41. 5 Religiöses Bewerten – Kriterien: gläubig/ungläubig, sündig/rein, göttlich/teuflisch, heilig/profan, gottgefällig/lasterhaft, orthodox/ketzerisch usw., das heißt, Orientierung an einem transzendenten (meist verkündeten = gottgegebenen) Bezugsrahmen, der – je nach Glaubenssystem – entweder neben und unabhängig von allen anderen Bewertungskriterien verwendet wird oder aber allen anderen übergeordnet ist.

Um Mißverständnissen vorzubeugen: Bei religiösen Bewertungen wie „gläubig/unbläubig“ geht es nicht primär um den Glauben eines Individuums, sondern um die Bewertung der Person als zu einer bestimmten Glaubensgemeinschaft gehörig. Es ist also im Prinzip eine soziale Kategorisierung und keine Beschreibung eines Bewusstseinszustands. Dass diese Unterscheidung auch zur Selbstbeschreibung verwendet werden kann, spricht nicht gegen diese soziale Definition von Glauben/Unglauben.

Das Merkmal der Unterscheidung für Glaubensgemeinschaften ist, dass an – wie Cliffort Geertz es formuliert – eine dauerhafte Bindung an die Vorstellung einer außerweltlichen Wirklichkeit eingegangen wird (oder zumindest so getan wird als ob).

Deswegen kann ein Kind auch gleich nach Geburt oder kurze Zeit später beschnitten werden, denn all dies ist eben nicht Ausdruck individuellen Glaubens, sondern Zeichen des Beitritts zu einer Kult- bzw. Kulturgemeinschaft.

Die soziale Funktion der Religion dürfte in der kollektiven Unterwerfung unter eine außerweltliche (daher immer fiktive) höhere Macht dienen (= Gott oder das Multiversum der verschiedenen Gottheiten). Das hat innerhalb der Glaubensgemeinschaft eine tröstende Funktion für die, die innerweltlich ohne Macht sind, und eine legitimierende Funktion („Gottesgnadentum“) für diejenigen, die in dieser Welt die Macht beanspruchen. Insofern hat Religion eine nicht nur an eine außerweltliche Wirklichkeit bindende Funktion, sondern darüberhinaus innerhalb der aktuellen sozialen Wirklichkeit eine integrierende Funktion, weil der höheren Macht – Gott -, die sich obendrein auch noch wenig berechenbar zeigt, offenbar alle unterworfen sind.

Das die Anforderungen an die Gläubigen sich weniger an Einzelne und der Glauben oder Verhalten richten, wird im Alten Testament deutlich, wenn fast alle Gebote und Verbote, die Moses vom Berg Sinai zu den seinen mitbringt, an das Kollektiv, d.h. das Volk Israels, gerichtet sind; und es sind extrem autoritäre Forderungen, deren Nicht-Befolgung mit dem Tod geahndet werden.

Alle, über die Unterscheidung gläubig/ungläubig hinausgehenden, weiteren religiösen Bewertungen leiten sich von dieser Unterscheidung ab. Dass dies eine primär politische Unterscheidung ist, zeigt nicht nur die lange Geschichte europäischer Religionskriege, in denen es nicht um den Glauben Einzelner ging, sondern um die Herrschaft einer Religion („Cuius regio, eius religio“), sondern auch die aktuellen Auseinandersetzungen um den militanten Islam(ismus) sind politische Konflikte.

 

Literatur:

„Doch das Ziel der systematischen Erforschung von Religion besteht darin (oder sollte doch darin bestehen), nicht nur Vorstellungen, Handlungen und Institutionen zu beschreiben, sondern auch genau zu bestimmen, wie und in welcher Weise einzelne Vorstellungen, Handlungen und Institutionen religiösen Glauben – d.h. die dauerhafte Bindung an die Vorstellung einer außerweltlichen Wirklichkeit – stützen, nicht stützen oder sogar beeinträchtigen.“

Geertz, Clifford (1968): Religiöse Entwicklungen im Islam. Beobachtet in Marokko und Indonesien. Frankfurt (Suhrkamp) 1988, S. 16.

