38. Beschreiben, Erklären, Bewerten

Wenn wir fragen, was ein Beobachter sieht, hört oder riecht, so wird er – wenn er die Umgangssprache seines jeweiligen Kulturkreises verwendet – erfahrungsgemäß nicht nur eine Aufzählung seiner Sinneswahrnehmungen als Aneinanderreihung oder Aufzählung von Daten liefern, sondern er wird diese von ihm wahrgenommenen, vermeintlichen „Fakten“ auch noch deuten. Er wird sie erklären, und er wird sie bewerten. Der Anthropologe Clifford Geertz spricht in diesem Zusammenhang von „dichter Beschreibung“ – und verwendet damiteinen Begriff, den er von dem Oxforder Philosophen Gilbert Ryle übernommen hat. Mit dem Begriff der Verdichtung will er bezeichnen, dass man als Beobachter eigentlich nie (oder nur selten) irgendwelche Phänomene wahrnimmt, sondern sie immer schon erklärt. Diese Verdichtung von Beschreibungen hat sowohl für die individuelle Wirklichkeitskonstruktion wie auch für die Kommunikation einen ökonomisierenden Effekt: Man braucht nicht erst die Fakten aufzuzählen, um sie dann zu erklären und dann auch noch zu bewerten, sondern man tut dies alles mit einer einzigen Operation, der Konstruktion einer „dichten Beschreibung“, d. h. einer Beschreibung, die gleichzeitig und implizit erklärt und bewertet. Doch dies ist – aus der nüchternen Perspektive des Beobachters 2. Ordnung gesehen – nicht ohne Risiko und Tücke. Denn sprachliche Darstellungen der Welt leiten Handlungen. In diesem Zusammenhang ist es mit erheblichen Gefahren verbunden, wenn nicht zwischen der Beschreibung und/oder Wahrnehmung von Daten und der Erklärung ihres Zustandekommens unterschieden wird. Die Handlungskonsequenzen von Weltbildern orientieren sich nur selten an Daten, sondern weit mehr an deren Erklärung und Bewertung. Daher gehört es zu den wichtigsten Methoden in der systemischen Therapie und Beratung (wahrscheinlich sogar aller Beratungsmethoden), den beschriebenen Phänomenen eine alternative Erklärung zu geben (=“Umdeutung“).

 

Literatur:

„Schon auf der Ebene der Fakten, dem unerschütterlichen Felsen des ganzen Unternehmens (wenn es den überhaupt gibt), erklären wir, schlimmer noch: erklären wir Erklärungen.“

Geertz, Clifford (1973): Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller
Systeme. Frankfurt (Suhrkamp) 1987, S. 14.




1 Gedanke zu “38. Beschreiben, Erklären, Bewerten”

  1. Tückisch sind auch scheinbar beschreibende Vokabeln, die eine Bewertung suggerieren:
    Kernkraft für Atomkraft, Kapitalverbrechen für Mord, „Verantwortung übernehmen“ für „Krieg führen“, Volk(sgemeinschaft) für Rassismus.

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