37.4 Es gibt in der Interpretation des gesprochenen Wortes keine Hierarchie unter den Deutungsrahmen/Kontextualisierungen.

Aus der Außenperspektive eines Analytikers kann man wahrscheinlich – wie Pearce und Cronen das tun – eine Hierarchie in der Ordnung der Kontextualisierungen sehen. Aber in der Praxis der Kommunikation hat jeder Teilnehmer die Option, die Rahmung des Geschehens vorzunehmen, die ihm zupass kommt. Zum einen gibt es keine verbindliche Reihenfolge, die für jedermann verpflichtend ist/wäre, zum anderen ließe sie sich, falls es sich geben sollte, nicht durchsetzen.

Dies vorausgesetzt kann aber dennoch unterstellt werden, dass in der Kommunikation innerhalb eines gegebenen kulturellen Rahmens, über die kulturellen Muster keine spezielle Einigung herbei geführt werden muss, da sie stillschweigend vorausgesetzt werden.

Ganz generell kann festgestellt werden, dass jede dieser Rahmungen alle anderen „kommentiert“, d.h. jede Kontextualisierung kann in der hierarchisch übergeordneten Weise von den Kommunikationsteilnehmern genutzt werden. Konkret heißt das: Der Inhalt einer Rede kann die kulturellen Muster kommentieren und in Frage stellen, so wie die Geschichte, in die er eingeordnet wird, die verkündeten Inhalte bestätigen oder Lügen strafen kann. Wenn „Authentizität“ von Personen, die im öffentliche Raum ihre Ideen verkünden gefordert wird, so können sie dieser Forderung nur gerecht werden, wenn all diese Level sich gegenseitig bestätigen (= confirmation). Das ist schwierig, weil die Wahrscheinlichkeit „performativer Widesprüche“ riesig ist, d.h. dass Reden und Tun oder auch die Geschichten, die man erzählt und hört, und die kulturellen Erwartungen sich widersprechen.




2 Gedanken zu „37.4 Es gibt in der Interpretation des gesprochenen Wortes keine Hierarchie unter den Deutungsrahmen/Kontextualisierungen.“

  1. @“die Wahrscheinlichkeit „performativer Widersprüche“ [ist] riesig“

    Vertrauen in eine Person beruht auf der von Ihnen beschriebenen Authentizität dieser Person, die sich ergibt, wenn all diese Level sich gegenseitig bestätigen (= confirmation), wie Sie schreiben. Doch da niemand eine in sich widerspruchsfreie Person sein kann, die zudem vielen sich widersprechenden Kontexten („Kulturen“ im zuvor dargestellten weiten Sinn) und Interessen gerecht werden muss, führt das leicht zu Irritationen und Misstrauen.
    Deshalb misstrauen die Palästinenser dem Friedensvorschlag von Donald Trump. Er selbst ist zwar völlig authentisch in seiner egozentrischen Dealmaker-Mentalität und identisch mit seinem früheren Verhalten, doch dieses Verhalten zielte niemals auf Frieden. Das macht den Friedensplan verdächtig. Anders wäre es gewesen, wenn Mahatma Ghandi, Nelson Mandela oder Angela Merkel genau denselben Friedensplan vorgelegt hätten. Dann hätte er nicht allein mit Hinweis auf den Urheber zurückgewiesen werden können., denn allen ist klar, dass dieser Plan nicht von Trump stammt, sondern von den Israelis. Die sollten sich einen glaubwürdigeren (neutraleren) Friedensvermittler aussuchen.

  2. @1
    Ein weiteres Beispiel für „performativer Widersprüche“ liefert die Zölibat-Diskussion in der katholischen Kirche. Die Priester können nicht die reine (Gottes)Liebe predigen und die sündige (Leibes)Liebe praktizieren. Ebenso wenig wie sie Wasser predigen und (Mess)Wein trinken können – schon gar nicht in der Fastenzeit.
    In diesem absoluten Sinne ist „Authentizität“ menschenunmöglich und deshalb schon wieder unglaubwürdig. Lieber mal ein emotionaler Wutausbruch von Robert Habeck wegen Trumps Davos-Rede, als diplomatische Zurückhaltung aus Gründen der Kanzlertauglichkeit.

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