35.4.3 Welche einzelnen Worte in der Einwortphase gesprochen werden, hängt von der Häufigkeit des Gebrauchs durch die Interaktionsteilnehmer und der Artikulationsfähigkeit (=Möglichkeit der Nachahmung) des Kindes an.

Die Selektion der Worte durch das Kind ist einerseits durch seine Artikulationsfähigkeit  (also Bedingungen des Organismus, die Physiologie und Anatomie) bestimmt, die begrenzt, welche Laute nachgeahmt werden können (daher „mama“, „nana“, „dada“, „papa“, „wawa“ usw.); anderseits durch das Feedback der anderen Kommuniktionsteilnehmer (so kann man das nennen, wenn sowohl Kind als auch Erwachsene den Lauen Bedeutung geben, d.h. es handelt sich um soziale Bedingungen). Denn, wenn das Kind bestimmte Laute nachzuahmen versucht – was ja nur annäherungsweise gelingt – antworten die Erwachsenen. Diese Selektion wird also gewissermaßen durch die Statistik bestimmt: Worte (Silben, Laute), auf die häufig geantwortet wird, haben bessere „Überlebenschancen“ als diejenigen, auf die nur selten geantwortet wird.

Dabei ist nicht zu sagen, wer sich dabei wem mehr anpasst, denn die Erwachsenen übernehmen die „Kindersprache“ zu einem guten Teil. Dieser Sprachgebrauch hält sich dann oft bis ins Erwachsenenalter, wenn ein Kind einen Erwachsenen, zum Beispiel, „Wui“ nennt, obwohl diese Lautfolge mit dem Taufnamen des Betreffenden nicht viel zu tun hat, und dieser Erwachsene dann für den Rest seiner Tage so genannt wird.

Ein anderes Beispiel: In der Familie Meier (Name geändert) wird der kleine Karl (Name ebenfalls geändert) aufs Töpfchen gesetzt und aufgefordert sein Geschäft zu machen. Wie die Eltern und die größeren Geschwister die erwartete Darmentleerung des kleinen Karl genannt haben, ist nicht überliefert; aber dass er es irgendwann, offenbar sprachfähig genug, um der Angelegenheit einen Namen zu geben, „Abo“ genannt hat, ist historisch gesichter. Das hatte zur Folge, dass in Zukunft alle in der Familien den Stuhlgang (auch ihren eigenen) als „Abo“ bezeichnet. Dass dies nicht dem allgemeinen Sprachgebrauch entsprach, merkte der nun nicht mehr kleine Karl erst mit 22 Jahren, als er gefragt wurde, ob er ein Abo für eine Zeitschrift erwerben wolle. Er war verdutzt, fand das das Zeitschrftenabonnement eigentlich nicht Scheiße, reflektierte seinen Sprachgebrauch und änderte ihn unter Schmerzen (zumindest außerhalb der Familie).

 

Literatur:

„Welche Bedeutung hat das Protowort wawa in der frühen Kindersprache? Wenn ein Kind wawa äußert, macht es aber eine Aussage, d.h., das Wort steth sozusagen für einen Satz. Man spricht deshalb von »Einwortäußerungen«. Der Charakter der Einwortäußerungen – etwa zwischen 1;0 und 1;8 – bringt es mit sich, dass die Aussage von Bezugspersonen rekonstruiert werden muss. D. h. die Bezugsperson interpretiert die Äußerung unter Zuhilfenahme der Prosodie und der Situation. So kann die Äußerung dall (Ball) je nach Situation und Prosodie etwa folgende kommunikative Funktionen haben: eine bestimmten Ball haben wollen; auf einen bisher nicht wahrgenommenen Ball in einer fremden Umgebung aufmerksam machen wollen; auf eine bestimmte Lage des eigenen Balles hinweisen wollen; fordern, dass der Erwachsene etwas mit dem Ball tut (…). Wir unterstellen dem Kind in der ersten Hälfte des zweiten Lebensjahrs bereits differenzierte Kommunikationsabsichten, wie etwa: Aüßerung nur zur Kontaktherstellung (ohne Bezug auf eine Gegenstand), Bezug auf einen Gegenstand oder eine Person im Wahrnehmungsfeld, Bezug auf eine Veränderung im Wahrnehmungsfeld, Bezug auf etwas, was im Wahrnehmungsfeld nicht präsent sit, Aufforderung an Bezugspersonen.  Dass das Kind solche unterschiedlichen Intentionen tatsächlich verfolgt, also unterschiedliche »Sprechakte« vollzieht, kann man daran erkennen, dass es auf die Reaktionen der Bezugspersonen wiederum mit Einverständnis oder mit Ablehnung reagiert.“

Dittmann, Jürgen (2002): Der Spracherwerb des Kindes. München (C. H. Beck) 3. völlig überarbeitete Auflage 2010, S. 52f.




Ein Gedanke zu „35.4.3 Welche einzelnen Worte in der Einwortphase gesprochen werden, hängt von der Häufigkeit des Gebrauchs durch die Interaktionsteilnehmer und der Artikulationsfähigkeit (=Möglichkeit der Nachahmung) des Kindes an.“

  1. Frustrierte Zeitschriftenvermarkter benutzten die beiden Wörter „Abo“ und „Scheiße“ ebenfalls synonym, nicht umsonst sagt man heute Abofalle statt „Töpfchen“.

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