41.1.3 Die erlebten Affekte liefern dem Teilnehmer an der Interaktion jeweils aktuell eine Beschreibung und Bewertung der (aktuellen und/oder potenziellen) Beziehung zu seinen Interaktionspartnern, die ihm schnelles Handeln ermöglicht (und wahrscheinlich macht).

Affekte sind Kognitionen! Sie liefern eine Wirklichkeitskonstruktion, deren Aufmerksamkeitsfokus auf die Beziehung dessen, der sie erlebt, zu seinen Umwelten gerichtet ist. Gefühle bewerten zwar, aber sie beschreiben auch die Lebenswelt des Fühlenden. Beschreiben und Bewerten können zwar zu analytischen Zwecken als unterschiedliche Elemente von Wirklichkeitskonstruktionen getrennt betrachtet, im Erleben eines Affekts sind sie aber miteinander verschmolzen. Ja, auch eine Art Erklärung gehört noch zu dem Cocktail, nämlich der mit einem Gefühl verbundene Handlungsimpuls. Er folgt – wenn man so will – der Erklärung, wie auf die durch Gefühle beschriebene und bewertete Situation zu reagieren ist. Am deutlichsten ist dies bei der Angst, deren Konsequenz die Flucht oder der Kampf ist (zwei Aktionsmuster, die aus der ängstigenden Situation herausführen können – zumindest ist dies die in diesem Gefühl implizierte Suggestion).

Die Trennung von Beschreiben, Erklären und Bewerten ist in Bezug auf Gefühle so schwierig, weil sie als nicht-zusammengesetzte Einheit funktionieren. Es ist eine ganzkörperliche, koinästhetische Reaktion, die nicht irgendwo im Körper lokalisiert werden kann, und sie betrifft das gesamte Individuum als Überlebenseinheit.

Während das logisch-diskursive Denken stets versucht, aus einer fiktiven Außenperspektive auf die Geschehnisse, d.h. auch auf die Beziehung des Einzelnen, der denkt, zu den Objekten, die er beobachtet (Sachdimension), vor allem aber zu den beobachteten Personen (Sozialdimension), schaut, liefern Affekte eine – extrem schnelle – Einschätzung der Beziehung zur Welt und ihren Insassen aus der tatsächlichen Innenperspektive des Akteurs. Um es in ein Bild zu bringen: Das logisch-diskursive Denken schaut aus der Perspektive des Zuschauers, der auf der Tribüne sitzt – vielleicht auch aus der dess Trainers, der am Spielfeldrand sitzt – auf das Spiel des Lebens, während unsere Gefühle die Perspektive des Spielers, der auf dem Feld steht und schnell seine Aktionen mit denen der anderen Akteure koordinieren muss, eröffnen; aus der Perspektive des Spielers ist es wichtig unterscheden zu können, ob der andere Spieler zur eigenen Mannschaft gehört (d.h. einem wohlgesonnen oder feindlich gegenüber tritt), ob er Böses im Sinn hat oder nicht, ob man mit ihm kooperieren kann, ihm überlegen ist, oder lieber die Flucht ergreift oder sich tot stellt.

Da schnelles – d.h. unreflektiertes – Handeln nötig ist (unreflektiert, weil dazu keine Zeit ist), muss diese „Beziehungsdiagnose“ mit ganz einfachen Unterscheidungen arbeiten, die quasi automatisch Handlungen einleiten. Sie werden als gefühlsgesteuerte Impulse erlebt.

 

Literatur:

Sentire significa essere coinvolti in qualche cosa.“

Heller, Ágnes (2017): Teoria dei sentimenti. Roma (Castelvecchi).

 




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