35.4.1 In der Einwortphase assoziiert das Kind ein einzelnes Wort mit einem charakteristischen Kontext, einer spezifischen Interaktionsszene (= Bedeutungsgebung), das heißt, es verwendet das Wort nicht als Bezeichnung für ein Objekt oder als Namen einer Person.

Heinz von Foerster pflegte eine Geschichte über die Margaret Mead, Anthropologin, die zur ihrer Zeit aufsehenerregende Studien über die Sexualität der Jugend in Samoa publiziert hat, zu erzählen:

Wie alle Ethnologen und Anthropologen, die Feldforschung bei fremden, von der westlichen Zivilisation noch wenig berührten, Ethnien unternehmen, musste sie zunächst die Sprache der indigenen Bevölkerung lernen. Das versuchte sie so, wie man sich gemeinhin das Lernen einer fremden Sprache vorstellt: Sie zeigte auf einen Gegenstand und fragte nach dem Wort dafür. Das heißt, sie ging naiverweise davon aus, dass diese Wort so etwas sind wie die Etiketten, die auf Weinflaschen kleben und den Namen des Weines nennen. Die Antworten, die Margaret Mead erhielt, waren verwirrend für sie. Denn wenn sie auf einen Baum zeigte, dann antwortete ihr Informant: „Umglubu“ (oder irgendetwas andere, ich habe leider vergessen, welchen Phantasiebegriff Heinz von Foerster verwendet, aber ich bin ziemlich sicher, dass auch er vergessen hatte, welche Antwort Margaret Mead erhalten hatte). Wenn Sie auf einen Topf zeigte, hörte sie erneut: „Umglubu“; sie zeigte auf ein Kind: „Umglubu“; sie zeigte auf einen Mann: „Umglubu“ … Worauf sie auch immer zeigt, die Antwort lautete: „Umglubu“.

Was für eine simple Sprache, dachte die Forscherin. Aber ist sie denn wirklich als Sprache geeignet, wenn alles gleich bezeichnet ist?

Das Rätsel wurde gelöst, als sie einen Kollegen traf, der auch schon auf dieser Pazifikinsel geforscht hatte. Er erklärte ihr, was Umglubu bedeutet: „Auf etwas zeigen!“

Die Moral von der Geschichte: Es geht bei der Sprache – und ganz besonders beim Spracherwerb – um Handlungszusammenhänge, genauer: um Interaktionsmuster.

Denn, das zeigt die Spracherwerbsforschung, Kinder allsoziieren mit einzelnen Lauten nicht einzelne Objekte oder Personen (nicht einmal mit „Mama“), sondern Szenen, in denen sie in Interaktion mit anderen Menschen sind. Bezeichnet weden funktionelle Beziehungen. So wird mit „Ball“ kein isoliertes Objekt benannt, sondern die ganze „Welt“, in der der Ball erfahren wird (s. zitiertetes Beispiel für die – vermutete – Konzeptbildung eines etwa 12 Monate alten Kindes).

 

Literatur:

„Zu Beginn richtet das Kind seine Aufmerksamkeit auf das neue, noch nicht erkannte Objekt – hier einen Ball. Mit diesem Ball geschehen verschiedene Handlungen, in Interaktion des Kindes mit einer anderen Person – hier seiner Mutter. Der Ball geht verschiedene Beziehungen zu anderen Objekten/Personen der Umwelt ein: rollt unter die Couch, hüpft auf den Stuhl, Mutter wirft, Kind wirft. Schematisiert sieht das so aus:

Für das Kind existiert der Ball niemals außerhalb dieser Aktivitäten und Beziehungen. Das Kind muß die die verschiedenen Aktivitäten und Beziehungen, in die der Ball während des Ablaufs der Zeit eintritt, sozusagen zeitlos machen und symthetisieren. Sonst könnte es den Baöö nicht als dasselbe (erkannte) Objekt, das Beziehungen eingeht, erleben, sondern als viele verschiedene Objekte in verschiedenen Beziehungen.“

Szagun, Gisela (1980): Sprachentwicklung beim Kind. München (Urban & Schwarzenberg), S. 123f.




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