38.3.5 Ohne Bewerten kein Unterscheiden, kein Bezeichnen, kein Beobachten, kein Beobachter…

 Literatur:

„Die Wertung, als ein wirklicher psychologischer Vorgang, ist ein Stück der natürlichen Welt; das aber, was wir mit ihr meinen, ihr begrifflicher Sinn, ist etwas dieser Welt unabhängig Gegenüberstehendes, und so wenig ein Stück ihrer, daß es vielmehr die ganze Welt ist, von einem besonderen Gesichtspunkt angesehen. Man macht sich selten klar, daß unser ganzes Leben, seiner Bewußtseinsseite nach, in Wertgefühlen und Wertabwägungen verläuft und überhaupt nur dadurch Sinn und Bedeutung bekommt, daß die mechanisch abrollenden Elemente der Wirklichkeit über ihren Sachgehalt hinaus unendlich mannigfaltige Maße und Arten von Werten für uns besitzen. In jedem Augenblick, in dem unsere Seele kein bloßer interesseloser Spiegel der Wirklichkeit ist – was sie vielleicht niemals ist, da selbst das objektiv Erkennen nur aus einer Wertung seiner hervorgehen kann – lebt sie in der Welt der Werte, die die Inhalte der Wirklichkeit in eine völlig autonome Ordnung faßt.“

Simmel, Georg (1900): Philosophie des Geldes. Frankfurt (Suhrkamp) 1994, 3. Aufl., S. 24f.




20 Gedanken zu “38.3.5 Ohne Bewerten kein Unterscheiden, kein Bezeichnen, kein Beobachten, kein Beobachter…”

  1. Laut Simmel bestehen Vorstellungen eines erkennenden Subjekts, also eines Beobachters, stets aus einem bewussten und einem unbewussten Teil, was sich schließlich auch auf den Wert auswirkt, der von ihm einem Objekt zugemessen wird. Dieser Wert ist demnach nicht unbedingt „wahr“, sondern muss sich an der Wirklichkeit prüfen lassen, zum Beispiel wenn es zum Austausch von Waren kommt. Dann wird durch Preisaushandlung auf dem Markt der Wert des Objekts „objektiviert“. Die subjektive Bewertung kann von der objektiven abweichen. Beim Tausch von Ware gegen Geld müssen die subjektiven Bewertungen desselben Objekts voneinander abweichen, d.h., dem Käufer muss das Objekt, das er kauft, mehr wert sein als das Geld, das er dafür gibt, und dem Verkäufer muss genau die gleiche Menge Geld mehr wert sein als eben dieses Objekt.
    Mit dieser Auffassung positioniert sich Simmel zwischen Relativismus und Positivismus und weist den Realismus als Erkenntnistheorie zurück, ohne sich dem Skeptizismus zuzuwenden.

  2. @1: Und auch, wenn er sein Buch „Philosophie des Geldes“ nennt, so schreibt er mehr Philosophie als Geldtheorie, indem er analysiert, wie Geld das Denken lenkt.

  3. „Wert“

    Geld ermöglicht Wert zu abstrahieren, Wert zu kommunizieren.

    Wenn wir zurück gehen zur phänomenologischen Ebene, psychisch, körperlich oder sozial, dann bemisst sich der Wert an seiner kommunikativen Potenz.

    Im Phänomenbereich Körper/Biologie ist nur das von Wert was molekular andocken kann, molekular kommunizieren kann, je gezielter desto wertvoller.
    Ein Schmerzmittel, das nicht andockt, molekular nicht kommuniziert, ist wirkungslos, d.h. ohne Wert.

  4. @werner: Deswegen ist es m.E. ja so wichtig zwischen den unterschiedlichen Typen autopoietischer Systeme zu unterscheiden: Im Organismus haben wir es mit materiellen Komponenten zu tun, in Psyche und sozialen Systemen mit Elementen im Medium Sinn.

