41.4.4 Bewerten der Gesundheit – Kriterien: gesund/krank (mehr oder weniger), normal/unnormal usw., womit ursprünglich sozial wahrnehmbare Abweichungen des körperlichen Erscheinungsbildes und des Verhaltens eines Menschen als durch intrakorporale Prozesse verursacht erklärt und bewertet wurden (allerdings hat sich der Gebrauch dieses Bewertungskriteriums auch auf nicht körperlich begründete Phänomene wie psychische und soziale Systeme ausgedehnt).

Um den physischen Zustand eines Organismus zu bewerten, ist die binäre Unterscheidung krank/gesund ohne jeden Zweifel unterkomplex und wird ihrem “Gegenstand” in keiner Weise gerecht. Der Hintergrund für die Entstehung dieser Unterscheidung mag darin liegen, dass man davon ausging, Krankheiten seien klar abgegrenzte Einheiten, die man “haben” kann oder auch ich nicht (wie in: “Ich habe Blutdruck…!”).

Wenn man diese Unterscheidung hingegen nutzt, um einen sozialen Status und die mit ihm verbundenen Erwartungen an das Verhalten eines Individuums zu bezeichnen, dann wird ein Schuh draus. Dabei kann dann die Selbstbeobachtung (und die Erwartung eines Menschen an sich selbst) von der Fremdbeobachtung unterschieden werden (und den Erwartungen an das Verhalten eines anderen Menschen). Man mag sich krank “fühlen”, aber wenn man nicht krank “geschrieben” wird, so muss man weiter zur Arbeit gehen, wenn man nicht Sanktionen erleiden will.

Implizit ist in allen Gesundheits- wie Krankheitskonzepten – auch wenn sie auf psychische und soziale Systeme angewandt werden – eine sozial definierte Normativität, d.h. es wird implizit ein Normzustand eines Organismus, eines psychischen Systems oder auch eines sozialen Systems unterstellt.

Bei psychischen Systemen und einem durch sie erklärten, abweichenden Verhalten (s. Sätze 73 ff.) kommt noch hinzu, dass mit dem Krankheits- wie Gesundheitskonzept stillschweigend eine biologische Erklärung suggeriert wird, die fragwürdig ist. Problematisch daran ist u.a., dass so nicht nur nahegelegt wird, nur ein Arzt (oder sonstiger Heiler) könne hier wirksam intervenieren, während alle anderen Betroffenen zur Ohnmacht verurteilt sind, sondern auch, dass die – sicher gut gemeinte – Idee, psychisches Leid oder abweichendes Verhalten würden weniger stigmatisiert, wenn sie biologisch begründet sind, sich als (vorhersehbarer) Irrtum erwiesen hat; ganz im Gegenteil: “Symptomatisches” Verhalten wird dadurch seines Charakters als Handlung entkleidet, und derjenige, der es zeigt, seines Status als handelndes Subjekt beraubt.

 

Literatur:

“Der Arzt kann auch die Begriffe Krankheit und Behandlung neu definieren und dadurch die Regeln des ursprünglichen Medizinspiels verändern. Damit begann Charcot, und Freud perfektionierte diese Möglichkeit. Die Veränderung der Spielregeln lässt isch wie folgt zusammenfassen. Als die alten Regeln noch galten, wurde Krankheit als physikalisch-chemische Störung von Körperprozessen definiert, die irgendwann in Form einer Beeinträchtigung zum Ausdruck gelangt. Und ein in seiner Funktionsfähigkeit beeinträchtigter Patient musste geschützt und wenn möglich auch auf seine Krankheit hin behandelt werden; außerdem ersparte man es ihm in der Regel, arbeiten und andere soziale Verpflichtungen erfüllen zu müssen. Täuschte jemand jedoch vor, krank und in seiner allgemeinen  Funktionsfähigkeit beeinträchtigt zu sein, wurde er als Simulant angesehen und so genannt, und sowohl die Ärzte als auch die gesellschaftlichen Autoritäten bestraften ihn. Nachdem sich die neuen Regeln durchgesetzt hatten, wurd die Einstellung gegenüber der zuletzt genannten Gruppe – oder zumindest gegenüber vielen ihrer Mitglieder – neu definiert. Fortan wurden Menschen, die unter Phänomenen litten, welche körperlichen Krankheiten ähnelten, aber keine waren – insbesondere sogenannte Hysteriker – ebenfalls als krank klassifiziert – nämlich als »psychisch krank«; und man behandelte sie nach den gleichen Regeln wie Patienten mit körperlichen Krankheiten.”

Szasz, Thomas (1974): Geisteskrankheit – ein moderner Mythos. Grundlagen einer Theorie des persönlichen Verhaltens. Heidelberg (2013), S. 67.

“In einem oberbayerischen Gebirgstal haben alle Leute einen Kropf. Eines Tages kommt dorthin ein Fremder mit einem ganz normalen Hals.

»Schau, Muatta!« ruft der kleine Jackl. »Wos der Mo do für an dinna Hois hat!«

»Bscht!« beschwichtigt ihn die Mutter. »Tua fei net spottn! Derfst froh sei, daß d’ alle Gliedmaßn beianand hast!«”

Schwind, Anton (1957): Da legst di nieder. Humor aus Bayern. München (Süddeutscher Verlag), S. 26.




