38.1.3 Das Wahrnehmen/Beschreiben von Phänomenen erfolgt immer selektiv, d. h. aus den verfügbaren Daten könnten stets auch andere Informationen gebildet, Bedeutungsgebungen vollzogen und Muster konstruiert werden.

Sowohl bei der Wahrnehmung, wie bei der verbalen Codierung findet Selektionsprozesse statt, der zu einem großen Teil durch die jeweiligen Erwartungen bestimmt ist. Zum einen muss aus der Fülle der sinnlichen Wahrnehmungen eine – bewusste oder (meist) unbewusste – Selektion erfolgen, d.h., um das Vorzeichen der Verdeutlichung halber umzukehren, es muss ein „blinder Fleck“ bestimmt werden, in dem geschehen mag, was will: Es wird nicht wahrgenommen. Das gilt nicht nur für Individuen und das Weltbild, das sie bauen, sondern auch für unterschiedliche Wissenschaften und deren – immer nur hochselektiv – begründetes Weltbild. Das Individuum hat im Laufe seines Lebens und seiner Lebenserfahrungen spezifische Beobachtungsschemata entwickelt, die seine Wahrnehmung sortieren nach wichtig und unwichtig. Das ist ein geschichtsabhängiger Prozess, durch den ein Individuum Ordnung in eine Flut von Phänomenen bringt und Komplexität reduriert.

In den Wissenschaften geschieht Analoges: Ihre Theorien und Methoden bestimmen, was sie sehen… Ganz generell gilt, dass  sich nicht alle wahrgenommenen Phänomene oder Befunde angemessen in Worte, Bilder oder Zahlen fassen lassen, so dass die Strukturen von (Fach-) Sprachen, der Darstellungsmöglichkeiten von Bildern, und die Logik mathematischer Modellierung o.Ä. die Trennlinien, die sie zwischen Phänomenen vorgeben, z.B. die Reichhaltigkeit des Wortschatzes und die Elaboriertheit oder Restringiertheit des Sprachgebrauchs, bestimmen, welche Art von simplifizierenden oder komplexer, die beobachteten Phänomene gestaltender Beschreibungen erstellt werden.

 

Literatur:

„(…) ob wir wollen oder nicht, wir können nicht von der Vergangenheit – mit allen ihren Irrtümern – loskommen. Sie lebt in übernommenen Begriffen weiter, in Problemfassungen, in schulmäßiger Lehre, im alltäglichen Leben, in der Sprache und in Institutionen. Es gibt keine Generatio spontanea der Begriffe, sie sind, durch ihre Ahnen sozusagen, determiniert. Das Gewesene ist viel gefährlicher – oder eigentlich nur dann gefährlich – wenn die Bindung mit ihm unbewußt und unbekannt bleibt.“

Fleck, Ludwig (1935): Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Frankfurt (Suhrkamp) 1980, S. 31.




2 Gedanken zu „38.1.3 Das Wahrnehmen/Beschreiben von Phänomenen erfolgt immer selektiv, d. h. aus den verfügbaren Daten könnten stets auch andere Informationen gebildet, Bedeutungsgebungen vollzogen und Muster konstruiert werden.“

  1. Die Selektion (Beobachtung) der Informationen erfolgt interessegeleitet.
    Die Coderierung (Umformung) der Informationen erfolgt interessegeleitet.
    Die Kommunikation (Mitteilung) der Informationen erfolgt interessegeleitet.
    Die Bedeutungsgebung und Musterkonstruktion erfolgen interessegeleitet.
    Interessegeleitet heißt, zielgerichtet, aber nicht immer bewusst und absichtsvoll
    (z. B. Klischees, Vorurteile, Kurzschlüsse, Missverständnisse, Unwissen, Dummheit etc.).

  2. Sapolsky beschreibt sehr schön, erzählt aus Afrika, aus seinem Camp, welche Affen-Interessen er aus dem Verhalten der von ihm in freier Wildbahn beobachteten Affen erklärt.
    Manche männlichen Affen sind nur interessiert an Rangkämpfen und paarungsbereiten Weibchen,
    andere männliche Affen sind daran überhaupt nicht interessiert, sie sitzen bei den Weibchen und deren Affenkindern,
    und die weiblichen älteren Tiere interessieren sich für die guten Futterplätze und wissen den Weg dorthin.

    Insofern würde ich interessengeleitetes Beobachten, 1. und 2.Ordnung,
    somatisch, psychisch und sozial differenzieren wollen ..

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