37.2.6 Kulturelles Muster: In unterschiedlichen Kulturen werden unterschiedliche Geschichten erzählt und unterschiedliche Spiele gespielt, Sprechakte sind verschieden, da Mimik und Gestik anders genutzt werden usw., sodass der kulturelle Kontext, in dem eine Face-to-face-Kommunikation stattfindet, stets die Bedeutungsgebung individuellen Verhaltens (mit-)steuert.

Wie Geschichten und welche Geschichten in einer Kulture erzählt werden, scheint sehr spezfisch zu sein. Ein Beobachter, der mit den im Laufe seiner Sozialisation erworbenen Erwartungen die Geschichten, die in anderen Kulturen erzählt werden, hört oder liest, ist oft genug erstaunt, welche Geschichten dort nicht nur im Volksgut tradiert werden, sondern auch aktuell populär sind. Das zeigt sich – objektivierbar – welche Filme oder Romane in welchen Gegenden der Welt erfolgreich verkauft weden oder floppen. Die Selektion der Geschichten wird von abstrakten kulturellen Mustern bestimmt, die den ganzen Alltag durchdringen, aber sich in Geschichte besonders deutliich manifestieren.

Perce und Cronen, um sie und ihre Klassifizierung hier noch einmal ins Feld zu führen, sehen in diesen Mustern „Archetypen“, die möglicherweis sogar jenseits kultureller Unterschiede eine gemeinsame Rahmung der Kommunikation leisten („Level 6“).

Konkreter und besser beobachtbar dürften aber die kulturellen Muster sein, die innerhalb eines Kulturkreises das Denken und Entscheiden der Individuen leiten. Allerdings muss dann noch weiter differenziert werden, denn im Allgemeinen ist kein Mensch nur Mitglieder einer Kultur, sondern mehrerer Kulturen (wie Claude Lévi-Strauss betont, s. unten), was die Kompexität der Situation und ihrer Deutunsgmöglichkeiten erhöht und die Wahrscheinlichkeit, dass die Teilnehmer an der Kommunikation sich über die jeweilige Kontextualisierung einigen können reduziert. Konflikten sind Tür und Tor geöffnet.

 

Literatur:

„Level 6

Archetypes are at the highest level of the hierarchy. All of the levels of meaning discussed above comprise a way of punctuation the sensory inputs from the events and entities of experience. We have argued that such punctuation of interpretation is irrelevant to the criterion of truth, but that it is also not capricious. There is a fundamental logic that is used to frame experience, and at the most abstract levels this comprises archetypes. We are not sure whato form archetypes take, and in this we are in excellent company.“

Pearce, W. Barnett, Vernon E. Cronen (1980): Communication, Action, and Meaning. The Creation of Social Realities. New York (CBS Educational and Professional Publishing), S. 137f.

„Ein und dieselbe Menge von Individuen steht, vorausgesetzt, daß sie in Zeit und Raum objektiv gegeben ist, gleichzeitig in mehreren Kultursystemen: in einem universellen, einem kontinentalen, einem nationalen, einem provinziellen und lokalen, schließlich einem familiären, beruflichen, konfessionellen, politischen und so fort.“

Lévi-Strauss, Claude (1958): Strukturale Anthropologie. Frankfurt (Suhrkamp) 1967,  S. 321.

„Man könnte einen Kulturbegriff mit Bezug auf Handlung, Rolle und System allenfalls dort einsetzen, wo es um die Form der Handlung, die Form der Rolle und die Form des Systems geht. Das würde bedeuten, daß unter dem Stichwort »Kultur«, Handlungen, Rollen und Systeme auf das hin beobachtbar werden, was sie einschließen, wie auch auf das, was sie ausschließen. Als Kultur würde das heißen, wären Orientierungen, Erwartungserwartungen und Reproduktionensformen von Kommunikation auf ihre Selektivität, auf ihre Unwahrscheinlichkeit, auf ihre Umweltblindheit hin beobachtbar und mit den entprechenden Instrumentarien von »Kulturkritik« auch trefflich zu verwirren.“

Baecker, Dirk (2000): Wozu Kultur? Berlin (Kadmos), S. 105.




Ein Gedanke zu „37.2.6 Kulturelles Muster: In unterschiedlichen Kulturen werden unterschiedliche Geschichten erzählt und unterschiedliche Spiele gespielt, Sprechakte sind verschieden, da Mimik und Gestik anders genutzt werden usw., sodass der kulturelle Kontext, in dem eine Face-to-face-Kommunikation stattfindet, stets die Bedeutungsgebung individuellen Verhaltens (mit-)steuert.“

  1. @“In unterschiedlichen Kulturen werden unterschiedliche Geschichten erzählt und unterschiedliche Spiele gespielt“

    Dieser Satz setzt die erst in den Erläuterungen zu den Unterschieden voraus. Vielleicht sollte dieser Satz deshalb mit einer Aufzählung dieser unterschiedlichen (Unter)Kulturen beginnen? Erst danach sollte Satz 37.2.6 das Unterscheidungskriterium benennen.

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