36.5 Welche Spiele gespielt werden, ist in der Kommunikation an Kontextmarkierungen erkennbar.

In der Experimentalpsychologie ist ein Experiment Pawlows berühmt geworden, das als Erzeugung einer „Experimentalneurose“ verstanden wurde. Dabei werden einem Hund zwei alternative „bedingte Reize“ gegeben – z.B. ein Kreis und eine Ellipse.  Auf beide Reize werden vom Hund unterschiedliche Reaktionen erwartet und, wenn er sie zeigt, entsprechend belohnt, d.h. sie werden „positiv verstärkt“. Nun werden die Unterschiede zwischen Kreis und Ellipse immer mehr verringert, d.h. irgendwann sind Kreis und Ellipse nicht mehr für den Hund zu unterscheiden. Dann beginnt der Hund irgendwelche Symptome zu zeigen: Er beißt den Experimentator, verweigert die Nahrung o.Ä.

Die übliche Interpretation dieser Symptombildung lautet: Die Unterscheidung des Hundes zwischen Kreis und Ellipse  bricht zusammen. Das ist ja sicher nicht falsch – aber reicht das, um die Symptombildung zu erklären?

Gregory Bateson, einer der Gründerväter systemischen Denkens im Bereich der Verhaltenswissenschaften, bietet eine alternative Erklärung. Er deutet das anfängliche Lernen des Hundes als Erkennen eines  spezifischen Kontextes (hier „Spiel“ genannt) und die Symptombildung als Resultat der Unfähigkeit zu erkennen, dass nun eine anderer Kontext gegeben ist, in dem nicht mehr richtig und falsch unterschieden werden kann. Und in der Kommunikation zwischen Experimentator und Hund gab es keine Markierung, dass der Hund es mit zwei unterschiedlichen Kontexten zu tun hat, die zu unterscheiden sind…

 

Literatur:

Der Hund hat gelernt, daß es sich hier um einen Kontext der Unterscheidung handelt. Das heißt, daß erauf zwei Reize achten »sollte«, und daß er nach einer Möglichkeit suchen »sollte«, sich nach einem Unterschied zwischen ihnen zu verhalten. Für den Hund ist das die gestellte »Aufgabe« – der Kontext, in dem sein Erfolg belohnt wird.

Offensichtlich kann ein Kontext, in dem kein wahrnehmbarer Unterschied zwischen den beiden Reizen besteht, nicht ein solcher der Unterscheidung sein. […] … der Hund wurde dazu dressiert, mit einem Kontext der Unterscheidung zu rechnen. Diese Interpretation überträgt er nun auf einen Kontext, der nichts mit Unterscheidung zu tun hat. Er wurde gelehrt, nicht zwischen zwei Klassen von Kontexten zu unterscheiden.“

Bateson, Gregory (1979): Geist und Natur. Eine notwendige Einheit. Frankfurt (Suhrkamp) 1982, S. 151.




5 Gedanken zu “36.5 Welche Spiele gespielt werden, ist in der Kommunikation an Kontextmarkierungen erkennbar.”

  1. naja, erst kommt das Fressen
    und dann die Moral …

    weshalb es sich auch nicht empfiehlt,
    schlafende Hunde zu wecken
    (alte Bauernweisheit) ,
    wenn man nicht gerade vertraut ist mit
    dem Spruch :

    Der Bauer: „Weck mich wann ich Hunger han …“
    em Bauer sei Fraa: „Ei wann hasche dann Hunger, Schorsch?“
    Der Bauer: „Ei wannde mich wecksch.“

    … wobei Hunger auch durch Dorscht (Durst)
    auszutauschen wäre, inbesondere wenn es sich
    z.B. um Gerstenkaltschalen o.ä.
    oder
    auch um
    „roschtische Ritter mit Weinsoß“
    handelt …

  2. Kontext-Markierungen:
    Der Heilige Stuhl, von dem aus der Papst Bekanntmachungen ex cathedra verkündet, die dadurch eine besondere Geltung erhalten.
    Das Placebo, durch welches der Arzt die Grundlage für eine Veränderung in der subjektiven Erfahrung des Patienten legt.
    Der glänzende Gegenstand, den einige Hypnotiker verwenden, um jemanden in Trance zu versetzen.
    Die Alarmsirene und die Entwarnung (Feuer, Atomunfall, Luftangriff).
    Der Handschlag von Boxern vor dem Kampf.
    Die Einhaltung der Etikette.

  3. Kontext:
    Jede Einzelheit des Universums so sehen, als ermögliche sie eine Sicht des Ganzen.

    Wie William Blake in den „Auguries of Innocence“:

    To see the World in a Grain of Sand
    And a Heaven in a Wild Flower
    Hold Infinity in the palm of your hand
    And Eternity in an hour.

    Die Welt sehn in einem Körnchen Sand
    Den Himmel in einem Blütenrund
    Die Unendlichkeit halten in der Hand
    Die Ewigkeit in einer Stund.

  4. Was wäre, wenn nicht bei Hunden, sondern bei Computern eine Experimentalneurose erzeugt worden wäre?
    „Der deutsche Physiker, Mathematiker und Informatiker Bernhard Schölkopf hat mathematische Verfahren entwickelt, die maßgeblich dazu beitrugen, der Künstlichen Intelligenz (KI) zu ihren jüngsten Höhenflügen zu verhelfen. Schölkopf und sein Team erforschen Algorithmen, mit denen Computerprogramme flexibel auf Situationen reagieren können, zum Beispiel für selbstfahrende Autos. Er hat zentrale Methoden für das maschinelle Lernen etabliert, von denen Anwendungen in der Biologie, der Medizin, den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und zahlreichen anderen Feldern profitieren.“
    https://www.koerber-stiftung.de/koerber-preis-fuer-die-europaeische-wissenschaft/bisherige-preistraeger/2019

  5. Cat Stevens: I Love My Dog

    Ich liebe meinen Hund
    genauso wie ich dich liebe,
    du magst ja möglicherweise verblassen,
    mein Hund aber wird alles überstehen.

    Das einzige, das er von mir verlangt,
    ist sein Futter, das ihm Kraft gibt.
    Alles was er je brauchen wird ist Liebe
    und er weiß, dass er sie bekommt.

    Deswegen liebe ich meinen Hund,
    genauso wie ich dich liebe,
    du magst ja möglicherweise verblassen,
    mein Hund aber wird alles überstehen.

    Das Leuchten seiner Augen ist mir Lohn genug,
    und ich brauche kein kaltes Wasser, um
    zu erkennen, dass

    ich meinen Hund genauso liebe,
    wie ich dich liebe
    du magst ja möglicherweise verblassen,
    mein Hund aber wird alles überstehen.

    Na, na, na, na, na, na, na, nana??

    Ich liebe meinen Hund, Baby, ich liebe meinen Hund. Na, na, na?
    Ich liebe meinen Hund, Baby, ich liebe meinen Hund. Na, na, na?

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