennt, indem es tut. Seine Erkenntnisstrukturen sind Handlungs- und Wahrnehmungsstrukturen. Da dieses Kind sich aber schon auf das Ende der sensomotorischen Stufe der Entwicklung hin bewegt, lösen sich seine Erkenntnisse über die Welt allmählich vom Erkennen durch Tun und Wahrnehmen. Das Kind fängt an, seine Erfahrungen mit Hilfe von inneren Bildern und Symbolen zu strukturieren. In dieser Zeit gebraucht das Kind oft ein Wort in einem bestimmten Handlungs- und situativen Kontext. Es lassen sich auch Regelmäßigkeiten beobachten im Gebrauch eines Wortes und den Kontexten, in denen es auftaucht. Wort und Kontext scheinen eine Einheit zu bilden. Kleine Kinder in der Einwortphase scheinen meist über etwas, das auch in der Situation als Gegenstand, Handlung oder Geschehnis vorhanden ist, zu sprechen -, zumindest ist das unsere Interpretation.“

Szagun, Gisela (1980): Sprachentwicklung beim Kind. München (Urban & Schwarzenberg), S. 102.




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