40.1.1 Implizite Prämisse: Der Status quo bedarf keiner Erklärung (= wird als gegeben und statisch betrachtet / erwartet), nur Veränderung muß erklärt werden.

Wer dieser Prämisse folgt – und das tut man in der abendländischen Tradition trotz Heraklit seit 2500 Jahren -, stellt sich nicht die Frage, wie der status quo entsteht und erhalten wird, denn das wird als Gottes Werk als „gegeben“ vorausgesetzt. Die Vorsokratiker (s. unten Anaxagoras) haben sich damit allerdings nicht zufrieden gegeben, d.h. hatten Konzepte, die auch heute noch aktuell erscheinen.

Veränderung, so die stillschweigende Vorannahme der genannten westlichen Denktradition – sei sie erhofft oder befürchtet (Konservativismus vs. Reformismus bzw. Sehnsucht nach Revolution) -, kann/muss mit Hilfe der verschiedensten Theorien erklärt werden. Diesen Theorien folgend wird dann „zur Tat geschritten“, was nicht nur die Weltgeschichte in dramatische Verwicklungen stürzt, sondern auch so manches Individuum.

 

Literatur:

„Der Unterschied zwischen dem Mythos des Anaxagoras und den früheren Mythen besteht darin, daß die Sprache, die er verwendet, die der Mathematik und Physik ist. Sein Mythos ist ein wissenschaftlicher. Es gibt nur Erhaltung (d.h. keine Schöpfung in der Zeit). Alles hatte ewig existiert in einem invarianten Zustand. Dieser invariante Zustand mußte dem einer perfekten Mischung entsprechen. Aber dann ergab sich das Problem, wie man die Entstehung des Einfachen (der Dinge, die wir heute sehen) aus dem Komplexen erklären könnte – das inverse Problem zu den üblichen Erklärungsmodellen. An dieser Stelle wurde ein zweites Prinzip benötigt, jene zu feine und zu leichte Substanz, der Geist. Sie initiierte einen gesetzhaften Prozeß der Entmischung. Eine vollkommene Mischung zu entmischen, ist wahrscheinlich die größte vorstellbare Unmöglichkeit. Chaos und Ordnung sind Gegenpole. Ein unendlich vermischter Zustand, der das Ergebnis eines unendlich langen Mischungsprozesses darstellt: kann ein solcher überhaupt im Prinzip wieder entmischt werden?“

Rössler, Otto E. (1992): Endophysik. Berlin (Merve), S. 17f.




9 Gedanken zu „40.1.1 Implizite Prämisse: Der Status quo bedarf keiner Erklärung (= wird als gegeben und statisch betrachtet / erwartet), nur Veränderung muß erklärt werden.“

  1. @“Veränderung hingegen […] wird mit Hilfe der verschiedensten Theorien erklärt, was dann nicht nur die Weltgeschichte in dramatische Verwicklungen stürzt, sondern auch die so manchen Individuums.“

    Die Systemtheorie fragt danach, wie das System stabil bleiben kann und was es am Laufen hält. Permanente Veränderungen dienen dieser Systemstabilisierung. Deswegen ist mir nicht klar, wie die Theorien, die Veränderung erklären, die Weltgeschichte in dramatische Verwicklungen stürzen. Gehören diese Verwicklungen nicht auch zur Entwicklung der Systeme dazu?

  2. @1: Es geht mir dabei nicht um die Frage, wie sich Systeme im Allgemeinen dynamisch stabil erhalten, sondern um die konkreten, am grünen Tisch entwickelten Pläne zur „Verbesserung der Welt“, die mit simplifizierenden Kausalitätsvorstellungen arbeiten (z.B. Pol Pot, Lenin, Stalin, Donald Trump usw.)

  3. wobei Veränderung als Hinzufügen von etwas als auch als Wegnehmen von etwas beobachtet werden kann, wobei das eine mit dem anderen, wer hätte das gedacht,
    nicht immer in Verbindung gebracht wird…

    oder
    vorwärts durchaus auch rückwärts sein kann ..

  4. @2
    der epistemologische Irrtum(Bateson) der instruktiven Interaktion ermöglicht diese am Grünen Tisch geplanten Handlungen,
    *
    ich beobachte hier eine „Saubermann“, heute auch „Putzfrauen“ Mentalität,
    bei Pol Pot (alle mit Brillen müssen weg), bei Stalin, Lenin und Hitler, den Sozialisten
    der Moderne (Unterschied Lenin, Stalin international/ Hitler national).
    Schon die spanische Inquisition liebte es zu säubern, und spanische Hausfrauen gelten heute als Liebhaberinnen von Putzmitteln (Quelle: Brigitte, Briefe von unseren Nachbarn).
    Die Heilige Mutter Kirche ermahnt zu sauberen Gedanken,
    Adolf Loos „säuberte“ die Häuser der Wiener Vorstadt von Skulpturen (sein Vater war Bildhauer), Berlin folgte, all die schönen Jungfrauen mit runden Brüsten und runden Hüften, die die Häusergeschosse in Wien tragen halfen, und heute noch im Saal des Wiener Musikvereins zu bewundern sind ( wer hat heute schon eine so schöne Figur) sollten weg; nach dem 1. Weltkrieg nannte man diese nackten Häuser „Bauhaus“, Bauwerke geboren aus der Not der Zeit, 2,20 m hohe Räume,
    vergessen die 3.30m in Wiener Altbauten oder 4.50m in Paris, von denen Freud so schwärmte, er habe endlich Kopffreiheit…

    Ambivalenz ist halt für … schwer zu ertragen ..

  5. @“Mythos des Anaxagoras“, „An dieser Stelle wurde ein zweites Prinzip benötigt, jene zu feine und zu leichte Substanz, der Geist. Sie initiierte einen gesetzhaften Prozess der Entmischung.“

    Neben den vermischten Stoff stellte Anaxagoras als eine Art zweites Prinzip einen unpersönlichen Weltgeist (Nous), der in Bewegung gesetzt und getrennt habe, was vordem zusammenruhte: „Der Geist ist als einziges mit keiner anderen Sache vermischt, daher existiert nur er für sich selbst. Er ist unendlich und herrscht selbstständig. Er ist die feinste und reinste von allen Sachen, hat von allem Kenntnis und besitzt die größte Kraft. Der Geist ist nicht nur Ursache der kosmischen Kreisbewegung, er hat auch alles geplant und arrangiert.“

  6. Während der Emigrationsjahre in New York hatten Adornos Eltern die Nilpferdstute „Rosalie“ als Patentier. Die Familienmitglieder redeten sich im Briefwechsel gern mit den Titeln „Wundernilstute Marinumba“ (für Maria Wiesengrund-Adorno) und „Wildschweinkönig Archibald“ (für deren Mann Oscar Wiesengrund) an.

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