41.4.1 Logisches Bewerten – Kriterien: wahr/falsch, konsistent/inkonsistent, tautologisch/paradox usw., das heißt, Aussagen über die Welt wird ein Bedeutungs- und Wahrheitsgehalt zugeschrieben oder abgesprochen.

„Dieses Argument ist völlig unlogisch!“ – so tönt es gelegentlich in Diskussionen. Die Bewertung logisch/unlogisch oder auch konsistent/inkonsistent (=sich widersprend) bezieht sich stets – wie er Begriff „Logik“ nahelegt (v. Griech. logos „Wort“, „Rede“, „Darlegung“, „Behauptung“…) auf eine spezifische Form der Kommuniktion: den Dialog, die Kommunikaiton qua Sprache, d.h. um Aussagen und die Spielregeln ihrer Akzeptanz oder Allgemeingültigkeit. Daher ist die logische Bewertung eine, die sich stets auf Sätze und Behauptungen (oder auch komplexere Behauptungen oder Theorien bezieht, und die Bedingungen ihrer Widerlegung bestimmt. Wenn solch Sätze zu Widersprüchen führen, dann dann sind sie aus logischer Sicht zu verwerfen, d.h. als unwahr zu bewerten. Die ist eine der zentralen Bewertungsformen (wenn auch nicht die einzige) in den Wissenschaften; und dort ist sie auch ganz funktionell, weil sie verbindliche Spielregeln des disziplinierten Argumentierens, des Erklärens, sowie der Konstruktion von Theorien etc. festlegen.

Solch eine Form der Bewertung ist aber, das muss deutlich unterstrichen werden, ziemlich unpraktisch für die Alltagskommunikation – und auch für das individuelle Denken, soweit es das Handeln eines Individuums steuert. Der Grund dafür ist ziemlich simpel: Logik ist ein „Landkartenphänomen“, d.h. ein Merkmal der „Landkarte“ nicht der „Landschaft“, sie gehört zum Phänomenbereich der Zeichen, nicht zur bezeichneten Welt. Denn die Merkmal der Logik – ihre Struktur – weicht radikal von den Merkmalen lebender und Leben voraussetzender Systeme ab. Denn die sind in einer Weise organisiert und folgen einer Dynamik, die nach den Regeln der (zweiwertigen) Logik (von der hier die Rede ist), verboten ist: Sie sind paradox organisiert (s. dazu Sätze 46ff.).

Daher kann es nicht wirklich verwundern, dass es im Alltag oft erheblich funktioneller ist, „unlogisch“ zu handeln und Widersprüche nicht als Problem zu definieren. Denn, um auch dies zu unterstreichen, es kann extrem irrational sein, logisch zu handeln.

Dies mag einer der Gründe sein, warum Menschen, die Logik und Leben miteinander verwechseln, nicht selten in psychiatrischen Anstalten landen oder nur deshalb einigermaßten gut integriert in der Gesellschaft bleiben, weil sie eine Sozialarbeiterin geheiratet haben oder noch mit 60 Jahren bei ihrer Mutter leben…

https://www.youtube.com/watch?v=9cp3_uShR50

 

Literatur:

„Führende Vertreter der Logik jenseits des Ozeans verbinden in der Tat ihre Forschung mit einem Glaubensbekenntnis, das sie sellbst als strenge »Wissenschaftlichkeit« deklarieren und dessen Dogmen vorschreiben, der Mensch und seine Sprache seien so etwas wie Objekte der Physik, am ehesten  mit den Methoden des Behaviorismus erforschbar, und vernünftige Wissenschaft sein in jedem Falle exakte Wissenschaft nach dem Leitbild der Mathematik einerseits, der Physik andererseits. Mag auch dies der Logik sich gemeinhin verbindende Weltanschauung nicht immer Neopositivismus sein, um Szientismus, d.h. um ein Verständnis der Vernunft im soeben angedeuteten Sinnen handelt es sich in jedem Falle.

(…)

Logische Propädeutik ist (…) nicht lediglich eine Vorhalle der formalen Logik – dann ginge sie ja wiederum den nicht an, der gar nicht die Absicht und den Ehrgeiz hat, formale Logik zu betreiben -, sondern die Lehre von den Bausteinen und den Regeln jedes vernünftigen Redens, das nämlich auch dann der klärenden und ordnenden Kritik bedarf, wenn – wie etwa in den historischen Wissenschaften – von logisch komplizierten Schlußverfahren gar keinen oder nur bescheidenen Gebrauch macht.“

Kamlah, Wilhelm, Paul Lorenzen (1973): Logische Propädeutik. Vorschule des vernünftigen Redens. Mannheit (B-I Wissenschaftsverlag), S. 13.




