36. Spiele und Spielregeln

„»Ich wollte ja nur sagen«, sprach der Brachvogel beleidigt, »daß das beste Mittel zum Trockenwerden ein Proporz-Wettlauf wäre.«

»Und was ist ein Proporz-Wettlauf?« frage Alice; nicht etwa, weil sie besonders neugierig darauf war, sondern weil der Brachvogel verstummt war, als ob hier eine Bemerkung am Platze sei und unter den übrigen Zuschauern dazu anscheinend keiner Lust hatte.

»Man kann es am besten erklären«, sagte der Brachvogel, »indem man es macht.« (Und da ihr es vielleicht einmal an einem Wintertag ausprobieren wollt, will ich erzählen,wie der Brachvogel es anstellte.)

Er legte zuerst die Rennbahn fest, eine Art Kreis (»auf die genaue Form kommt es nicht an«, sagte er), und die Mitspieler mußten sich irgendwo auf der Bahn aufstellen, wie es sich gerade traf. Es gab kein »Eins – zwei – drei – los!«, sondern jeder begann zu laufen, wann er wollte, und hörte auf, wie es ihm einfiel, so daß gar nicht so leicht zu entscheiden war, wann der Wettlauf eigentlich zu Ende war.

Nachdem sie indessen ungefähr eine halbe Stunde lang gelaufen und wieder ganz trocken geworden waren, rief der Brachvogel plötzlich: »Ende des Wettlaufs!«, und alle drängten sich noch ganz außer Atem, um ihn fragten: »Aber wer ist Sieger?«

Dies konnte der Brachvogel nicht ohne tieferes Nachdenken beantworten, und so saß er längere Zeit hindurch da und legte den Zeigefinger an die Stirn (eine Haltung, in der ihr gewöhnlich Goethe auf den Titelbildern sitzen seht), während ringsum alles schwieg und wartete. Endlich sagte der Brachvogel: »Alle sind Sieger, und jeder muss einen Preis bekommen.«

»Aber wer soll die Preise stiften?« rie ein ganzer Stimmenchor zurück.

»Nun, sie natürlich«, sagte der Brachvogel und deutete mit dem Finger auf Alice; und sogleich drängte sich die ganze Schar um sie und rief, wirr durcheinander schreiend: »Preise! Preise!«“

Carroll, Lewis (1865): Alice im Wunderland. Frankfurt (Insel) 1973, S. 30




5 Gedanken zu „36. Spiele und Spielregeln“

  1. 🤭 heute kam, bei der Beschäftigung mit den Formen Sätzen die Assoziation zu Psalmen:
    Wiki:
    “Die Psalmen zeigen die typische Technik der hebräischen Versdichtung, den parallelismus membrorum („parallel gestaltete Glieder“). Dabei werden zwei (oder selten drei) aufeinander folgende Zeilen als zusammengehörig gestaltet, indem die Aussage der ersten Verszeile in den nachfolgenden unter anderer Perspektive dargestellt wird. Dies kann als Wiederholung („synonymer Parallelismus“), als Gegensatz („antithetischer Parallelismus“) oder als Weiterführung („synthetischer Parallelismus“) der Aussage geschehen.[3]“

    und jetzt ist die Frage welcher Parallelismus/ Parallelismen jeweils benutzt werden,
    das könnte nochmals zusätzlich erhellend sein …

  2. @1
    nein, niemand kann allein die Regeln bestimmen,
    es braucht Mitspieler, die den Regeln folgen.

    Und wenn die Regeln identifiziert werden nennt man/ frau das Analyse oder auch Diagnostik.
    Und Therapie ist der „Versuch“ andere Regeln zu implementieren und die „Mitspieler“ zu verführen diese neuen Regeln zu befolgen…

  3. @1 sollte die Abstraktion der zitierten Passage sein von Carroll, Lewis (1865): Alice im Wunderland. Frankfurt (Insel) 1973, S. 30.
    Satz 36 ist ja nicht ausformuliert.

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