36.6.2 Spielregeln entstehen und erhalten sich, weil Spieler erwarten, dass von ihnen ein bestimmtes Verhalten erwartet wird (=Erwartungs-Erwartungen).

Erwartungen erleichtern die Koordination der Handlungen einer Vielzahl von Akteuren schon deshalb, weil die Beteiligten nicht alles zu erwarten haben. Dadurch wird die Komplexität ihrer Situation, die Menge der Möglichkeiten, radikal reduziert. Je eindeutiger die erwarteten Handlungen definiert sind, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie realisiert werden. Wer zum Friseur geht, um sich die Haare schneiden zu lassen, kann damit rechnen, dass ihm nicht der Zahn gezogen wird. Von den Erwartungen abweichendes Verhalten bedarf der expliziten Begründung. Wer den Erwartungen entspricht, braucht dies nicht zu rechtfertigen. Sein Handeln erscheint selbstverständlich und sinnvoll, es ist „anschlussfähig“, das heißt, alle anderen wissen auch, was sie zu tun haben. Nur auf der Basis von Erwartungen, die über die Zeit tradiert werden, können soziale Strukturen (= soziale Spielregeln) erhalten werden, das heißt, ihre Elemente (Kommunikationen) können immer wieder
neu reinszeniert werden.

 

Literatur:

„Erwartungsstrukturen sind zunächst ganz einfach Bedingungen der Möglichkeiten anschlussfähigen Handelns und insofern Bedingungen der Möglichkeit der Selbstreproduktion der Elemente durch ihr eigenes Arrangement. Die Elemente müssen, da zeitgebunden, laufend erneuert werden; sonst würde das System aufhören zu existieren. Die Gegenwart entschwände in die Vergangenheit und nichts würde folgen. Dies ist nur zu verhindern dadurch, dass der Handlungssinn in einem Horizont der
Erwartung weiteren Handelns konstruiert wird – sei es, dass man Fortsetzung einer sinnverdichteten Sequenz erwartet so wie beim Wählen einer Telefonnummer die nächste Zahl; sei es, dass man komplementäres andersartiges Verhalten erwartet so wie beim Klingeln das Öffnen der Tür. Es scheint dann so, als ob das Handeln sich selbst seiner momenthaften Vergänglichkeit entzieht, sich über sich hinausschwingt.“

Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Frankfrut (Suhrkamp), S. 392.




8 Gedanken zu “36.6.2 Spielregeln entstehen und erhalten sich, weil Spieler erwarten, dass von ihnen ein bestimmtes Verhalten erwartet wird (=Erwartungs-Erwartungen).”

  1. Was ist mit enttäuschten Erwartungen und illusorischen Erwartungen der Gesellschaft, beispielsweise die der Politik offener Grenzen, die von Wunschdenken geprägt war, so wie die Einführung der doppelten Staatsangehörigkeit, die mit der Erwartung verbunden war, die Integration von Türken würde dadurch gefördert – eine Illusion.

  2. @1: Enttäuschte Erwartungen führen nicht zu Erwartungs-Erwartungen, d.h. zu keinen neuen Spielregeln bzw. zur Änderung von Spielregeln, falls sie mal bestanden haben sollten. Deswegen haben ja auch die z. Zt. beobachtbaren Tabu-Verletzungen von Populisten solch eine destruktive gesellschaftliche Wirkung.

  3. @2: Doch vielleicht führt die Enttäuschung von Erwartungen (etwa durch die z. Zt. beobachtbaren Tabu-Verletzungen von Rechts-Populisten) zu Veränderungen der Erwartungs-Erwartungen, d.h. zwar nicht zu neuen Spielregeln, sondern zu veränderten Spielregeln. Vgl. Angela Merkels ersten öffentlichen Auftritt in Stralsund nach der Sommerpause, bei dem sie sagte, dass sie mit der Kontroverse um ihre Migrationspolitik leben müsse. Trotzdem würde sie immer sagen, „dass es richtig war, dass wir in einer humanitären Ausnahme- und Notsituation geholfen haben“. Deutschland könne nicht nur an sich selbst denken.
    Noch haben sich zu diesem Thema keine eindeutigen Spielregeln gebildet, die von allen akzeptiert werden, wenn es um Zuwanderung und Integration der Zuwanderer geht. Auch in vielen anderen sozialen Fragen gibt es keine klaren Verhaltensrichtlinien, die als eindeutig normengerecht oder normenabweichend gelten. Die Erwartungs-Erwartungen sind in diesen Fällen umstritten.

