36.4.3 Verbote erlauben, kreativ neue Verhaltensweisen zu erfinden und zu zeigen, soweit sie nicht gegen die Verbote verstoßen.

Eine oft zu beobachtende, nicht-intendierte Nebenwirkung von Verboten, ist die Förderung der Kreativität der Leute, die entweder nicht einverstanden mit ihnen sind, oder aber von cleveren Personen oder Organisationen, die ein Geschäftsmodell aufs diesen Verboten ableiten. Ein allseits bekanntes Beispiel war die P»rohibition«, d.h. das Verbot der Herstellung, des Transports und Verkaufs von Alkohol in den USA zwischen 1920 und 1933. Sie wurde zur Grundlage eines schwungvollen Schmuggels und Handels von Alkoholika, die aus Kanada über die Grenze gebracht wurden. Al Capone gründete sein Vermögen auf diesen Handel.

Ähnlich ist es jetzt mit dem Drogenhandel: Die mittel- und südamerikanischen Drogenkartelle würden nicht florieren, wenn es harte Drogen in jeder Drogerie zu kaufen gäbe (was jetzt nicht als Plädoyer für den freien Handel mit Opiaten oder synthetischen Rauschmitteln verstanden werden sollte – obwohl es sich lohnt, darüber zu diskutieren).




4 Gedanken zu „36.4.3 Verbote erlauben, kreativ neue Verhaltensweisen zu erfinden und zu zeigen, soweit sie nicht gegen die Verbote verstoßen.“

  1. „Wenn ich nicht Angst vor dem Haschisch hätte,
    würde ich mich damit statt mit Brot vollstopfen.“

    Flaubert

  2. ja, das kommt hin, so in etwa …
    Interessant, die Bezeichung „poppen“,
    wo kommt das wohl her, das Verb?
    Über dessen Substantivierung mag man garnicht
    nachdenken, ohne schamhaft zu erröten,
    so gemein ist das.

    „Als meine Eltern sich kennenlernten, arbeitete Mama als Näherin. Sie heirateten vor dem ersten Weltkrieg, überlebten den Krieg und die Inflation und warteten 15 Jahre, bis sie genug Geld für ein Kind hatten… und dann brachten sie mich hervor. Mama war 40 Jahre alt, als ich zur Welt kam. Sie hatte eine warme Altstimme und sang und summte ununterbrochen Volkslieder. Sie hörte damit auf, als wir in ein ‚bessere‘ Gegend umzogen. Einmal erzählte sie mir, daß sie, als sie noch Verkäuferin war, ein Bild gezeichnet und ein ein Kunde, ‚ein fescher Herr‘, sie zu ihrem Talent beglückwünscht hatte. Das war schon lange her, wie man der Geschichte entnehmen konnte, und jetzt war das Talent vergeudet und das Leben zur Routine geworden. Sie hat zweimal versucht, sich umzubringen. Als es das erste Mal passierte, gingen mein Vater und ich gerade spazieren. Es war Abend, und die Gaslichter waren eingeschaltet, aber eine der Zündflammen war defekt und gab einen klagevollen Laut von sich. Ich erschrak und drängte Papa, nach Hause zu eilen. Mutter lag in der Ecke, bewußtlos, umgeben von einer Gaswolke. Dreizehn Jahre später gelang es ihr. Oft lief sie in wilder Verzweiflung zum Fenster, und ich mußte meine ganze Kraft aufwenden, um sie am Springen zu hindern. Viele Jahre nach ihrem Tod, als ich die Möbel zum Verkauf zusammenstellte, fand ich hinter dem großen Schlafzimmerspiegel und den Schränken eine Notiz von ihr. „Gott hilf mir!“, stand dort. „Ich kann nicht mehr.“

    Wenn ich Mutter in meinen Träumen sehe, ist es immer eine schwierige Begegnung. Sie kann freundlich sein, sie kann sogar lächeln, aber ich muß mich in acht nehmen, weil Gebärden des Wahnsinns und amouröse Anspielungen nie weit voneinander entfernt sind. Mehr als einmal träumte ich davon, daß ich eine ältere Frau, sogar eine sehr alte Frau, geheiratet hatte und mich fragte, wie ich aus dieser Verlegenheit wieder herausfinden könnte. Dennoch schlief ich mit ihr, aber es war mir nicht angenehm, ich spürte sogar Widerwillen: es war meine Mutter in einer ihrer vielen Verkleidungen.“

  3. „Letzter Abend mit Corinna in Istanbul. Keine Knete mehr, aber Durst wie Sau. Dem deutschkundigen Bettler im Vergnügungsviertel winken wir zunächst ab („Ha’m ja selber nicht genug“), bis uns einfällt: Vielleicht kennt er ja eine gute Adresse, um billig durch den Abend zu kommen. Tut er auch, führt uns zu einem Straßencafé in Hafennähe, ist aber hinterher, des beschämend niedrigen Trinkgeldes wegen, unglaublich sauer. Wir versuchen uns zu entschuldigen: „Wir sagten doch, wir sind finanziell am Ende! Wir hätten doch sonst nicht gefragt!“ Er aber beschimpft uns noch etwa zehn Minuten lang, bis die Getränke serviert werden, und er endlich geht.
    Doch es stimmt, wir müssen ihm dankbar sein, alles ist hier überraschend billig – überdies spendieren uns die Männer und Frauen, die uns schnell umringen, viele weitere Getränke und schließlich sogar einen riesigen Obstsalat. Irgendwann wird uns, selbst durch den Nebel des Efes Pilsen Bira, klar, dass unsere Oberschenkel gerade eifrig gestreichelt werden: Corinnas von einer drahtigen kleinen Lesbe, meine von einem stillen Herrn mittleren Alters. Wir schauen uns um, sehen die vielen gleichgeschlechtlich miteinander Turtelnden, wischen Hände weg, entschuldigen uns, springen auf und torkeln davon – noch eine Viertelstunde hören wir, wie die geprellten Buhler hinter uns herteufeln. Aber das ist eben der Preis des preiswerten Reisens: An die ständigen Beschimpfungen muss man sich schon gewöhnen.“
    Mark-Stefan Tietze

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