41.1 Affektives Bewerten – Kriterien: unlustvoll/lustvoll (jeweils mehr vs. weniger) bzw. das (koinästhetische) Erleben des eigenen lustvollen/unlustvollen körperlichen Zustands, das mit anderen Wahrnehmungen gekoppelt ist, sowie die zunehmende Ausdifferenzierung dieser Erlebensweisen und Kopplungen.

Wir können wohl zu Recht davon ausgehen, dass auch Gefühle im Laufe der Entwicklung eines Individuums einer zunehmenden Differenzierung unterliegen. Das weiss allerdings keiner so genau, weil die Analyse von Gefühlen bei Neugeborenen lediglich aus der Beobachtung ihres Verhaltens abgeleitet werden kann. Dabei handelt es sich um angeborene Verhaltensschemata (vor allem der Mimik, des Schreiens etc.). Und diese Mimik wird analog zu der von Erwachsenen interpretiert – was wahrscheinlich schon deswegen ganz sinnvoll ist, weil die Erwachsenen ihre Mimik ja auch aus den Schemata, die angeboren sind, weiterentwickeln (und das sogar nur in geringem Maße, wie die Studien von Paul Ekman zeigen).

Die grobe Unterscheidung von Lust und Unlust, wie sie etwa von Freud und der Psychoanalyse („Lustprinzip“) vorgeschlagen wurde, erscheint als grobe, undifferenzierte Bewertung der „ganzen Welt“, die nachfolgend zu einer feineren Differenzierung unterschiedlicher Gefühle  führt.

Die Erforschung des Spektrums der Gefühle durch empirische Forscher führt dann aber auch nicht zu einer riesigen Variationsbreite möglicher Gefühle, sondern zu einer sehr eng begrenzten Zahl vermeintlicher „Grundgefühle“ oder „Basisemotionen“: Freude, Wut, Ekel, Furcht, Verachtung, Traurigkeit, Überraschung (unterschiedliche Autoren verwenden unterschiedliche Begrifflichkeiten).

Ob solch eine Kategorisierung unterschiedener Gefühle oder Affekte passend ist, muss wohl diskutiert werden. Denn meist werden auch diese Gefühle aus der Mimik von Menschen geschlossen, manchmal auch aus Scans des Gehirns oder Besonderheiten des EEG abgeleitet.  Anzumerken ist,  dass es sich auch dabei sich letztlich immer um spezifische Formen der Teilnahme an Kommunikation handelt, die von den anderen Teilnehmern als Ausdruck von Gefühlen gedeutet werden.

Sie in experimentellen Settings vom Kontext, in dem sie entstehen, zu isolieren, ist  problematisch. Phänomene wie Ekel oder Verachtung sind möglicherweise ja besser den Besonderheiten ästhetischen Urteilens zuzuweisen und der Überraschung oder Enttäuschung von Erwartungen. Generell dürfte es sinnvoll sein, die Sachdimension und die Sozialdimension von Gefühlen zu unterscheiden. Bezieht sich z.B. der erlebte Ekel auf eine Speise, einen anderen Menschen oder denjenigen selbst, der aktuell dieses Gefühl hat…

 

Literatur:

„Der Begriff des Lustprinzips bleibt ohne große Änderung durch das Freudsche Werk hindurch erhalten. Was andererseits bei Freud ein Problem darstellt und unterschiedlich beantwortet wird, das ist die Stellung des Prinzips im Verhältnis zu anderen theoretischen Bezugspunkten.

Eine erste Schwierigkeit, die bereits bei der Formulierung des Prinzips selbst spürbar  ist, hängt mit der Definition der Lust und der Unlust zusammen. Nacch einer von Freuds konstanten Hypothesen im Rahmen seines psychischen Modells kann das System Wahrnehmung-Bewußtsein die ganze Vielfalt der von der Außenwelt kommenden Erregungen aufnehmen, während es von innen nur Spannungserhöhungen und -verminderungen wahrnimmt, die sich in eienr einzigen qualitativen Größe ausdrücken: der Stufenleiter Lust-Unlust (…). Kann man sich demnach an eine rein ökonomische Definition halten, da Lust und Unlust nur der qualitative Ausdruck quantitativer Modifikationen sind? Andererseits welches ist die exakte Korrelation zwischen diesen beiden Aspekten, qualitativ und quantitativ?“

Laplanche, Jean, Jean-Bertrand Pontalis (1967): Das Vokabular der Psychoanalyse. Bd. I. Frankfurt (Suhrkamp) 1980, S. 298.