  4. Habe eine Frage, die jemand, der einen Artikel über Heinz von Foerster schreibt, dringend an mich herangetragen hat – und finde die Textstelle nicht (resp. habe die Literatur gerade nur teilweise zur Hand):

    Wo schreibt Heinz von Foerster über seine Verwandtschaft zu L.W. und Hugo von Hoffmannsthal. Wo „sagt“/“schreibt“ er das zitierbar, das heißt unmittelbar?

    Ich habe nur den Text aus der Einleitung von „Sicht und Einsicht“ – en miniature in Current Anthropology, 1964, Bd. 5, S. 330 – da erwähnt er zwar den Wiener Kreis, aber …

    Wäre überaus dankbar für eine zu zitierende Stelle.

  5. Naja, Erwartungs-Erwartungen erweisen sich dann als besonders destruktiv, wenn fortgesetzt „Gewinnerwartungsabsichten“ bestehen, worauf auch die Mehrzahl baut, setzt und wettet, während die Mann-/bzw. „Frau“schaft jedoch ein Eigentor nach dem anderen zu produzieren pflegt. …

    Man könnte das Gesamt-Ergebnis vielleicht auch als „Non-Petry-butt-Pauli-Effekt“ bezeichnen, zumal es völlig wurst ist, ob man im Endergebnis die Unterscheidung zwischen „physisch“ und „psychisch“ bzw. zwischen „physikalisch“ und „chemisch“ noch weiterzupflegen gedenkt.

    Eigentor bleibt Eigentor bleibt Eigentor …,
    lediglich die Anzahl zählt im Anschluß daran über den weiteren Verbleib.
    Im Zweifel fliegt man/frau dann eben aus der bisher als sicher geglaubten Position
    innerhalb seiner/ihrer bisherigen Liga raus.

    Statistisch gesehen interessiert im Anschluß daran,
    nur noch cui bono?
    und auch, ob noch Geld eingeht und die Rechnung bezahlt wird,
    z.B. bei der Spruchbänder-Firma, die „We make Sachsen scheen again“ erfunden hat …

    … das alles ist zwar nicht unbedingt die Folge mehrerer bis zahlreicher Niederkünfte,
    sondern eher eine Frage, wo und wie letztlich das Runde im Eckigen gelandet ist,
    und die Spielregeln in positiver Form bestätigen können…

    Ergo: Im Endeffekt manifestieren sich die Auswirkungen dann eben einzig und allein als soziales Phänomen …
    Zudem muß auch klar sein:
    … mit jedem Abpfiff wird eine -wie auch immer gestaltete- Matrix überflüssig und geht zugrunde,
    d.h. sie verliert -zumindest zeitweilig- ihren Sinn und Zweck …
    … bis sie sich aus gutem Grund dann eben wieder zusammenfindet
    und das bzw. die nächsten (faulen) Eier einzubetten sucht …

    🙂

  6. @4
    Heinz von Foerster: Mein wunderbarstes Erlebnis. In: „Die Zeit“ (Hamburg) vom 20. Januar 2000

  7. 7) Aber da geht es doch nicht darum … oder haben Sie gar einen anderen Text? Können Sie das Zitat hier einfügen (besser: mir persönlich schicken christophATkabelplus.at)
    L.W. als „Nennonkel“ … suche ich.
    Bin immer sehr misstrauisch bei solchen G’schichteln.

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