40.3.2 Beobachtete Phänomene werden kausal absichtsvollen Aktionen von Menschen, Göttern, Geistern, Verschwörern (o. Ä.) zugeschrieben, d. h. einem Willen, Plan, Ziel, oder anderen Motiven eines Akteurs.

„Wenn Petrus grollt, nimm Rachengold“ (alter Werbeslogan für Medikamente gegen Halsschmerzen). Dass das Wetter abhängig ist, von den Entscheidungen irgendwelcher höherer, personalisierte Mächte (Petrus, Götter usw.) war auch der Hintergrund des Regentanzes nordamerikanischer Indianer und ähnlicher Rituale anderer indigener Völker. Auch im alten Ägypten wurden Sonne und Mond als Götter betrachtet, so dass als Abfallprodukt die Astronomie als Beobachtung des Laufs der Sterne eine frühe – in der Qualität der angestellten Berechnungen auch heutigen wissenschaftlichen Maßstäben gerecht werdende – Blüte erlangen konnte, gewissermaßen als nicht-beabsichtigte Nebenwirkung astrologischer Bemühungen…

Naturerscheinungen aller Art wurden zunächst mit einer Seele versehen („Animismus“) und dann, in der klassischen Antike, personalisiert, d.h. als Resultat der Entscheidungen von Göttern betrachtet. Das sollte generell nicht verwundern, dann die für das Überleben jedes Einzelnen wichtigen Phänomene waren soziale Geschehnisse: die Interaktion mit anderen Personen. Da gab es Starke und Schwache, Gute und Böse, Täter und Opfer. Daher lag es nahe, diese Art der Erklärung für positiv wie negativ bewertete Ereignisse, seien sie erhofft oder befürchtet, ebenfalls der Entscheidung, der guten oder schlechten Laune, der Wut oder Freude von Personen zuzuschreiben – nur dass die eben auf dem Olymp (oder ähnlichen höhergelegenen Orten) hausten.

Das änderte sich erst in der Zeit, in der auch die griechische Tragödie ihren Ursprung hatte, etwa in der Zeit des 6. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung (der sogenannten „Achsenzeit“, in der auch Buddha und Konfuzius wirkten). Der Siegeszug des rationalen Denkens begann (Sokrates, Plato) und damit der von der Vernunft gesteuerten Entscheidungen: Das handelnde Subjekt trat auf die Bühne. Aber es verstrickte sich – wie Ödipus – in Schuld, weil seine Entscheidungen eine paradoxe Wirkung entfalteten, d.h. die Begrenztheit menschlicher Vernunft sich zeigte.

 

Literatur:

„Das Volk aber verlor auf dem Weg die Geduld, es lehnte sich gegen Gott und gegen Mose auf und sagte: Warum habt ihr uns aus Ägypten herausgeführt? Es gibt weder Brot noch Wasser und es ekelt uns vor dieser elenden Nahrung. Da schickte der HERR Feuerschlangen unter das Volk. Sie bissen das Volk und viel Volk aus Israel starb. Da kam das Volk zu Mose und sagte: Wir haben gesündigt, denn wir haben uns gegen den HERRN und gegen dich aufgelehnt. Bete zum HERRN, dass er uns von den Schlangen befreit! Da betete Mose für das Volk.

Der HERR sprach zu Mose: Mach dir eine Feuerschlange und häng sie an einer Stange auf! Jeder, der gebissen wird, wird am Leben bleiben, wenn er sie ansieht. Mose machte also eine Schlange aus Kupfer und hängte sie an einer Stange auf. Wenn jemand von einer Schlange gebissen wurde und zu der Kupferschlange aufblickte, blieb er am Leben.“

Die Bibel – Das Alte Testament. Numeri 21, 4 – 9. Einheitsübersetzung. Freiburg (Herder), S. 152.

„Irgendwann zu einem Zeitpunkt zwischen den Lebzeiten Homers und Platos ist in der griechischen Erkenntnistheorie ein scharfer Bruch zu verzeichnen, der eine Abkehr von den ursprünglichen Partizipation bedeutete und aus den verschiedensten Gründen zum allmählichen Verschwinden des Animismus beitrug. Es ist schwierig, sich ein Bewußtsein vorzustellen, das tatsächlich keine Trennung machte zwischen subjektiven Denkprozessen und dem, was wir als äußere Welt der Erscheinungen bezeichnen, aber es ist wahrscheinlich, daß dies bis zur Zeit der Ilias (ca. 900 – 850 vor Christus) der Fall war. Die Ilias enthält keine Wörter, die inner Bewußtseinszustände bezeichnen würden. So, wie das griechische Wort psyche im Kontext der Ilias verwendet wird, müßte es mit dem Wort »Blut« übersetzt werden. Ungefähr ein Jahrhundert später, in der Odyssee, hat das Wort psyche jedoch eindeutig die Bedeutung »Seele« angenommen. Die Trennung von Körper und Geist, Subjekt und Objekt macht sich ungefähr im 6. Jahrhundert vor Christus als geschichtliche Tendenz bemerkbar; und die poetische oder Homerische Mentalität, bei der das Individuum in einem Meer widersprüchlicher Erfahrungen treibt und die Welt durch die emotionale Identifikation mit ihr kennenlernt (ursprüngliche Partizipation), ist genau das, ws Plato und Sokrates zu zerstören suchten. In seiner ”Apologie« empört sich Plato darüber, daß Handwerker ihr Handwerk über den »bloßen Instinkt« erlernen und ausüben, das heißt, übe den Weg gesellschaftlicher Osmose und persönlicher Intuition.“

Berman, Morris (1981): Die Wiederverzauberung der Welt. München (Dianus-Trikont) 2. überarb. Aufl 1984, S. 61.

