36.6 Um sich den präskriptiven und deskriptiven Regeln eines Spiels entsprechend zu verhalten, braucht ein Spieler kein dieses spezielle Verhalten begründendes Motiv, er braucht lediglich ein Motiv zum Spielen des Spiels.

Man will dazugehören, als tut man, was man tun muss, um dazuzugehören…

Die Nazi-Zeit in Deutschland liefert viele erschütternde Beispiel für diese Meta-Regel. Man braucht kein eigenes Motiv um Menschen umzubringen, wenn es zu den Spielregeln der Organisation gehört, deren Mitglied und Rollenträger man ist. Man reicht, ein Motiv dafür zu haben dazugehören zu wollen (und sei es nur die Erwirtschaftung des eigenen Lebensunterhalts oder auch die Vermeidung von Sanktionen wie etwa bei Verweigerung des Wehrdienstes), dann braucht man kein Motiv mehr, um Massenmorde an Menschen zu vollziehen, die einem nichts getan haben, ja, die man nicht einmal kennt.

 

Literatur:

„Es hätte fast schon etwas Beruhigendes, wenn man den Holocaust allein aus einem Motiv heraus erklären könnte – etwa dadurch, dass sich ein Haufen überzeugter Nationalsozialisten zusammengetan hätte, um ihr Programm des »eliminatorischen Antisemitismus« in die Tat umzusetzen, oder durch eine erfolgreiche »rassistische Indoktrination« großer Teile der Bevölkerung. Zur Verhinderung weiterer Genozide würde es dann ausreichen, den »rassistischen Haufen« zu identifizieren und ihn mit politischen Mitteln zu bekämpfen oder der rassistischen Indoktrination mit einer entsprechenden Aufklärungskampagne entgegenzuwirken.

Aus einer soziologischen Perspektive liegt das Beunruhigende am Holocaust darain, dass es bei organisierten Gewaltanwendungen zweitrangig ist, aus welchen Motiven sich Personen an Folterungen, Erschießungen oder Vergasungen beteiligen. Auf Gewaltanwendung spzialisierte Organisationen müssen sich natürlich darauf einstellen, ob ihre Mitglieder sich mit dem Zweck der Tötungen  voll identifizieren – ob die Zwecke der Organisation also mit deren eigenen Motiven weitgehend übereinstimmen, ob sie den Zwecken der Organisation eher neutral gegenüberstehen und sich die Beteiligung an von der Organisation als sinnvoll erachteten Handlungen »abkaufen« oder »abnötigen« lassen oder ob sie den konkreten Handlungen vielleicht sogar mit Skepsis begegnen. Was am Ende für die Organisation zählt, ist allein, dass die von ihr erwarteten Handlungen ausgeführt werden.“

Kühl, Stefan (2004): Ganz normale Organisationen. Zur Soziologie des Holocaust. Frankfurt (Surhkamp), S. 245f.




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