7 Gedanken zu „41.4.4 Bewerten der Gesundheit – Kriterien: gesund/krank (mehr oder weniger), normal/unnormal usw., womit ursprünglich sozial wahrnehmbare Abweichungen des körperlichen Erscheinungsbildes und des Verhaltens eines Menschen als durch intrakorporale Prozesse verursacht erklärt und bewertet wurden (allerdings hat sich der Gebrauch dieses Bewertungskriteriums auch auf nicht körperlich begründete Phänomene wie psychische und soziale Systeme ausgedehnt).“

  1. @”Bewerten”

    Gehen zwei Typen nachts eine schmale Gasse entlang, sagt der eine: „Kuck mal. Was ist das denn?“, nimmt den Finger und probiert. Daraufhin meint er: „Das ist Scheiße!” Probiert der andere und sagt: „Ja, hast recht, das ist Scheiße! Nur gut das wir nicht rein getreten sind.“

  2. @”Krankschreibung”

    Ein Angestellter überlegt, wie er ein paar Tage Sonderurlaub bekommen kann. Am besten scheint es ihm, verrückt zu spielen, damit sein Chef ihn zur Erholung nach Hause schickt. Er hängt sich also im Büro an die Zimmerdecke. Da fragt ihn seine Kollegin, warum er das denn tut, und er erklärt es ihr.
    Wenige Minuten später kommt der Chef, sieht seinen Angestellten an der Decke hängen. “Warum hängen Sie an der Decke?”
    “Ich bin eine Glühbirne!”
    “Sie müssen verrückt sein, gehen Sie für den Rest der Woche nach Hause und ruhen sich aus. Montag sehen wir dann weiter.”
    Der Mann geht, die blonde Kollegin aber auch. Auf des Chefs Frage, warum sie denn auch gehe, sagt diese: “Im Dunkeln kann ich nicht arbeiten.”

  3. @”Hauptsache, die Ärzte haben ihren Spaß!”

    Im Irrenhaus. Der Arzt geht mit dem neuen Auszubildenden zu den Patienten in den Versammlungsraum. Die beiden stehen an der Tür.
    Da sagt einer: “5!”
    Es folgt ein Kichern.
    Ein Anderer sagt: “27!”
    Einige grinsen.
    Der Nächste sagt: “23!”
    Es wird gelacht.
    Da fragt der Neue: “Was passiert hier? Warum lachen die?”
    Darauf der Arzt: “Die erzählen sich gegenseitig Witze. Und ums einfacher zu machen, haben sie sie durchnummeriert.”
    “Aha” meint der Neue. Um es auch mal auszuprobieren, sagt er: “42”.
    Alles ist ganz leise, niemand rührt sich. Plötzlich platzt aus Allen ein tierisches Gelächter.
    Der Neue: “Was ist passiert? Was hab ich gesagt?”
    Sagt der Arzt: “Den kannten sie noch nicht!”

  4. Noch einer für Ihre Poker-Schule:

    Ein Mann geht in Las Vegas in ein Casino und sieht, wie ein Hund mit seinem Herrchen pokert. Der Mann geht hin und sagt: “Boah, Ihr Hund ist ja hochintelligent.”
    Darauf der Besitzer: “Intelligent? Der ist nicht intelligent, der ist strohdoof!”
    “Wieso das denn? Das ist der erste Hund, den ich beim pokern sehe.”
    Darauf der Besitzer: “Ja schon, aber jedesmal, wenn er gute Karten hat, fängt er an wie verrückt mit dem Schwanz zu wedeln”.

  5. @Gefahren für Gesundheit und Leben im digitalen Zeitalter

    “Papa, wie bin ich auf die Welt gekommen?”

    “Na gut, mein Sohn … irgendwann müssen wir dieses Gespräch wohl führen. Der Papa hat die Mama in einem CHATROOM kennen gelernt. Später haben der Papa und die Mama sich in einem CYBER CAFÉ getroffen, und auf der Toilette hat die Mama ein paar DOWNLOADS von Papas MEMORY STICK machen wollen. Als der Papa dann fertig für das UPLOADEN war, merkten wir plötzlich, dass wir keine FIREWALL installiert hatten. Leider war es schon zu spät, um CANCEL oder ESCAPE zu drücken, und die Meldung WOLLEN SIE WIRKLICH UPLOADEN hatten wir in den OPTIONEN unter EINSTELLUNGEN schon am Anfang gelöscht. Mamas VIRENSCANNER war schon länger nicht UPGEDATED worden und kannte sich mit Papas BLASTER-WORM nicht so recht aus. Wir drückten die ENTER-TASTE und Mama bekam die Meldung GESCHÄTZTE DOWNLOAD-ZEIT 9 MONATE …”

  6. mit diesem Satz wird nicht nur 1 Fass sondern gleich 123 viele .. aufgemacht ..

    die Bedeutung eines Wortes ergibt sich aus seinem Gebrauch,
    und der Gebrauch ist verknüpft mit den bis dato verfügbaren Erkenntnissen..

    und wir können beobachten welche Bedeutungs-Ebene, Beschreibung, Erklärung oder Bewertung, kommuniziert wird…

    und den Kontext, in dem eine Bewertung erfolgt ..
    und ob Gesundheit/ Krankheit als Objekt (der Begierde) konstruiert wird oder
    als als systemisches Geschehen.

    Dazu gibt es ein Buch von dem Tiermediziner Schole und dem Humanmediziner Lutz aus den 80ern, das nicht wirklich Eingang in den verfügbaren Wissenspool gefunden hat, viel Biochemie halt ..
    beide Autoren verfolgen einen streng systemischen Ansatz, der hilft, Krankheiten und Symptome systemisch zu verstehen, zu bewerten und zu therapieren ..

    für mich vergleichbar mit LoF, statt Mathematik halt Biochemie ..

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