38.2 Erklären (=Hypothesenbildung/Abduktion/Retroduktion): Konstruktion generierender Mechanismen für wahrgenommene/beschriebene Phänomene, welche diese Phänomene hervorbringen würden, wenn sie tatsächlich realisiert wären/würden.

Charles S. Peirce stellt den klassischen Schlußformen der Induktion und Deduktion die „Abduktion“ oder „Retroduktion“ an die Seite und charakterisiert mit diesen Begriffen die Bildung von Hypothesen. Und darum geht es bei der Konstruktion von Erklärungen im Allgemeinen, von Theorien im Speziellen. Dabei sind der Phantasie und Kreativität beim Basteln von Hypothesen und Theorien kaum Grenzen gesetzt. Im besten Fall können sie falsifiziert werden. Man denke nur an die Geschichte von dem Mann, der in die Hände klatscht, um die Elefanten zu verscheuchen. Solange keine kommen, kann er die Hypothese, dass durch Händeklatschen Elefanten verscheucht werden, als bestätigt betrachten. Auch Horoskope funktionieren wahrscheinlich nach diesem Prinzip…

 

Literatur:

„Dabei nimmt Peirce die Unterscheidung vorweg (…) zwischen Induktion (dem Feststellen von Häufigkeiten durch Stichproben, wenn wir z.B. die Häufigkeit abschätzen, mit der Wähler für einen bestimmten Kandidaten stimmen werden, indem wir die Häufigkeit durch Zufallsstichproben bestimmen), dem »wahrscheinlichen Schließen« (der Schluss von der Häufigkeit in einer Population, wenn diese bekannt ist, auf die wahrscheinliche Häufigkeit in einer zufällig ausgewählten Stichprobe) und der »Abduktion« oder »Retroduktion« (die Entscheidung, eine erklärende Theroie in den Naturwissenschaften auf der Grundlage der Erfolge der Theorie zu akzeptieren).“

Putnam, H. (1992): Kommentare zu den Vorlesungen. In: Peirce, C.S. (1898): Das Denken und die Logik des Universums. Die Vorlesungen der Cambridge Conferences von 1898. Frankfurt (Suhrkamp) 2002, S. 80.

„Wir sehen drei Arten des Schließens. Die erste Figur umfasst die gesamte Deduktion, ob notwendig oder wahrscheinlich. Mit ihrer Hilfe sagen wir die besonderen Ergebnisse des allgemeinen Ablaufs der Dinge voraus und berechnen, wie of sie auf lange Sicht vorkommen. Mit der Deduktiven Konklusion ist immer eine eindeutlige Wahrscheinlichkeit verknüpft, weil der Schlussmodus notwendig ist. Die dritte Figur ist die Induktion, mit deren Hilfe wir ermitteln, wie oft ein Phänomen im normalen Erfahrungsablauf von einem anderen begleitet wird. Mit der Induktiven Konklusion ist keine eindeutige Wahrscheinichkeit wie die zur Deduktiven Konklusion gehörige  verknüpft. Aber wir önnen berechnen, wie oft Induktionen einer gegebenen STruktur einen gegebenen Grad von Präzision erreichen. Die zweite Figur des Schließens ist die Retroduktion. Hier gibt es nicht nur keine zur Konklusion gehörige eindeutige Wahrscheinlichkeit, sondern eine solche ist nicht einmal mit dem Schlussmodus verknüpft. Wir können nur sagen, dass die Ökonomie der Forschung uns auferlegt, in einem bestimmten Stadium der Untersuchung eine gegebene Hypothese zu versuchen, an der wir, solange die Fakten es zulassen, vorläufig festhalten müssen. Bei ihr gibt es keine Wahrscheinlichkeit. Sie ist ein bloße Annahme, von der wir versuchsweise ausgehen.“

Peirce, C.S. (1898): Das Denken und die Logik des Universums. Die Vorlesungen der Cambridge Conferences von 1898. Frankfurt (Suhrkamp) 2002, S. 193f.

„Jede Abduktion läßt sich als eine doppelte oder vielfache Beschreibung irgendeines Objekts, irgendeines Ereignisses oder irgendeiner Sequenz auffassen. Erforsche ich die soziale Organisation eines australischen Stammes und die Skizze der natürlichen Relationen, auf denen der Totemismus beruht, dann kann ich dise beiden Wissensquellen als abduktiv verwandt ansehen, soweit beide denselben Regeln unterliegen. In beiden Fällen wird angenommen, daß gewisse formale Charakteristika eines Bestandteils in dem anderen spiegelbildlich wiederkehren werden.“

Bateson, Gregory (1979): Geist und Natur. Eine notwendige Einheit. Frankfurt (Suhrkamp) 1982, S. 179.

„Die päpstlichen Doktores hatten sich’s vorgesetzt, a priori zu bewesien; daß Luther wegen des unverrückbaren Einflusses der Planeten am zweiunzwanzigsten Tage des Oktobers 1483 – da der Mond im zwölften Haus stund – Jupiter, Mars und Venus im dritten, die Sonne, Saturn und Merkur sich alle im vierten ein Stelldichein gabe – selbstverständlich und unvermeidlich ein verdammter Mensch sein müsse – und daß, in direkter Schlußfolgerung, seine Lehren gleichso verdammte Lehren sein müßten.“

Sterne, Laurence (1761): Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman. Zürich (Haffmans) 1987, S.47f.

 




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