37.2.3 Interaktionsepisode: Kommunikation erfolgt in der Zeit, das heißt, vor einem Sprechakt gab es Ereignisse in der Interaktion der Kommunikationsteilnehmer, die ihn bzw. seine Bedeutung in einen Rahmen setzen, und nach ihm geht die Interaktion weiter und färbt nachträglich die Bedeutung des Gesagten.

Anders als gedruckte Texte erfolgen sprachliche Äußerungen stets als Elemente einer zusammengesetzten Einheit: der Interaktion. Was vor einem Satz (z.B. einer Beleidigung ad personam) geschehen ist, bildet einen Kontext, der die Interpretation leitet. Wer die Vorgeschichte solch einer Beleidigung (um das Beispiel auszureizen) nicht kennt, kann nicht wissen, wie sie zu verstehen ist. Auch wer nicht beobachten kann, was anschließend geschieht, kann dies nicht wissen. Es macht einen Unterschied, ob nach dem Austausch von Verbalinjurien die Kontrahenten sich in die Arme fallen, wütend die Tür zuschlagen, laut lachen usw. Es ist die gesamte Episode, die nötig ist, um die Worte deuten zu können. (Dass man solche Episoden unteschiedlich konstruieren kann, sei hier schon angemerkt; das führt dann oft zu Konflikten, s. Sätze 67ff.).

Die mangelnde Kontextualisierung ist einer der Gründe, warum niemand Inhalte, die emotional relevant sind oder sein könnten (für den Sender oder den Empfänger) in einer e-mail mitteilen sollten. Der Empfänger kennt den aktuellen Kontext – den Gemütszustand des Senders z.B. – nicht, in dem die Botschaft gesendet wird, d.h. er weiß im Unterschied zur Kommunikation unter Anwesenden nicht, was zuvor geschah und in welcher guten oder schlechten Laune/Verfassung der Sender gerade war, als er die Mail gesandt hat. Genauswenig ist vorhersehbar, in welchem Geisteszustand der Empfänger sich befindet, wenn er die Mail liest. Dass sie obendrein noch an Tausende von potenziellen Empfängern weitergeleitet werden kann, die sie dann ebenfalls vollkommen kontextfrei – und  daher mit großer Wahrscheinlichkeit anders als vom Sender gemeint – lesen werden, sollte alle über die reine Sachinformation hinausgehenden Inhalte der Face-to-face-Kommunikation (unter nicht nur vor einem Bildschirm Anwesenden) vorbehalten.

Anzunehmen, dass Emojis die Teilnahmen an der Interaktion ersetzen können, ist ziemlich naiv.

In der Klassifizierung von Pearce und Cronen bilden Interaktionsepisoden („Episodes„) „Level 4“.

 

Literatur:

„Level 4

Episodes are »communicative routines which [the participants] view as distinct wholes, separate from other typex of discourse, characterized by special rules of speech and nonverbal behavior and often distinguished by clearly recognizabel opening or closing sequences« (Gumperz 1972, p. 17). The distinguishing characteristic of episodes is that they  include a temporally extensive pattern as well as an abstract meaning, such that a particular speech act, when perceived aspart ofan episode, is not only contextualized hierarchidally but also temporally. The meaning of the act entails and is entailed by the context of the preceding and subsequent  acts.“

Pearce, W. Barnett, Vernon E. Cronen (1980): Communication, Action, and Meaning. The Creation of Social Realities. New York (CBS Educational and Professional Publishing), S. 134.

 

[Gumperz, J, J. (1972): Introduction. In: Gumperz, J. J., Del Hymes (eds.): Directions in Socio-linguistics. New York (Holt, Rinehart and Winston), pp. 1 – 25.]




Ein Gedanke zu „37.2.3 Interaktionsepisode: Kommunikation erfolgt in der Zeit, das heißt, vor einem Sprechakt gab es Ereignisse in der Interaktion der Kommunikationsteilnehmer, die ihn bzw. seine Bedeutung in einen Rahmen setzen, und nach ihm geht die Interaktion weiter und färbt nachträglich die Bedeutung des Gesagten.“

  1. @“warum niemand Inhalte, die emotional relevant sind oder sein könnten (für den Sender oder den Empfänger) in einer e-mail mitteilen sollte“

    Wie verhält es sich mit Liebesbriefen?

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