„Lassen Sue zbs mit dem Gesichtsausdruck beginnen, dem kurzfristigsten unter den Emotionssignalen. In (…) habe ich von meinen Forschungen berichtet, denen zufolge sieben Basisemotionen – Trauer, Zorn, Überraschung, Angst, Ekel, Verachtung und Freude – über einen jeweils charakteristischen, universalten Gesichtsausdruck verfügen. Ich brauche diese Begriffe nicht zu definieren – außer womöglich Verachtung oder Geringschätzung. Gemeint ist damit das Gefühl, besser zu sein, as der andere, ihm überlegen, und zwar in der Regel moralisch überlegen zu sein.“

Ekman, Paul (2003): Gefühle lesen. Wie Sie Emotionen erkennen und richtig interpretieren. Heidlberg (Spektrum) 2007, S 82.

 




Ein Gedanke zu „41.1 Affektives Bewerten – Kriterien: unlustvoll/lustvoll (jeweils mehr vs. weniger) bzw. das (koinästhetische) Erleben des eigenen lustvollen/unlustvollen körperlichen Zustands, das mit anderen Wahrnehmungen gekoppelt ist, sowie die zunehmende Ausdifferenzierung dieser Erlebensweisen und Kopplungen.“

  1. Ziemlich differenzierte Gefühlsnuancen kommen in der Musik zum Klingen. Zu den klassischen Angaben für den emotionalen Gehalt eines Werkes und zur Charakteristik des
    musikalischen Vortrags gehören unter anderen solche wie:

    • abbandonandosi (gefühlsergeben, hingebungsvoll)
    • adagio (langsam, ruhevoll, gemächlich)
    • addolorato (schmerzlich)
    • affettuoso (ergriffen, bewegt, leidenschaftlich, mit Empfindung)
    • amabile (lieblich)
    • amore (Hingebung)
    • amoroso, con amore (liebevoll, zärtlich)
    • animato, con anima (beseelt)
    • appassionato (leidenschaftlich, ausdrucksvoll)
    • armonioso (harmonisch)
    • capriccioso (launisch)
    • calmo (ruhig, gelassen)
    • con moto (mit Bewegung, bewegt)
    • con sentimento (mit Gefühl)
    • con tenerezza (mit Herzlichkeit, Zärtlichkeit)
    • declamando (pathetisch, stark ausdrucksvoll)
    • delectissimente (fein, zärtlich)
    • delicato (zart, geschmackvoll)
    • desolato (trostlos, verzweifelt, tief betrübt)
    • divoto (andächtig, ergeben)
    • dolce (süß, sanft, zart, lieblich)
    • dolcissimo (außerordentlich süß, sanft, zart, lieblich)
    • doloroso (schmerzlich)
    • giocoso (lustig)
    • festivo (festlich)
    • flebile (wehmütig)
    • forzatissimo (außerordentlich stark betont)
    • funebre (trauernd)
    • grave (schwer, langsam)
    • innocente (schlicht, naiv, ungekünstelt)
    • lacrimoso (tränenreich, weinend)
    • lamentoso (klagend)
    • languendo, languente, languido (schmachtend, sehnend)
    • lugubre (trauernd)
    • mesto (betrübt, traurig, ernst)
    • passionata (leidenschaftlich)
    • patetico (pathetisch)
    • pensieroso (nachdenklich)
    • piangendo (unter Tränen, wehleidig, schwermütig)
    • pietoso (mitleidsvoll)
    • placido (ruihg, gelassen, still, gefällig)
    • portato (getragen)
    • religioso (andachtsvoll)
    • sereno (heiter)
    • serioso (ernst, würdig)
    • solemnis (feierlich)
    • stentando, stentato (schleppend, zögernd)
    • teneramente (zart)
    • tremolo (bebend)
    • triste (traurig)
    • vibrato (bebend)
    • vigoroso (lebhaft, kraftvoll)
    • vivace (lebhaft, schnell)

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