 




5 Gedanken zu „40.3.2 Beobachtete Phänomene werden kausal absichtsvollen Aktionen von Menschen, Göttern, Geistern, Verschwörern (o. Ä.) zugeschrieben, d. h. einem Willen, Plan, Ziel, oder anderen Motiven eines Akteurs.“

  1. Das Konstrukt der Achsenzeit ist umstritten. Der Heidelberger Ägyptologe Assmann hat es widerlegt. Ende 2019 erschien das neue Buch von Jürgen Habermas, der sich ebenfalls auf diese von Karl Jaspers von 70 Jahren behauptete Konstellation beruft und darauf sein Philosophiegebäude errichtet. Doch große Denkern brauchen es nicht so ganz genau zu nehmen – Hauptsache sie haben grundsätzlich recht, und das kann ja wohl niemand bestreiten.

  2. @1: Ich kenne die Assmanns und auch das Buch über die „Achsenzeit“. Ein Beispiel dafür, dass der Sinn von Ereignissen oder Zeiten stets retrospektiv konstruiert wird.

  3. @2: Dann kennen Sie sicherlich auch Habermas und dessen Buch „Auch eine Geschichte der Philosophie“, in dem es um die retrospektive Konstruktion der historischen Differenzierung von Glauben und Wissen geht. Dummerweise lässt der Großmeister das Fühlen außer Acht, also die Kunst oder auch Ästhetik und im weiteren Sinne die Ethik (im engeren Sinne die Politik).
    Er verfolgt die beiden philosophischen Fragen Kants: „Was darf ich hoffen“ (Glaube/Theologie/Metaphysik=Geisteswissenschaft) und „Was kann ich wissen“ (Weisheit/Philosophie/Physik=Naturwissenschaft), ohne dessen dritte Frage zu berücksichtigen: „Was soll ich tun“ (Ethik/Politik).
    Antworten auf diese Frage sind für mich die entscheidenderen. Sie erfolgen in einem gefühlsbezogenen Bereich der Aktion und der Praxis, der philosophisch unter den Rubriken Ethik und Ästhetik mit den Stichwörtern Freiheit und Verantwortung abgehandelt werden. Somit vollzieht Habermas mit seinem Buch einen Rückfall der kritischen Theorie hinter Adorno und Horkheimer, aber das hatte er ja bereits in den 1980er-Jahren mit seiner „Theorie des kommunikativen Handelns“ und der kontrafaktischen Überbetonung der Rationalität getan.
    Habermas‘ späte Auseinandersetzung mit der Religion scheint mir der Versuch zu sein, den europäischen Sonderweg der Säkularisierung gegen das weltweite Wiederaufleben religiöser Orthodoxie zu retten. Aufklärung und Rationalität haben es derzeit schwer gegen die missionarische Ausbreitung und missionarische Zuspitzung der großen Weltreligionen sowie gegen die Vielzahl kleiner religiöser Sekten und Bewegungen, zu dessen Symptomatik auch der Boom von Yoga und Meditation gehört, also das Verlangen nach einer Transzendierung des Alltags. Selbst der politische Populismus schwimmt auf der Welle dieser um sich greifenden Irrationalität. Die Prediger von nationaler Grandiosität stellen sich gegen die Globalisierung aufklärerischer Entwicklungsprinzipien wie Säkularisierung, Rationalisierung, Modernisierung, Spezialisierung, Industrialisierung und Digitalisierung.
    Die Aufgabe der heutigen Philosophie ist es meines Erachtens, diese Entwicklungstendenzen nicht bloß zu beschreiben und zu formalisieren, sondern auch deren Gefahren zu analysieren und diesen entgegen zu steuern.

  4. Yoga und Meditation würde ich nicht dort verorten und auch nicht als irrational bezeichnen wollen.
    Yoga, so wie ich es erlebe, ist eine Fokussierung auf den eigenen Körper, lässt Soziales und auch Psyche vergessen, während Meditation den Körper und das Soziale vergessen lässt.
    Absichtsvolle Aktionen von Menschen, Bewegung und Bewusstsein.

  5. @4
    Stimmt „Irrationalität“ klingt abwertend.
    Nennen wir es „Spiritualität“. Die ist stark im Kommen. Und mit ihr auch Cocoonisierung, Cosynisierung und Hygginisierung. Was ja nicht verkehrt ist.

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