35.5 In der Einwortphase verwendet das Kind (s)ein Wort mit einer gemessen am Sprachgebrauch des umgebenden sozialen Systems überdehnten (=überinklusiven) Bedeutung, die sich auf unterschiedliche Dimensionen bezieht: a) die eigene Befindlichkeit wird ausgedrückt; b) eine Interaktionsszene mit Akteuren in spezifischen Beziehungen zueinander wird beschrieben; c) eine Handlungsaufforderung wird an andere Interaktionsteilnehmer gesandt.

Wenn wir zwischen die beiden Bestandteile des Beobachtens betrachten, das Unterscheiden irgendwelcher Inhalte (1. Unterscheiden) und das Bezeichnen (2. Unterscheiden) dieser Inhalte, so kann festgestellt werden, dass die Ein-Wort-Äußerungs-Worte des Kindes einen weit größeren Bedeutungsumfang (= „Überdehnung„) haben als die phänomenologisch identischen Worte im Gebrauch der Erwachsenen. Bei jeder Überdehnung wird – so scheint der Mechanismus zu funktionieren – ein Merkmal der Unterscheidung genommen und alle Objekte, Personen etc., die dieses Merkmal aufweisen, werden dann mit demselben Wort bezeichnet. Das ähnelt dem Gebrauch von Metaphern – was beim Erwachsenen allerdings in der Regel nicht aufgrund der Identifizierung von Objeken aufgrund derselben Prädikate geschieht.

(An dieser Stelle sei angemerkt, dass „Überdehnung“ einer der Mechanismen ist, der als eines der Charakteristika des Denkens in psychotischen Zuständen zu beobachten ist, s. Sätze 81ff – 83ff.)

Das ist nicht verwunderlich, wenn mit einem Wort nicht nur einzelne Objekte, Personen etc. bezeichnet werden, sondern die Gesamtheit einer Situation, inklusive der wahrgenommenen Gegenstände und der in Interaktion miteinander befindlichen Personen.

Darüberhinaus kann im Gebrauch dieser Worte auch die Intention des Kindes vermutet werden, den Kontakt herzustellen und seine Mitmenschen zu bestimmten Handlungen aufzufordern – was natürlich nur funktioniert, wenn diese Menschen seine Äußerungen für das Kind „passend“ interpretieren…

 

Literatur:

„So nennen manche kleine Kinder alles, was fährt, Auto, ob es ein Bus, eine U-Bahn, oder tatsächlich ein Auto ist. Dieses Verhalten wird als »Überdehnung«  (overextension} eines Wortes bezeichnet. Ein Kind »überdehnt« also ein Wort, wenn es mit diesem Wort Bezug nimmt auf ein Objekt/Ereignis, das ein Erwachsener nicht mit diesem Wort bezeichnet (z.B. Auto für U-Bahn und Hund für Pferd). Oder anders ausgedrückt, »Überdehnung« bezieht sich auf die Anwendung eines Wortes auf ein Referenzobjekt, das für einen Erwachsenen außerhalb der semantischen Kategorie liegt, die das entsprechende Wort bezeichnet.“

Szagun, Gisela (1980): Sprachentwicklung beim Kind. München (Urban & Schwarzenberg), S. 113.




3 Gedanken zu „35.5 In der Einwortphase verwendet das Kind (s)ein Wort mit einer gemessen am Sprachgebrauch des umgebenden sozialen Systems überdehnten (=überinklusiven) Bedeutung, die sich auf unterschiedliche Dimensionen bezieht: a) die eigene Befindlichkeit wird ausgedrückt; b) eine Interaktionsszene mit Akteuren in spezifischen Beziehungen zueinander wird beschrieben; c) eine Handlungsaufforderung wird an andere Interaktionsteilnehmer gesandt.“

  1. In der Linguistik auch bekannt als „Übergeneralisierung“. Besonders auffällig sind Übergeneralisierungen bei Kindern, die dabei sind, ihre Muttersprache zu erlernen. Es dauert eine Weile, bis sie den Wortschatz und die Regelsysteme so weit beherrschen, dass sie sie sicher und angemessen anwenden können. In der Entwicklungsphase, in der dieses Stadium noch nicht erreicht ist, können Übergeneralisierungen gehäuft beobachtet werden. So ist immer wieder zu hören, dass Kinder die starken („unregelmäßigen“) Verben mit schwachen („regelmäßigen“) verwechseln. Dadurch verwenden sie Formen wie „fliegte“ oder „trinkte“. Els Oksaar, die ausführlich auf Übergeneralisierungen eingeht und ihnen eine „systembildende Wirkung“ zuschreibt, zitiert als weiteres Beispiel den Satz: „Opa hat gesitzt und gelest.“ Das gleiche Phänomen tritt auch bei Substantiven auf, wenn es darum geht, diese im Plural zu verwenden. Hans Ramge berichtet von seinem Sohn, der nach und nach eine Pluralendung nach der anderen lernt und diese immer wieder verallgemeinert, dabei auch verschiedene Formen gleichzeitig nebeneinander, so z. B. „Räder“ neben „Rade“ und „Räders“.

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