35.7.1 Der Lernprozess der Syntax einer Sprache erfolgt wie der Wortgebrauch (=Semantik) durch Nachahmung und Analogieschluss.

Das fällt dem sich der grammatischen Regeln der eigenen Muttersprache nicht oder kaum bewussten Sprecher immer dann auf, wenn Kinder logisch denken und (z. B.) unregelmäßige Verbformen analog zu den regelmäßigen Verben bilden:

„Er bringte mir den Teddybär…“, „sie bindete mir den Schuh zu“ usw.

Die „richtige“Gebrauch der Grammatik muss – anders als Chomsky vermutet – nicht aufgrund einer angeborenen Tiefengrammatik erklärt werden. Die Grammatik kann vom Kind nach denselben Selektionskriterien erworben werden, wie der Gebrauch der Worte. Tomasello (2003) ist der wohl entschiedenste Vertreter diese Sichtweise.

 

Literatur:

„Das Kind benötigt keine grammatikspezifische Disposition im Sinne einer angeborenen Universalgrammatik, und es benötige auch keine grammatikspezifischen Lernmechanismen für den Aufbau grammatischer Strukturen. Wie denn dann das Kind grammatische Strukturen erwirbt, wird unterschiedlich beantwortet. Ich beschränke mich hier auf die Antwort, die Michael Tomasello (2005) im Rahmen seiner  »gebrauchsbasierten Theorie« (»usage-based-theory«) der Grammatikentwicklung gibt: Das Kind erkennt, dass linguistische »Konstruktionen« – das kann alles sein vom Morphem bis zum ganzen Satz – in der konkreten Äußerung semantische und pragmatische Funktionen haben. So sind »Konstruktionen« auch phylogenetisch entstanden: als komplexe sprachliche Symbole mit Form und Funktion, durch den historischen Prozess der Grammatikalisierung. Grammatikalisierung ist ein kultureller, kein biologischer Prozess, d.h. eine spezifische genetische Adaptation für Grammatik müssen wir gar nicht annehmen. Grammatische Universalien leiten sich nicht aus einer angeborenen Universalgrammatik ab, sondern aus der gleichzeitigen Interaktion von Universalien der menschlichen Kognition, Kommunikation und der vokal-auditiven Verarbeitung im Prozess der Grammatikalisierung.

(…)

Die Grundidee, dass Kinder mit »Konstruktionen« arbeiten, unterscheidet sich radikal vom nativistischen Ansatz, der einerseits den Erwerb des Lexikons, andererseits d von en Rgelerwerb kennt – zwei grundsätzlich unterschiedene Erwerbsprozesse. Tomasello hingegen postuliert eine Erwerb von Grammatik, der mit dem Erwerb des einzelnen Wortes untrennbar verbunden ist: Konstruktionen werden  »um das Wort«, vor allem das konkrete Verb, »herum« erworben, das frühe grammatische Wissen besteht in einem Inventar von relativ unabhängigen »Verb-Insel«-Konstruktionen, die eine Szene oder Erfahrung, die das Kind gemacht hat, it einer Konstruktion koppeln (Tomasello 2006).“

Dittmann, Jürgen (2002): Der Spracherwerb des Kindes. München (C.H. Beck), völlig überarbeitete 3. Aufl. 2010, S.  82f.

 

[Tomasello, Michael (2005): Beyond formalities: The case of language acquisition. In: The Linguistic Review, 22, 183 – 197.

Tomasello, Michael (2006): Acquiring linguistic constructions. In: Kuhn, D., R. Siegler: Handbook of Child Psychology. New York (Wiley), S. 256 – 298.]

 




3 Gedanken zu „35.7.1 Der Lernprozess der Syntax einer Sprache erfolgt wie der Wortgebrauch (=Semantik) durch Nachahmung und Analogieschluss.“

  1. Spracherwerb ist ein Üben der Muskulatur von Mund und Schlund und parallel Atmung, Luftdurchlass, passiv/aktiv.
    Die „Figuren“ werden sozial verstanden als Orientierungshinweis.
    Der Fingerzeig wird abgelöst von differenzierenden Lauten, die auf etwas zeigen,
    das kognitiv bereits konstruiert ist.

  2. JA, das kommt in etwa hin
    der (Ver-) Schluckauf ist ziemlich universell

    … deshalb ist auch das „Bäuerchen“ so wichtig,
    auf wenn es u.U. den schönsten Auf- bzw. Anzug zu ruinieren
    in der Lage (zu sein) scheint

    Larynx = Pharynx
    geht garnicht
    … und kann infolge der Obstruktion u.U. auch existentiell extrem gefährlich werden

    der (Ver-) Schluckauf

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