  5. Den zitierten Gedanken von Georg Simmel: „unsere Seele […] lebt […] in der Welt der Werte, die die Inhalte der Wirklichkeit in eine völlig autonome Ordnung faßt“ formuliert der fremdenfeindliche Lustgreis Methusalix im Asterix-Band XXI „Das Geschenk des Cäsar“ 1976 beim Abwaschen zu seiner Frau etwas brisanter: „Du kennst mich doch, ich hab‘ nichts gegen Fremde. Einige meiner besten Freunde sind Fremde. Aber diese Fremden da sind nicht von hier!“

  6. Und wie erklären Sie sich den Placeboeffekt? Zuckerl … körperliche Wirkung. Was wirkt da und wie? Warum eine Trennung konstruieren, wo es keine zu beobachten gibt? Organismus … Umwelt … Soziales gekoppelt, das ja. Aber der Organismus ist doch bitte eine Ganzheit, eine psychophysische Einheit … m.E. (!)

  7. @7: Placebo hat objektivierbare körperliche Wirkungen. Das kann aber ohne Mühe durch die Kopplungsmuster zwischen psychischen und körperlichen Prozessen erklärt werden. Auch wenn man vor einem Examen auf die Toilette muss, ist so zu erklären, oder wenn man sich vor Angst in die Hose macht… (aber nicht jeder macht sich vor einem Examen in die Hose, wenn die Kopplungsmuster sich anders entwickelt haben).

  8. Und was koppelt da mit was? Was dockt da wo an! Das möchte ich bitte genau wissen. Koppeln ist ganz nett … ich finde das höchst brauchbar, und wenn Du mir sagen kannst WIE, dann lerne auch ich dazu. Aber erklär mir das Schritt für Schritt. Dann bin ich gerne bereit die 3 Bereiche theoretisch gekoppelt zu denken …

  9. Was da womit und wie koppelt, ist umstritten. Das sieht man zum Beispiel an den unterschiedlichen medizinischen Heilmethoden.
    Die Homöopathie versucht, Krankheitssymptome mit solchen Arzneien zu behandeln, die ähnliche Krankheitszeichen hervorbringen (similia similibus curentur).
    Die Isopathie versucht, den gleichen Stoff, der die Krankheit verursache, zur Heilung einzusetzen. Sie bewirke laut Hahnemann die Verschlimmerung der Krankheit.
    Die antipathische Behandlung versucht, mit solcher Arznei zu heilen, die der Krankheit entgegengesetzte (enantio-) Symptome hervorbringe (contraria contrariis). Diese „Regel der uralten medizinischen Schule“ bezeichnet Hahnemann als bloß beschwichtigend (palliativ), weil sie nur kurzfristig das Gegenteil bewirke (z. B. schlaflose Patienten durch Mohnsaft für eine Weile schläfrig mache) und die Lebenskraft schwäche, siehe symptomatische Therapie.
    Die Allopathie versucht, mit solchen Arzneien zu behandeln, die etwas völlig anderes, unterschiedliches als das am Patienten Beobachtete bewirkten. Mit dieser Bezeichnung kritisierte Hahnemann den aus seiner Sicht konzeptlosen Umgang der damaligen Medizin mit oft mehreren vermischten Substanzen, die in ihrer Wirkung nicht am Symptombild des Patienten, sondern auf eine vermutete Ursache ausgerichtet waren, siehe kausale Therapie. Ihre Wirkung sah Hahnemann im Hervorbringen zusätzlicher, künstlicher „Arznei-Krankheiten“, die zur ursprünglichen Krankheit hinzuträten und diese verkomplizierten.

  10. @9: Wenn jemand z.B. einen fremden Körper massiert, dann reagiert der Organismus des so maltraitierten Menschen mit physiologischen Prozessmustern darauf. Entweder sie waren ihm schon verfügbar oder er hat sie im Laufe seiner Geschichte des Massiertwerdens (= Wiederholung) erlernt. Es werden also senso-motorische Muster des Körpers mit Interaktionsmustern gekoppelt und dies gelegentlich (d.h. weder immer, noch zwangsläufig) vermittelt durch psychodynamische Muster (Wahrnehmung, Affekte, Rationalisierungen etc.).