16 Gedanken zu „41.4.1 Logisches Bewerten – Kriterien: wahr/falsch, konsistent/inkonsistent, tautologisch/paradox usw., das heißt, Aussagen über die Welt wird ein Bedeutungs- und Wahrheitsgehalt zugeschrieben oder abgesprochen.“

  1. ach ja, es ist schon so eine Krux mit den Paradoxa,
    wenn man da nicht aufpaßt, kann man -eh man sich
    versieht- ganz gewaltig auf die Schnauze fallen …
    und der Ruhm incl. Nachrum geht flöten …

    „In unserer Welt des Zufalls ist nichts zufälliger als der Nachruhm. Eines der bemerkenswertesten Beispiele ist der Eleate Zenon. Dieser Mann, den man als den Begründer der Philosophie des Unendlichen betrachten kann, er scheint in Platons PARMENIDES in der privilegierten Stellung des Sokrates. Er ersann vier Beweise, alle unermeßlich subtile und tiefsinnig, um zu beweisen, daß Bewegung unmöglich sei, daß Achilles die Schildkröte niemals einholen könne und daß sich ein fliegender Pfeil tatsächlich in Ruhe befinde. Nachdem diese Beweise von Aristoteles und jedem Philosophen von damals bis heute widerlegt worden sind, wurden sie wieder in die Rechte eingesetzt und durch einen deutschen Professor, der wahrscheinlich nie von einem Zusammenhang zwischen sich und Zenon träumte, zur Grundlage einer mathematischen Renaissance gemacht. “

    Zen on könnte man -angesichts all dessen – fast meinen …

    „Festzuhalten ist, daß Parmenides‘ Metaphysik – die noch wilder ist als die des PB [= pythagoräischer Bund] und im Rückblick eher wie eine Religion des Ostens als eine Philosophie des Westens erscheint – als eine Art statischer Monismus [FN 6] dargestellt werden kann, und Zenons Paradoxa (von denen es in Wahrheeit mehr als vier gibt) sind entsprechend gegen die Wirklichkeit (1) der Vielfalt und der (2) der Stetigkeit gerichtet. Für den Augenblick betrifft uns (2), was für Zenon, wie Russell erwähnt, die Form gleichmäßiger physikalischer Bewegung annimmt.“

    [FN 6] = grob gesagt: „Alles ist eins“ + „Nichts verändert sich“

    aus David Foster Wallace, Die Entdeckung des Unendlichen,
    Piper 5493, S. 65 f

  2. @2
    Michael S: Soll “tautologisch/paradox“ ein semantisches Gegensatzpaar sein?
    FBS: Ja, und zwar ein unlogisches, irrationales, paradoxes.

  3. @ „Daher kann es nicht wirklich verwundern, dass es im Alltag oft erheblich funktioneller ist, „unlogisch“ zu handeln und Widersprüche nicht als Problem zu definieren. Denn, um auch dies zu unterstreichen, es kann extrem irrational sein, logisch zu handeln.“

    dazu hätte ich gerne ein Beispiel aus dieser Welt ..

  4. @6 Danke!

    Bewertungsmuster:
    logisch/wahr/richtig/konsistent/tautologisch vs.
    unlogisch/unwahr/falsch/inkonsistent/paradox

  5. @10 „Fiderallala, fiderallala, fiderallalalala!“
    Ist doch ein Ausrufezeichen da.
    Hochzeit ist funktionell unlogisch, weil extrem irrational logisch. Nennen wir es „Liebe“.
    Logisch, weil wahr, wäre es auch, seine Affären zu beichten, da dann Scheidung droht.

  6. @11 KORREKTUR
    Logisch, weil wahr, aber irrational wäre es auch, seine Affären zu beichten, da dann Scheidung droht.

  7. @13 „Schweigemantel“

    Schweigen ist besser als Lügen – logisch!
    Notlügen sind unlogisch, inkonsistent, paradox und oft durchschaubar.

  8. Auf jeden Fall habe ich gestern im Schreibgespräch mit K. gedacht, irgendwie ist die Logik in die Wasserstelle des Löwen gefallen. Ich hab zum Abschied gelacht und gute Nacht gewünscht.

  9. @“Schreibgespräch“
    Streitgespräch?

    @“Logik in die Wasserstelle des Löwen gefallen“
    Also ist es gefährlich, sich ihrer zu bedienen. Dann lassen wir es doch und laufen weg.

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