41.1.1 Die Funktion affektiven Unterscheidens besteht darin, eine Beziehung zu Interaktionspartnern herzustellen, zu erhalten oder zu beenden und ihre Merkmale zu diagnostizieren sowie verhaltensleitende Impulse zu produzieren (= Aktivierung senso-motorischer Muster).

Affekte oder Gefühe (beide Begriffe werden hier synonym verwendet) sind die Grundlage der sozialen Kognition und Intelligenz. Ihre Funktion für das Überleben der Menschheit dürfte mindesten so groß (gewesen) sein, wie die sogenanne Vernunft oder anders formuliert: Denken ohne Fühlen ist irrational (weil asozial).

Die Erklärung dafür ist relativ einfach: Gefühle sind es, die nicht nur als Basis der sozialen Kognition und Intelligenz fungieren, sondern sie schaffen soziale Systeme, sie erhalten sie, und sie können sie auch wieder zerstören, indem sie Menschen in Kommunikation miteinander bringen oder auch die Kommunikation beenden.

Im Prinzip besteht die soziale Funktion von Affekten – was nicht ihre einzige Funktion ist – in (1) der Kopplung von Individuen zu größeren sozialen Einheiten – als „Liebe“, „Zuneigung“ und „Bindung“ o. Ä.  erlebt – und (2) der Spaltung sozialer Einheiten zu kleineren Einheiten oder die Isolierung von Individuen – als „Hass“, „Abneidung“ oder „Distanzierung“ o. Ä. erlebt.

Deswegen kann man im Kino fest damit rechnen, dass das Publikum weint, wenn es zu Trennungen, vor allem aber zu (Wieder-)Vereinigungen der Protaganisten kommt.

Aber, um Mißverständnissen vorzubeugen: Bindung (wie Kopplung) ist keine erklärender Begriff, sondern er liefert lediglich eine Beschreibung von Verhaltensweisen. Ursprünglich wurde er in der Verhaltensforschung (z.B. von Konrad Lorenz) entwickelt, um die von beobachteten Tieren vollzogene (wiederholte) Bevorzugungen bestimmter Orte, Objekte oder Artgenossen gegenüber anderen zu beschreiben; in die Psychologie wurde das Konzept von John Bowlby übernommen („Attachement“).

Bindung, so die hier vertretene These, ist eine Funktion von Affekten (was allerdings nicht die Affekte erklärt, sondern nur ihre Wirkung beschreibt).

Das Phänomen von Kopplung und Spaltung sozialer Einheiten wurde schon im klassischen Altertum beschrieben, beispielhaft in Platons Symposium (s. unten) und in den Zusammenhang mit dem Gott Eros gebracht.

Die zweite, nicht minder wichtige Funktion von Gefühlen, besteht darin, schnelles Handeln zu erlauben. Es geht um unreflektiertes Handeln aufgrund simplifizierender Untescheidungsschemata, die den zeitraubenden „Umweg“ der Entscheidungsfindung über die Großhirnrinde – um es pseudowissenschaftlich-biologisch auszudrücken – abzukürzen.

Dass rein affektives Entscheiden ebenso irrational sein kann wie dessen Ausschaltung, sei der Ordnung halber angemerkt.

 

Literatur:

