40.2 Zirkuläre Kausalität: Wenn ein Ereignis, eine Ereignisfolge oder ein Zustand A zum Zeitpunkt t1 selbstbezüglich (=rekursiv) das Ereignis, die Ereignisfolge oder den Zustand A zum Zeitpunkt t2 zur Folge hat (=hervorbringt/erhält), so dass „Ursache“ und „Wirkung“ für den Beobachter nicht unterscheidbar sind.

Figur 47

Das Spannende für den Praktiker an der zirkulären Kausalität ist, dass sie im Bereich lebender und Leben voraussetzender Systeme Erklärungen für die Aufrechterhaltung eines vermeintlich statischen Zustand (d.h. einem Zustand, der dem Beobachter statisch erscheint) liefert, die von der geradlinigen Kausalität und den Ursache-Wirkungs-Ideen des Alltagsdenkens abweichen.

Pragmatisch relevant ist daran, dass es für Projekte der Veränderung auf diese Weise  hergesstellter und aufrecht erhaltener Zustände (z.B. eines Interaktionsmusters) vollkommen uninteressant und irrelevant ist, wie diese zirkuläre Verknüpfung von Typen von Ereignissen, die sich gegenseitig hervorbringen, einmal begonnen hat; es reicht, diese Zirkularität irgendwo (!) zu unterbrechen (zu stören/zu irritieren). Dies ist eine der Grundlagen der sogenannten systemischen Therapie. Allerdings, das sein unterstrichen, lässt sich solch ein bestehendes Muster – sei es psychisch, sozial oder biologisch – lediglich unterbrechen; dass das, was an dessen Stelle entsteht, besser zu bewerten ist, als der Status quo, dessen Aufrechterhaltung gestört wurde, ist aber lediglich eine Hoffnung. In der Therapie ist man dabei auf der relativ sicheren Seite, wenn es gelingt, zirkuläre Muster, die eine Symptombildung aufrechterhalten, zu stören. Sogenannte „Verschlimmbesserungen“ sind aber auch da nicht ausgeschlossen. Das ist bei gesellschaftlichen Revolutionen erfahrungsgemäß ebenfalls nicht ausgeschlossen…

Überall dort, wo es z.B. gilt, bestimmte neue soziale Muster zu etablieren – das ist eine weitere Konsquenz zirkulär kausaler Prozesse – reicht es nicht „Kreise zu stören“,  und es reicht auch nicht, einen Zielzustand einmalig zu erreichen, sondern es müssen Muster der Erhaltung dieses Zustands etabliert werden. Das ist gut in der systemischen Organisationsberatung zu beobachten, wo es doch immer wieder auf gewaltige Schwierigkeiten stößt, innovative Muster zu stabilisieren, falls sie denn überhaupt einmal realisiert werden sollten.

 

Literatur:

„Lineares Denken wird immer entweder den teleologischen Trugschluß (daß das Ende den Prozeß determiniert) oder den Mythos von irgendeiner übernatürlichen Kontrollinstanz hervorbringen.

Wenn aber kausale Systeme zirkulär werden (…) , dann kann eine Veränderung in irgendeinem Teil des Kreises als Ursache für eine spätere Veränderung in irgendeiner Variable irgendwo in dem Kreis angesehen werden. Es sieht demnach so aus, als können eine Temperaturanstieg im Raum als Ursache für die Veränderung im Schalter des Theramostats angesehen werden und , alternativ, als könne man die Aktion des Thermometers als ein Steuerung der Raumtemperatur betrachten.“

Bateson, Gregory (1979): Geist und Natur. Eine notwendige Einheit. Frankfurt (Suhrkamp) 1982, S. 80.




5 Gedanken zu “40.2 Zirkuläre Kausalität: Wenn ein Ereignis, eine Ereignisfolge oder ein Zustand A zum Zeitpunkt t1 selbstbezüglich (=rekursiv) das Ereignis, die Ereignisfolge oder den Zustand A zum Zeitpunkt t2 zur Folge hat (=hervorbringt/erhält), so dass „Ursache“ und „Wirkung“ für den Beobachter nicht unterscheidbar sind.”

  1. Zu 40.2.

    Im Chorgesang des Zen Meisters Hakuin ist die Rede von „weit öffnet sich das Tor der Einheit von Ursache und Wirkung“ als Folge der Anwendung und Übung des achtfachen Pfades.

    Vor dem Hintergrund des unter 40.2 Zirkularität genannten Satzes sollte nach Hakuin die buddhistische Praxis des achtfachen Pfades zirkulär sein. Das heißt, dass das Ereignis der Praxis unmittelbar im Praktizierenden Entfaltung findet / finden kann.

    Die Frage ist z.B., welches oder welche autopoietischen Systeme erfahren die Einheit von Ursache und Wirkung, Organismus, Psyche oder beide, auch das jeweilige Umweltsystem?

    Ist meine Frage verständlich bzw. …?

