36.1 Soziale Systeme = Spiele.

Dass hier der Spielbegriff nicht (!) im Sinne der Unterscheidung Spiel/Ernst verwendet wird, sondern als definierte Menge bzw. Muster von Verhaltensregeln, die zu befolgen sind, sollte bis hierhin deutlich genug geworden sein.

Die Gleichsetzung von sozialem System und Spiel lässt sich dadurch legitimieren, dass soziale Systeme immer nur dann als abgegrenzte Einheiten entstehen und erhalten bleiben, wenn ein Set von Regeln von mehreren Akteuren akzeptiert und praktiziert wird, durch das eine Innen-außen-Unterscheidung zwischen denjenigen Akteuren, die sich an diese Regeln halten, und denen, die sich nicht an sie halten, entsteht, sowie eine Unterscheidung zwischen den kommunikativ vermittelten Verhaltenserwartungen innen und außen. Auf dem Spielfeld und während der Spielzeit muss man sich anders verhalten, als in einem anderen Kontext oder zu einer anderen Zeit, in dem/der andere Spielregeln zu beachten sind (oder auch gar keine).

 

Literatur:

„Ein Spiel spielen ist eine menschliche Tätigkeit, ausgeführt nach standardisierten Mustern, welch die Züge des Spiels genannt werden können. Diese Züge oder Muster – und damit auch das Spiel ’selbst‘ und die Tätigkeit des Spielens – werden, wie ich sagen werden, durch die Regeln des Spiels festgelegt. Vom Standpunkt des Spiels selbst aus betrachtet, so könnten wir sagen, legen die Regeln fest, welche Züge richtig sind. Vom Standpunkt der Spieltätigkeit aus, legen die Regeln fst, welche Züge erlaubt sind. Es versteht sich, daß inkorrekte Züge für die Spieler verboten sind und daß ein Zug, der in einer bestimmten Stellung der einzig richtige ist, für die Spieler obligatorisch ist.“

Wright, Georg Henrik von (1963): Norm und Handlung. Eine logische Untersuchung. Königstein (Scriptor Verlag) 1979, S.22.




5 Gedanken zu “36.1 Soziale Systeme = Spiele.”

  1. Die semantische Breite des Wortes „Spiel“ erschwert es, jemandem, der in einer für ihn, ernsten, schwierigen Situation gefangen ist, zu erklären um was es geht.

    Wenn ein soziales Geschehen nicht gut läuft, gibt es den Kommentar
    „Scheiß Spiel“.
    Dieser Kommentar nimmt, so empfinde ich es, der Situation die Schärfe und, je nach mitlaufender gezeigter Emotion, ermöglicht er Distanz.

  2. naja, das wäre ja endlich mal ein positiver Befund.
    Gut jedenfalls für das operative Geschäft. …

  3. @1: Wenn das Spiel (Thema) aktuell ist, sprechen einige (um es abzuwerten) vom „heißen Scheiß“.

  4. interessant, wie sich „Schulmeinungen“ während derartiger „Transaktionsprozesse“ verlieren und ggfalls auch völlig überflüssig werden können, wenn z.B. trotz psychiatrischen bzw. auch ärztlichen Einwirkens „Klienten“ (wieder) „gesund“ werden. (was immer gesund vs. krank bedeuten mag)

    hierzu Albert Schweitzer:

    „“Es gibt zwei Arten von Naivität: eine, die noch nicht alle Probleme überblickt und noch nicht alle Pforten des Wissens angeklopft hat, und eine andere, höhere, die so entsteht, daß das Denken in alle Probleme hineingeschaut, bei allem Wissen und Erkennen Rat geholt und dann einsieht, daß wir nichts erklären können, sondern Überzeugungen folgen müssen, die sich uns durch ihren inneren Wert aufdrängen.“

    aus „Das Christentum und die Weltreligionen“, 1922

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