  11. Jetzt muss ich wirklich lachen. Also Berührungsmuster, ja? In dem Beispiel. Sensomotorische Muster mit Interaktionsmustern … Wenn ich so eine Antwort bekomme, dann:
    Ich denke es ist beides theoretisch möglich, es ist also möglich ein psychisches System zu setzen, im Hier und Jetzt, und es als gekoppelt mit einem körperlichen System zu konzeptualisieren. Möglich ist das schon, … Dann wäre das psychische System ein Interaktionsmuster. Man könnte es tatsächlich entkörpert denken, wenn man es so denkt wie beispielsweise ein Atemmuster, das nicht ident ist mit der Luft. Es atmet.

    Wenn Du dieses „es atmet“ im Blick hast, dann können wir „es“ auch „Psyche“ nennen, die nicht ident ist mit dem Zwerchfell …

  12. Verhalten mit der Psyche zu erklären. z.B. in die Hose pinkeln mit Angst, ist beliebt.
    Wobei „Angst“ ein Erklärungsprinzip ist, wenn wir Bateson folgen wollen.

    Sapolsky lässt die Psyche außer acht.
    Er definiert dieses unwillkürliche Entleeren der Blase in Stress- Situationen als angeborenes Verhalten zum Zweck der Gewichtsreduktion wenn der Säbelzahn-Tiger zum Sprung ansetzt und der Hominide ganz schnell weg rennen muss.

  13. @13: Jede Theorie konstruiert Erklärungen. Nicht mehr, nicht weniger. Ein Landkartenphänomen. Die m. E. relevanten Fragen sind: Sind diese Erklärungen nützlich? Für wen? Wozu?

  14. okay,

    diese rekursive, in beide Richtungen, Koppelung von Psyche und Körper, Körper und Psyche interessiert mich. Was koppelt wie und wo ?

    Und warum reden wir immer von psychosomatischen Erkrankungen und, so weit ich weiß, eigentlich nie von somatopsychischen Erkrankungen/ Koppelungen ?

  15. @ 13: Robert Maurice Sapolsky (* 6. April 1957 in Brooklyn, USA) ist ein amerikanischer Neuroendokrinologe, Professor der Biologie, Neurowissenschaft und Neurochirurgie an der Stanford University, Forscher, Wissenschaftler und Autor.
    Die Thesen dieses Herrn scheinen aktuelle Relevanz zu besitzen: „Humans universally make Us/Them dichotomies along lines of race, ethnicity, gender, language group, religion, age, socioeconomic status, and so on. And it’s not a pretty picture. We do so with remarkable speed and neurobiological efficiency; have complex taxonomies and classifications of ways in which we denigrate Thems; do so with a versatility that ranges from the minutest of microaggression to bloodbaths of savagery; and regularly decide what is inferior about Them based on pure emotion, followed by primitive rationalizations that we mistake for rationality. Pretty depressing.
    But crucially, there is room for optimism. Much of that is grounded in something definedly human, which is that we all carry multiple Us/Them divisions in our heads. A Them in one case can be an Us in another, and it can only take an instant for that identity to flip. Thus, there is hope that, with science’s help, clannishness and xenophobia can lessen, perhaps even so much so that Hollywood-extra chimps and gorillas can break bread together.
    Considerable evidence suggests that dividing the world into Us and Them is deeply hard-wired in our brains, with an ancient evolutionary legacy. For starters, we detect Us/Them differences with stunning speed. Stick someone in a “functional MRI”—a brain scanner that indicates activity in various brain regions under particular circumstances. Flash up pictures of faces for 50 milliseconds—a 20th of a second—barely at the level of detection. And remarkably, with even such minimal exposure, the brain processes faces of Thems differently than Us-es.“
    http://nautil.us/issue/49/the-absurd/why-your-brain-hates-other-people

  16. „A Them in one case can be an Us in another, and it can only take an instant for that identity to Flip.“

    Und dieses Flippen wird „gesteuert“ durch die gewählte Unterscheidung/Bezeichnung, den Wert …,
    dessen kommunikativer Potenz ..

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