41.3 Bewerten physikalischer Merkmale – Kriterien: groß/klein, lang/kurz, hoch/tief, dick/dünn, schnell/langsam, schwer/leicht, warm/kalt, hell/dunkel usw., das heißt, beobachtete Merkmale werden jeweils mit einem implizit oder explizit normierten, physischen Maßstab verglichen bzw. an ihm gemessen.

„Miss es oder vergiss es!“ – so lautet das Credo aller Wissenschaften, die auf Quantifizierung, Statistik etc. setzen. Und dies ist keine blöde Idee, weil Zahlen und Zählen offenbar interkulturell für Anschlussfähigkeit sorgen. Man mag die Zahlen anders schreiben, aber in jeder Sprache gibt es Worte, die sie bezeichnen. Die Sprache der Zahlen ist wahrscheinlich die einzige Weltsprache.

Daher eröffnen alle gesellschaftlichen Bereiche, in denen Leistung quantifizierbar und damit objektivierbar ist, für Einwanderer aus fremden Kulturen die Möglichkeit der Integration, einen Weg Anerkennung zu finden, wo ansonsten Sprachbarrieren und die Unkenntnis der „feinen Unterschiede“ den sozialen Aufstieg verhindern würden:

  • Sport (kein Wunder, dass die Fußballnationalmannschaften Frankreichs, zum Teil auch Deutschlands viel Spieler mit „Migrationshintergrund“ – wie es so gern genannt wird – aufweisen; die Olympia-Leichtathletikmannschaft besteht zum großen Teil aus Afro-Amerikaner, ebenso die Basketballliga usw.),
  • Naturwissenschaften (auch hier gibt es Methoden, die dafür sorgen, dass Ergebnis objektivierbar sind, d.h. ohne Ansehen der Person bewertet werden; daher sind z.B. an amerikanischen Universitäten Forscher aus aller Welt willkommen, ungeachtet ihrer Hautfarbe oder Religion usw.)

 

  • Wirtschaft (als [Klein-]Unternehmer – wie etwa als Händler – ist man unabhängig von der vorgegebenen sozialen Schichtung, solange man Produkte mit einem gewissen Gewinn verkauft; deswegen sind Frucht- und Gemüseläden in Berlin und anderen deutschen Städten fest in der Hand von Türken; auch Restaurants, z.B. China-Restaurants und Pizzerien eröffnen die Möglichkeit, seinen Lebensunterhalt in einer fremden Kultur zu bestreiten; das ist kein neuartiges Phänomen, denn auch viele Namen alteingesessener Familienunternehmen weisen darauf hin, dass ihre Gründer von hundert oder zweihundert Jahren, als die Schichtung der Gesellschaft noch weniger durchlässig war als heute, durch eines Geschäfts den Zutritt zu besseren Gesesllschaft finden konnten).
  • usw.

Kritisch anzumerken ist allerdings, dass durch Messen immer einzelne Größen aus dem Kontext gelöst werden; was gemessen wird, ist immer eine isolierte Größe, d.h. der Messung liegt eine Idealisierung zugrunde, denn tatsächliche Wirk- und Sinnzusammenhänge landen im „blinden Fleck“ der Beobachtung. Messung ist immer Abstraktion, und sie sagt oft mehr über den Beobachter und sein Interesse aus als über den beobachteten Sachverhalt. Die Welt in Zahlen zu übersetzen ist höchst problematisch, denn Mathematik ist ein menschliches Produkt. Anzunehmen, Zahlenwerte würden Wirklichkeit abbilden, ist leichtsinnig (wobei der Unterschied zwischen „leicht“ und „schwach“ nicht groß ist).

Seit Werner Heisenberg seine „Unschäferelation“ formuliert hat, ist auch den Naturwissenschaften (Quantenmechanik) klar geworden, dass Messen keine harmlose Form des Beobachtens objektiver Gegebenheiten oder Geschehnisse ist, sondern eine Intervention, die den „gemessenen“ Untersuchtungsgegenstand verändert.