  2. Bei Organismus und Psyche ist das sicher der Fall. Auch bei sozialen Systemen macht die Unterscheidung zwischen Ursache und Wirkung wenig Sinn. Bei unbelebten Objekten hingegen scheint sie sehr nützlich – obwohl sie auch dort die Zusammenhänge verkürzt. Das Zusammenfallen von Ursache und Wirkung ist überall dort als Modell passend, wo es um den Erhalt des Status quo geht. Bei Veränderungen besteht die Versuchung für den Beobachter, Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zu konstruieren. Aber dies ist eine unziemliche Verkürzung, denn es geht um strukturdeterminierte Reaktionen eines Systems auf irgendwelche von außen kommenden Irritationen/Perturbationen, die dann scheinbar als „Ursachen“ zu identifizieren sind (aber nur einen Faktor in einem komplexen Wirkungsgefüge darstellen).

  3. … naja, man muß halt schon den torsadepoint kennen,
    sonst verschießt man sich im Zweifel mit seinen kurzgeschlossenen Schlußfolgerungen wie die Folieanten

  4. Die Frau nörgelt, der Mann geht ins Wirtshaus. Warum nörgelt die Frau? Weil der Mann ins Wirtshaus geht! Warum geht der Mann ins Wirtshaus? Weil die Frau nörgelt! Das ist zirkuläre Kausalität. Jeder definiert sein Verhalten als Reaktion auf das Verhalten des anderen. Das führt zu sehr stabilen Verhältnissen. Alle leiden, trotzdem verändert sich nichts, weil man ja meint, dass das nur geht, wenn der andere sich verändert. Daran allerdings glaubt man nicht, und man merkt auch nicht, dass und wie man dazu beiträgt, dass der andere sich so verhält, wie er es tut. Wenn der Mann nun mal zu Hause bleibt, hört dann die Frau auf zu nörgeln? Im Gegenteil, sie wird, ist er doch nun endlich greifbar, besonders motiviert sein, ihn mit ihren Änderungswünschen zu beglücken! Wenn die Frau aufhört zu nörgeln, bleibt der Mann dann zu Hause? Mitnichten, er wird das als Luftholen auf ihrer Seite interpretieren und die ganze Zeit angespannt darauf warten, dass es gleich losgeht. Solche zirkulären Prozesse zu unterbrechen helfen, gehört zum Standardrepertoire professioneller Berater. Denn dann kann Neues passieren. Dafür braucht es neue Entscheidungen, wie man sein Innenleben und seine Wahrnehmung organisiert. Damit ist ein Anfang gemacht, allerdings nicht mehr. Darum springt man ggf. zu kurz, wenn man dysfunktionale Resonanz- und Reaktionsmuster zwar effektiv stört, dann aber annimmt, alles Neue würde automatisch selbstregulativ gut werden. Dazu sind die destruktiven Selbstrepräsentanzen meist zu mächtig.

  5. Sie meinen, man sollte vielleicht – anstatt zu nörgeln – über derartige Regulierungsergebnisse, u.U. die Prinzenrolle wieder einführen, sobald irgendwen in perpetuierender Perimetrie der Hafer sticht?
    Das könnte sich zwar durchaus etwas umständlich gestalten, wenn es sich nicht gerade -von Ständchen begleitet – zu einer anständigen Abwicklung von etwas verzwickt angelegten Patentmustern dreht, die zur Verabreichung von Inventionen unter Zirkelschlüssen Anlaß bieten könnten.
    Ob allerdings ein zündender Gedanke reicht, um einem Zündschloß auch durchschlagend erweiternde Wege zu bereiten, mag man gewiß gelinde zu bezweifeln.
    Ohne ein- und ausscherend sich kreuzende Klingen zu wechseln, wird es wohl nicht ausgehen.

    „Die Neugierde und das Interesse des ganzen Publikums waren auf die angekündigten Vorlesungen gerichtet. Der Saal füllte sich mit einer großen Menge Zuhörer, worunter sich auch Damen aus beiden Ständen befanden. Der Der Herzog selbst mit seinem Prinzen erschien öfters in den unterhaltenden Stunden. Herr Scherer ließ ein chemisches Handbuch drucken und teilte es bogenweise unter sein Publikum aus. Nah am Parke wurde ihm für seine Präparaten und Experimenten die untere Hälfte eines schönen großen Gebäudes eingeräumt, und der Herr Bergrat übte sich so stark und belagerungsmäßig, daß die Bewohnerin des oberen Teils des Hauses eine Bittschrift zur Erhaltung ihres Lebens bei dem Regenten einzureichen für gut fand, weil sie jeden Augenblick in die Luft gesprengt zu werden fürchtete. Umsonst! Der patriotische Plan mußte durchgesetzt werden. Man sprach jetzt in Weimar von nichts als von Gas, Oxigna, brennbaren Stoffen, leicht- und strengflüssigen Dingen. Alle Weimaraner und Weimaranerinnen schienen Chemiker und Weimar ein großer Schmelzofen werden zu wollen, als auf einmal, wie durch einen geheimen Zauberschlag, die Flüssigkeiten stockten und alles wieder ni seine unchemische Gestalt zurück trat. In wenig Monaten war der größte Teil der Zuschauer unsichtbar geworden, und der antikantische Scherer hatte jetzt den Verdruß, die Pflicht noch bloß um ihrer selbst willen ausüben zu müssen.“

    Bemerkungen über Weimar 1799,
    von Joseph Rückert,
    S. 54, Gustav Kiepenheuer Verlag, Weimar

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