41.4.5 Moralisches Bewerten – Kriterien: Achtung verdienend/zu verachten, ehrenvoll/ehrlos, schamlos/schamhaft, anständig/unanständig, respektvoll/respektlos usw., wodurch Spielregeln bzw. Erwartungen an das Verhalten von Mitgliedern sozialer Systeme definiert sind, gegen die zu verstoßen mit Ansehens- und Statusverlust, Ehrverlust, Missachtung oder auch Ausgrenzung bedroht ist.

Bei der Moral geht es immer um Beziehungsdefinitionen bzw. die Sozialdimension der Kommunikation, d.h. um die Beziehung zu Individuen, die durch deren Verhalten bestimmt wird, das ihnen entweder Anerkennung oder Verachtung der Mitmenschen einbringt. Wer sich in einer Weise verhält, die von den anderen Mitgliedern des sozialen Systems, zu dem er sich zugehörig fühlt (und das evtl. zu seiner persönlichen Identitätsbildung beiträgt), verurteilt wird, ist mit Ausgrenzung bedroht – und damit mit Identitätsverlust (s. Sätze 73ff. uns 84ff.).

Wenn es um politische Fragestellungen geht – um die Frage: „In welcher Art von Gesellschaft wollen wir leben?“ – sind moralische Bewertungen hoch funktionell, d.h. sinnvoll und nützlich, denn sie definieren die Grenzen des „erlaubten“ Verhaltens, wobei der Verstoß gegen moralische Normen auch Verhalten, das strafrechtlich nicht strafbewehrt ist, durch Ehrverlust oder Verachtung sanktioniert wird.

Deswegen ist der Kampf gegen „political correctness“ immer ein Versuch, sich über die Frage nach den legitimen Verhaltenserwartungen der Gesellschaft bzw. die moralischen Implikationen politischer Entscheidungen nicht auseinandersetzen zu müssen. Aber die Forderung nach „political correctness“ hat einen ähnlichen Effekt, nur dass in diesem Fall versucht wird, eine bestimmte Moral unhinterfragt durchzusetzen.

Auf jeden Fall ist es wichtig, sich darüber klar zu werden, dass Fragen der Moral nicht mit wissenschaftlicher Neugier vereinbar sind. Wenn bestimmte Themen nicht behandelt oder diskutiert, ja, bestimmte Ideen nicht einmal mehr gedacht werden dürfen, dann bestimmt die Moral, was beforscht werden kann. Doch auch hier geht es um Entscheidungen, die der öffentlichen Auseinandersetzung bedürfen, weil sie – bzw. die Ergebnisse von Forschung – gesellschftliche Folgen haben.

Festzustellen – und mit Nachdruck zu betonen – ist aber, dass Theorien moralfrei konstruiert werden müssen. Denn nur so entsteht die Notwendigkeit moralischer Entscheidungen. Andernfalls wären diese Entscheidungen schon stillschweigend in der Theorie impliziert als gegeben vorausgesetzt.

 

Literatur:

„»Achtung« ist immer ein Indikator für moralische Inklusion der Person in die Gesellschaft und eben damit auch für ihre Exklusion, wenn Achtung negiert wird. Das setzt voraus, daß einzelne Einstellungen oder Handlungen wirklich den Wert eines solchen Indikators haben können. Man braucht dies selbst für die moderne Gesellschaft nicht prinzipiell auszuschließen, kann aber doch davon ausgehen, daß es zunehmend schwieriger geworden ist sich darüber generell zu verständigen.“ (S. 195)

[…]

„Dieser Begriff von Moral schließt nicht aus, sondern ein, daß alle Kommunikation, ja alles Handeln im Moralschema beobachtet werden kann. Es kann in der Perspektive eines Beobachters zweiter Ordnung, wenn dier den Moralcode als Unterscheidung verwendet, moralisch gut oder moralisch schlecht sein, zu moralisieren bzw. das Moralisieren zu unterlassen, wo es nach Meinung des Moralisten angebracht wäre. “ (S. 195, Fußnote)

Luhmann, Niklas (1992): Beobachtungen der Moderne. Opladen (Westdeutscher Verlag).

„Die erste Dimension ist der Gruppenbezug der Ehre. Hier werden individuelle Integrität und kollektive Ehre miteinander verknüpft. Die Gruppe kann dabei eine Familie, ein Verein oder Club, ein Verband, eine Berufsgruppe doer auch eine Nation sein. Diese Bindung kann aus der Sicht der Gruppe zur Selbsterhaltung genutzt werden, wie Simmel formulierte. Aus der Sicht der Individuen erbit sich zum einen ein Gefühl der Zugehörigkeit, zum anderen aber auch die Möglichkeit, über die Bedeutsamkeit der Gruppe in der Öffentlichkeit eigene Defizite an Selbstbewußtsein und Machtgefühl zu kompensieren.

(…)

Die zweite Dimension besteht in dem Prozeß einer sozialen Normierung und Selbststeuerung jenseits von Recht und Moral (Simmel). Die Geltung spezifischer Ehrbegriffe konstitutiert eine intermediäre Ebene normativer Steuerung und sozialer Integration. Bestimmte Ehrvorstellungen vermögen die intersubjektive Geltung von sozialen Werten und Normen zu fördern. Mit den verschiedenen Ehrbegriffen sin dauch spezifische Vorstellungen von Lebensführung verbunden, die als Erwartungen an die Individuen herangeführt werden und deren Verhalten zumindest mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit steuern. Es handelt sich hier also um einen Mechanismus der Kontingenzreduktion.“

Vogt, Ludgera (1997): Zur Logik der Ehre in der Gegenwartsgesellschaft. Frankfurt (Suhrkamp), S. 229ff.




2 Gedanken zu „41.4.5 Moralisches Bewerten – Kriterien: Achtung verdienend/zu verachten, ehrenvoll/ehrlos, schamlos/schamhaft, anständig/unanständig, respektvoll/respektlos usw., wodurch Spielregeln bzw. Erwartungen an das Verhalten von Mitgliedern sozialer Systeme definiert sind, gegen die zu verstoßen mit Ansehens- und Statusverlust, Ehrverlust, Missachtung oder auch Ausgrenzung bedroht ist.“

  1. @ Kontingenzreduktion durch rechtliche und moralische Normen
    @ „zunehmend schwieriger geworden, sich darüber generell zu verständigen“

    Anregung zur weiteren Illustration dieses Satzes: Fritz B. Simon, Anleitung zum Populismus.
    (Wobei zu prüfen wäre, ob diese Theorie moralfrei konstruiert wurde, da Ironie eine Form von Abwertung darstellt. Doch womöglich ist der Theorieanspruch dieser Anleitung nicht so hoch wie es der Autor dieses Satzes betont.)

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