35.9.3 In der Kommunikation wird durch die Fokussierung der Aufmerksamkeit die Angemessenheit des Zeichengebrauchs, d.h. des Umfangs der Bedeutungsgebung, und damit ein Bereich abweichenden Gebrauchs von Bezeichnungen (Über- oder Unterinklusion von Bedeutungen = Überdehnung oder Verengung) definiert.

Einige Burgenländer (es können auch Ostfriesen gewesen sein) waren in Südafrika im Urlaub. Als sie zurückkommen berichten sie begeistern von einem Besuch im Krüger Nationalpark:

„Da gab es ganz viel Dangerous. Sie sahen ganz verschieden aus. Es gab Dangerous, die aussahen wie Pferde im gestreiften Schlafanzug. Und es gab Dangerous, die aussahen wie ganz große Katzen mit einem Wuschelkopf. Und es gab Dangerous, die einen ganz langen Hals hatten, so dass sie Blätter von den Bäumen essen konnten.“

Die Zuhörer antworten:

„Spinnt Ihr? Das waren doch Zebras, Löwen und Giraffen. Was erzählt ihr den da?“

„Nein, nein, das waren Dangerous. Am Eingang des Parks stand ein ganz großes Schild: All Animals Are Dangerous!

 

Literatur:

„Es kann in der Tat einige Zeit dauern, bis die wiederholten sprachlichen und sozialen Interaktionen mit anderen Sprechern der Sprache die Gelegenheiten für jene Akkomodationen bieten, die notwendig sind, damit der Begriff, den das Kind etwa mit dem Wort »Gabel« verknüpft, dem vielfältigen Gebrauch dieses Wortes bei Erwachsenen angepaßt wird (zum Beispiel den Zusammenhang der Gabel mit Heu und Mist, mit Ästen, Fahrrädern, Straßen, Musikern oder auch Schachspielern).

Der Prozeß der Akkomodation und Feinabstimmung, der Bedeutung von Wörtern und sprachlichen Ausdrücken setzt sich ja tatsächlich für uns alle das ganze Leben hindurch fort. Gleichgültig, wie lange wir bereits eine Sprache sprechen, es wird immer wieder Situationen geben, in denen wir erkennen, daß wir ein Worot bislang auf eine Weise benutzt haben, die in gewisser Hinsicht eigenwillig gewesen ist.

Sobald wir einmal diese grundlegende und unentrinnbare Subjektivität der sprachlichen Bedeutung begriffen haben, können wir nicht länger die vorgefaßte Vorstellung aufrechterhalten, daß Wörter Ideen oder Wissen übertragen, noch können wir länger daran festhalten, daß ein Zuhörer, der anscheinend »versteht«, was wir sagen, notwendig begriffliche Strukturen besitzt, die mit unseren identisch sind. Wir erkennen statt dessen, daß »Verstehen« eine Sache des Passens ist und nicht der Übereinstimmung.“

Glasersfeld, Ernst von (1997): Wege des Wissens. Heidelberg (Carl Auer Verlag), S. 188.




2 Gedanken zu „35.9.3 In der Kommunikation wird durch die Fokussierung der Aufmerksamkeit die Angemessenheit des Zeichengebrauchs, d.h. des Umfangs der Bedeutungsgebung, und damit ein Bereich abweichenden Gebrauchs von Bezeichnungen (Über- oder Unterinklusion von Bedeutungen = Überdehnung oder Verengung) definiert.“

  1. @“»Verstehen« [ist] eine Sache des Passens […] und nicht der Übereinstimmung“

    Deswegen sagen Bayern: „Basst scho!“, wenn sie Zustimmung ausdrücken möchten.
    Ältere sagen: „alles klar!“ und „alles gut!“, Jugendliche: „alles korrekt!“ oder „wallah“ („isch schwöre!“).

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