„Insofern ist und bleibt religiöser Glaube immer Bekenntnis. Aber die Einheit dieses Geschehens wird als Kommunikatin erzeugt und nicht als (unvermeidlich prekärer) Bewußtseinszustand der Beteiligten.“ (S. 42)

[…]

„Eine dogmatische Festlegung von Prämissen des rechten religiösen Glaubens ermöglicht, ja erzwingt die Unterscheidung von Glaubenden und Nichtglaubenden. Die zugrundeliegende Paradoxie wander in diese Unterscheidung ab. Man kann sich nun fragen, was »Dasselbe« ist in gläubigen und ungläubigen Einstellungen zur Religion.  Das mag einen allgemeineren Begriff des Religiösen suggerieren und eine Kritik am religiösen Gehalt von Formfestlegungen ermutigen.“ (S. 136)

Luhmann, Niklas (2000): Die Religion der Gesellschaft. Frankfurt (Suhrkamp).

„»Und ist es wirklich wahr, Sihdi, daß du ein Giaur bleiben willst, ein Ungläubiger, der verächtlicher ist als ein Hund und widerlicher als eine Ratte, die nur Verfaultes frißt?«

»Ja.«

»Sihni, ich hasse die Ungläubigen und gönne es ihnen, daß sie nach ihrem Tod in die Dschehenna kommen, wo der Teufel wohnt. Dich aber möchte ich retten vor dem ewigen Verderben, daß dich ereilen wird, wenn du dich nicht zum Ikrar bi’l-lisan, zum heiligen Zeugnis, bekennst. Du bist so gut, so ganz anders als andre Herren, denen ich gedient habe und deshalb werde ich dich bekehren, du magst wollen oder nicht.«

So sprach Halef, mein Diener und Wegweiser, mi dem ich in den Schluchten und Klüften des Dschebel Aures herumgekorchen und dann zum Dra el Haua hinuntergestiegen war, um über den Dschebel Tarfaui nach Seddada, Kris und Dgasche zu kommen, von wo aus ein Weg über den berüchtigten Schott es Dscherid nach Fetnassa und Kbilli führt.“

May, Karl (1892): Durch die Wüste. Bamberg (Ustad Verlag) 1952, S. 5.




10 Gedanken zu „41. 5 Religiöses Bewerten – Kriterien: gläubig/ungläubig, sündig/rein, göttlich/teuflisch, heilig/profan, gottgefällig/lasterhaft, orthodox/ketzerisch usw., das heißt, Orientierung an einem transzendenten (meist verkündeten = gottgegebenen) Bezugsrahmen, der – je nach Glaubenssystem – entweder neben und unabhängig von allen anderen Bewertungskriterien verwendet wird oder aber allen anderen übergeordnet ist.“

  1. Der Wissenschaftsjournalist Rüdiger Vaas und der Religionswissenschaftler Michael Blume liefern in ihrem Buch „Gott, Gene und Gehirn. Warum Glaube nützt. Die Evolution der Religiosität“ einen Überblick zu neueren Forschungen über die biologischen Grundlagen der Religiosität. https://hpd.de/node/6104

  2. „Vieles deute darauf hin, „dass Religiosität einen Selektionsvorteil haben könnte und daher so weit verbreitet ist“ (S. 223). Daraus ergeben sich für die Autoren wichtige Aufschlüsse für das anthropologische und philosophische Bild vom Menschen – auch wenn dies Gläubige als Demütigung oder Provokation auffassten.“

    Wenn das so ist, dann sollte man sich vielleicht besser dem/den Vögeln widmen, aber nicht nur den Tauben …

    https://www.orn.mpg.de/4532331/news_publication_14493155_transferred?c=2739

  3. @“Blaumeisen die im Winter gemeinsam Nahrung suchen sind oft auch im Frühjahr miteinander verbunden.“

    Liebe geht halt durch den Magen.

  4. @1+2
    Es gibt zahlreiche Argumente, dass religiöser Glaube und der damit verbundene Aufwand kein überflüssiger Luxus im Sinne von elitärer Selbstverwirklichung ist (vgl. Maslows Bedürfnispyramide), sondern evolutionär vorteilhaft.

    Individuell bietet religiöser Glaube Orientierung und Welterklärung sowie Kontingenzbewältigung, psychischen Trost und mentalen Schutz. Er wirkt wie ein Placebo gegen Stress, befördert Glück und Gesundheit sowie soziale Einbindung und Verringerung von Risiken.

    Sozial liefert religiöser Glaube moralische Vorschriften und Beeinflussungsmöglichkeiten großer Gruppen, die Machthaber dazu nutzen können, Macht zu gewinnen, zu rechtfertigen und zu erhalten. Menschen werden motiviert und manipuliert, bis hin zu „heiligen“ Kriegen und Märtyrertum. Gruppen lassen sich mit religiösen Glaubensinhalten nach innen stabilisieren und nach außen abgrenzen. Religiöser Glaube macht das Leben in Gruppen stabiler, sicherer, harmonischer und effizienter. Er fördert Vertrauen, Kooperation und Altruismus sowie stabile Partnerbildung (Treue), was die Reproduktion fördert.

