40.1.2 Schwache Kausalität: Wenn gleiche »Ursachen« gleiche »Wirkungen « zur Folge haben / hervorbringen.

Dies Art von Kausalität ist eigentlich nur aufgrund von Laborexperimenten zu konzeptualisieren, denn im »wahren Leben« lassen sich die Randbedingungen, die zur Veränderung der Ergebnisse führen, nicht vollständig ausschließen oder kontrollieren. Daher ist – das muss nüchtern konstatiert werden – diese Form der Kausalität nur mit Hilfe eines Abstraktionsprozesses möglich, d.h. einer Idealisierung von Erfahrung („ceteris paribus“). Das gilt dann auch für die Forderung nach Replizierbarkeit von Forschungsergebnissen.

Es geht dabei immer um die Frage: Wird hier nach dem bereits erwähnten Prinzip, dass die Alpen auch nichts Besonderes sind, wenn man sich die Berge wegdenkt, verfahren?

Da das durchschnittliche Alltagsdenken mit „starker Kausalität“ arbeitet (s. Satz 40.1.3) ist dieses Risiko erst ins Bewusstsein der Öffentlichkeit getreten, seit die Erforschung komplexer Prozesse (bekannt geworden unter dem Namen „Chaos-Theorie“) gezeigt hat, dass schon minimale Abweichungen vom Anfangszustand eines Prozesses zu vollkommen unterschiedlichen Ergebnissen führen können.

Illustrieren lässt sich das ganz gut mit einem Gedankenexperiment: Man stelle ich vor, dass „genau“ über dem Kamm eines Gebirgszugs ein Kugel fallen gelassen wird. Es hängt nun von Bruchteilen von Millimetern ab, ob die Kugel auf die eine Seite oder die andere Seite des Bergkamms rollt, d.h. nach links oder nach rechts (wenn man das so nennen will); das Ergebnis des Fallenlassens ist vollkommen konträr.

Dies wird auch als „Schmetterilins-Effekt“ bezeichnet, da der Flügelschlag eines Schmetterlings heute in Kyoto in drei Monaten zu einem Unwetter in Berlin führen kann (die Orte sind frei wählbar, solnge der Zeitraum lang genug ist).

Solche minimale Abweichungen des Anfangszustands (der Beobachtung muss man wohl hinzufügen; da Prozesse zu jeder Zeit interpunktiert werden können, gilt dies für jeden Zeitpunkt des Prozesses), verändern die Richtung des Prozesses in einer Weise, dass außerhalb experimenteller Laborsettings eigentlich nie langfristig vorhergesagt werden kann, wie ein Prozess sich weiterentwickelt. Das kennt jeder von der Wettervorhersage, deren Zuverlässigkeit im besten Fall nur ein paar Tage umfasst, im schlechtesten nicht einmal die Entscheidung, ob man einen Regenschirm mit zum Einkaufen nehmen sollte, leiten kann.

Für die weit komplexeren Zusammenhänge, die den Lebenslauf eines Menschen oder der Weltgesellschaft bestimmen, ist es aus den genannte Gründen vollkommen unmöglich, verlässliche Vorhersagen zu machen. Daher sind auch viele (wenn nicht die meisten) Planungsprozesse vergebliche Mühe…

 

Literatur:
„Es mag den Anschein haben, als benötigte das Auftreten dieser Situation (eine kleine Ursache zieht eine große Wirkung nach sich) einen außergewöhlichen Zustand zur Zeit Null, wie das unstabile Gleichgewicht eines Bleistifts auf seiner Spitze. Das Gegenteil ist wahr: Viele physikalische Systeme zeigen für beliebige Anfangsbedingungen eine empfindliche Abhängigkeit von diesen Anfangsbedingungen. Anders gesagt, wie auch immer zur Anfangszustand des Systems sein möge, wenn man ihn ein wenig »nach rechts oder links stößt«, wird das auf lange Sicht zu wichtigen Effekten führen. Dies geht etwas gegen unserer Intuition, und es hat die Mathematiker und Physiker einige Zeit gekostet, gut zu verstehen, wie dies passieren kann.“

Ruelle, David (1990): Zufall und Chaos. Berlin-Heidelberg (Springer) 1992, S. 40.




Ein Gedanke zu „40.1.2 Schwache Kausalität: Wenn gleiche »Ursachen« gleiche »Wirkungen « zur Folge haben / hervorbringen.“

  1. Deswegen ist es besonders am Anfang wichtig, genau aufzupassen, dass alles wie geplant läuft und keine zufälligen, ungeplanten Ereignisse zu Chaos führen. Je größer und komplexer das Projekt wird, desto schwieriger wird es, verändernd einzugreifen.
    Das gilt auch in der Kindererziehung.

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