 

Literatur:

„Wenn wir an Messungen denken, denken wir auf Anhieb in Zahlen, weil sie Dimensionen der einen oder anderen Art repräsentieren. Ob es uns gefällt oder nicht, in Industriegesellschaften wird das Leben der Menschen weitgehend von Zahlen »gesteuert« – z.B. Geschwindigkeitsbegrenzungen beim Autofahren, Werten für das Serumcholesterin, Immobilienbesitz, Backzeiten und -temperaturen – Zahlen, denen immer Messungen zugrunde liegen. Schriftliche und mündliche Prüfungen in der Schule gelten als Messlatte für den Grad der Informationsverarbeitung, Leistungstests messen Kompetenzen messen, Intelligenztests sollen geniale Begabungen enthüllen (zu dumm, dass es uns bisher noch nicht gelungen ist, Weisheit zu messen).“

Karnath, Lorie, G. Teryy Sharrer (2008): Eine kurze Geschichte des Vermessens. München (Herbig) S. 10f.

„(…) die Meßanordnung verdient diesen Namen ja nur, wenn sie in enger Berührung steht mit der übrigen Welt, wenn es eine physikalische Wechselwirkung zwischen der Meßanordnung und dem Beobachter gibt. Die Unsicherheit über das mikroskopische Verhalten der Welt wird also in die quantentheoretischee Beschreibung des Systems hier genauso wie in der ersten Deutung eindringen. Wenn die Meßanordnung von der übrigen Welt isoliert wäre, dann würde sie keine Meßanordnung mehr genannt werden können, und sie könnte nich mehr in den Begriffen der klassischen Physik beschrieben werden.“

Heisenberg, Werner (1959): Physik und Philosophie. Frankfurt (Ullstein), S. 40.

„Die Einführung des Wahrscheinlichkeitsbegriffs in die Definition des Zustands des Objekts der Quantenmechanik schließt allerdings im Prinzip und nicht nur etwa in der Praxis infolge der Unvollkommenheit der menschlichen Beobachtung oder der Instrumente, die Erfüllung der Voraussetzung aus, daß das Objekt der Kenntnisse des Physikers ein isoliertes System sein müsse. Heisenberg zeigt gleichfalls, daß es auch nichts hilft, die Versuchsapparaturen und sogar das Auge des beobachtenden Wissenschaftlers in das physikalische System, das das Objekt zur Kenntnisse des Wissenden bildet, einzuschließen, da der Zustand aller Objekte im Prinzip mit Hilfe des Wahrscheinlichkeitsbegriffs definiert werden müsse, wenn die Quantenmechanik richtig ist. Folglich kann die einschränkende Bedingung »für ein isoliertes System« selbst in der schwächeren Form der mechanischen Ursächlichkeit nur erfüllt werden, wenn das gesamte Universum in das Objekt der wissenschaftlichen Kenntnis eingeschlossen ist.“

Northrop, F. S. C. (1959): Einführung in die Probleme der Naturphilosophie. In: Heisenberg, Werner (1959): Physik und Philosophie. Frankfurt (Ullstein), S. 196.




2 Gedanken zu „41.3 Bewerten physikalischer Merkmale – Kriterien: groß/klein, lang/kurz, hoch/tief, dick/dünn, schnell/langsam, schwer/leicht, warm/kalt, hell/dunkel usw., das heißt, beobachtete Merkmale werden jeweils mit einem implizit oder explizit normierten, physischen Maßstab verglichen bzw. an ihm gemessen.“

  1. WDR-Doku: Kriminelle Clans und ihre Millionen-Geschäfte
    Clans funktionieren wie Wirtschaftsunternehmen. Der Film zeigt, arabische Clans sind nicht nur national, sondern international vernetzt. Sie funktionieren wie Wirtschaftsunternehmen. Gelder werden da angelegt, wo sie sicher sind und Gewinne erwartet werden. Das gilt auch für kriminell erwirtschaftetes Vermögen. Es wird in den legalen Wirtschaftskreislauf eingebracht. Der deutsche Immobilienmarkt bietet dafür beste Möglichkeiten.
    https://orbanism.com/dokuliebe/2019/wdr-doku-kriminelle-clans-und-ihre-millionen-geschaefte/

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