    Jenseits dieser Nützlichkeitsaspekte stellt sich die Frage, ob religiöser Glaube eine evolutionsbiologische Anpassung ist („jeder Mensch ist genetisch religiös“) oder eine soziokulturelle („Menschen werden religiös erzogen oder auch nicht“). Selbst in Atheismus und Agnostizismus steckt Religiosität in negativer Form bzw. diese richtet sich auf Rationalität und Szientismus, z.B. Systemfunktionalismus, Konstruktivismus und Sozialtechnokratie.

  5. @4 „Religiosität in negativer Form“

    Um den Wert von Religion zu klären, bedarf es einer Definition von „Religion“. Religiöses Denken und Handeln (ob nun in Bezug auf Gott oder Wissenschaft, Transzendenz oder Immanenz, Jenseits oder Diesseits, Emotionalität oder Rationalität) weist sieben wesentliche Merkmale auf:
    erstens den Glauben an eine ultimativ bindende Macht/Kraft/Wahrheit;
    zweitens das Gefühl von Abhängigkeit und Verpflichtung gegenüber dieser Wahrheit;
    drittens die Erfahrung des „Heiligen“ im Sinne von „Einheit“ mit dieser Macht;
    viertens die Annahme eines schlechten Zustands der Welt und die Erwartung von Erlösung durch diese Macht;
    fünftens die Akzeptanz einer klaren Wertordnung, die das Denken und Handeln leitet;
    sechstens rituelle und symbolisch aufgeladene Handlungen, die zur Reinigung in krisenhaften Situationen dienen, z.B. in Lebensübergängen;
    siebtens die soziale Verbundenheit mit einer Gemeinschaft, Organisation, Institution, Community.

    Nach diesen Kriterien weist die Systemtheorie religiöse Züge auf – aber auch deren Kritiker sowie alle anderen denkbaren Denkrichtungen.

  6. Religio = Rückkopplung
    entspringt und entspricht eben DEM Klassiker an Dialektik
    Man muß sich eben auf sein ALTER EGO einzustimmen wissen und konsequent-inkosequent auch dabei bleiben können (zumindest im virtuellen Raum) …

    Wobei sich bei Vorliegen einer allseitigen Verfügbarkeit -unter Berücksichtigung sämtlicher Vorlieben – die Katze notwendigerweise in den Schwanz beißen muß, (und dies selbst dann wenn sie keinen hat …)
    … was allerdings realiter -in Aufrechterhaltung und im Durchexerzieren eben dieser Thesen- quasi ein Ding der Unmöglichkeit darstellt, welches sich auch nicht präsentieren, ohne dabei mehr oder minder in größere (paradoxe) Schwulitäten zu geraten.

    wie z.B. analog bei „Out of time“ zu finden …

    https://www.youtube.com/watch?v=u036M7p6-ak&list=RDu036M7p6-ak&start_radio=1&t=22

  7. Ed Becka hat wohl Professor Simons Anleitung gegen das Kotzen nicht gelesen:
    That’s me at McDonalds,
    That’s me in the drive through,
    Losing my McMuffin,
    Trying to keep a few bites down,
    And I don’t know that I can do it,
    Oh no, I ate too much,
    Before a run,
    I hear the First Sergeant,
    He’s yelling out my name,
    I’m out of formation,
    Pretending to tie my shoe,
    But I’m really puking,
    Don’t you hate it,
    When the puke goes,
    Running through your nose,
    And all your buddies laugh,
    That’s me…
    (I’ll finish writing that some day)

  8. @“Religiöses Bewerten – zeitgemäß“

    In seiner apostolischen Ermahnung »Geliebtes Amazonien« nagelte Papst Franziskus ein paar Grundsätze der katholischen Kirche fest: keine Lockerung des Zölibats, keine Weihe von Diakonissen oder Priesterinnen. Das Oberhaupt der größten religiösen Organisation der Welt warnte vor einer »Klerikalisierung der Frauen«, wenn sie, Gott bewahre, zu heiligen Weihen zugelassen würden. Gleichwohl sollten Frauen Zugang zu Aufgaben und kirchlichen Diensten haben, die nicht die heiligen Weihen erfordern und es ihnen ermöglichen, ihren eigenen Platz in der Glaubensgemeinschaft besser zum Ausdruck zu bringen, also nach dem herrschaftlichen Beten noch fix die Kirche feucht durchwischen und Kelch und Hostienschale spülen.

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