„Nämlich unsere ehemalige Natur war nicht dieselbe wie jetzt, sondern eine ganz andere. Denn erstlich gab es drei Geschlechter von Menschen, nicht wie jetzt nur zwei, männliches und weibliches, sondern es gab noch ein drittes dazu, welches das gemeinschaftliche war von diesen beiden, dessen Name auch noch übrig ist, es selbst aber ist verschwunden. Mannweiblich nämlich war damals das eine, Gestalt und Benennung zusammengesetzt aus jenen beiden, dem männichen und weiblichen, jetzt aber ist es nur noch ein Name, der zum Schimpf gebraucht wird. Ferner war die ganze Gestalt eines jeden Menschen rund, so daß Rücken und Brust im Kreise herumgingen. Und vier Hände hatte jeder und Schenkel ebensoviel wie Hände, und zwei Angesichter auf einem kreisrunden Halse einander genau ähnlich, und einen gemeinschaftlichen Kopf für beide einander gegenüberstehde Angesichter, und vier Ohren, auch zweifache Schamteile, und alles übrige wie es sich hieraus ein jeder weiter ausdenken kann. Er ging aber nicht nur aufrecht, wie jetzt, nach welcher Seite er wollte, sondern auch, wenn er schnell wohin strebte, so konnte er, wie die Radschlagenden jetzt noch, indem sie die Beine gerade im Kreise herumdrehen, das Rad schlagen, ebenso auf seine acht Gliedmaßen gestützt sich serh schnell im Kreise fortbewegen. Diese drei Geschlechter gab es aber deshalb, weil das männliche ursprünglich der Sonne Ausgeburt war und das weibliche der Erde, da an beidem teilhabende aber des Mondes,d er ja auch selbst an beiden teilhat. (…) An Kraft und Stärke waren sie gewaltig und hatten auch große Gedanken, und was Homeros von Ephialtes und Otos sagt, das ist von ihnen zu verstehen, daß sie sich einen Zugang zum Himmel bahnen wollten, um die Götter anzugreifen.

Zeus also und die anderen Götter ratschlagten, was ihnen tun sollten, und wußten nicht, was. Denn es war weder tunlich, sie zu töten und, wie die Giganten sie niederdonnernd das ganze Geschlecht wegzuschaffen, denn so wären ihnen auch die Ehrenbezeugungen und die Opfer der Menschen mit weggeschafft worden, noch konnten sie sie weiter freveln lassen. Mit Mühe schließlich hatte sich Zeus etwas ersonnen und sagte: Ich glaube ein Mittel zu haben, wie es noch weiter Menschen geben kann und sie doch aufhören müssen mit ihrer Ausgelassenheit, wenn sie nämlich schwächer geworden sind. Swnn jetzt, sprach er, will ich sie jeden in zwei Hälften zerschneiden, so werden sie schwächer sein und doch zugleich uns nützlicher, weil ihrer mehr geworden sind, und aufrecht sollen sie gehen auf zwei Beinen. Sollte ich aber merken, daß sie noch weiter freveln und nicht Ruhe halten wollen, so will ich sie, sprach er, noch einmal zerschneiden, und sie mögen dann auf einem Beine fortkommen, wie Kreisel. Dies gesagt, zerschnitt er die Menschen in zwei Hälften, wie wenn man  Früchte zerschneidet, um sie einzumachen, oder wenn sie Eier mit Haaren zerschneiden.“

Platon: Symposion, 189d – 190e. Hamburg (Rowohlt Klassiker) 1986, S. 221f.

„Mit dem Wort Bindung bezeichnen wir also das, was frei bewegliche Individuen beieinander oder an bestimmten Orten hält. Wir beobachten nun immer wieder, daß Tiere sich nur unter besonderen Bedingungen zu Gruppen zusammenschließen, daß sich diese Gruppen aber unter geänderten Bedingungen auch wieder auflösen. Wenn das Zusammenbleiben durch Bedingungen gewährleistet wird und von Umweltbedingungen  abhängig ist, dann müssen wir annehmen, daß die Umweltbedingungen  einen Einfluß auf die Bindungen nehmen.“

Wickler, Wolfgang, Uta Seibt (1977): Das Prinzip Eigennutz. München (dtv) 1981, S. 307.

„Wenn nicht jede Minute des Lebens von Gefühlen bestimmt ist, dann erhebt sich die Frage: Wann und warum reagieren wir emotional? Am geläufigsten sind uns Emotionen, wenn wir  – ob zu Recht oder nicht – annehmen, dass etwas geschieht oder geschehen wird, das für unser Wohlergehen von massiver Bedeutung ist. Das ist gewiss nicht der einzige Grund für eine emotionale Reaktion, aber sicher serh wichtiger, vielleicht der zentrale »Urgrund« für unsere emotionale Reaktionen. (…) Die Idee dahinter ist einfach, aber von zentraler Bedeutung: Emotionen haben sich in der Evolution entwickelt, damit wir rasch auf entscheidende, lebenswichtige Ereignisse in unserem Leben reagieren können.“

Ekman, Paul (2003): Gefühle lesen. Wie Sie Emotionen erkennen und richtig interpretieren. Heidelberg (Spektrum) 2007, S. 26.