43.1.1 In Geschichten werden konkrete Akteure beschrieben, die mit ihren unterschiedlichen Umwelten – seien sie belebt oder unbelebt – in Interaktion treten und dabei charakteristische Szenen, Situationen und Dramen (=Dramaturgie) durchleben.

Literatur:

„(…) Entweder hat Jizchak zu Gerar in leichter Abwandlung dasselbe erlebt, was sein Vater ebendort oder in Ägypten erlebt hatte. In diesem Falle liegt eine Erscheinung vor, die wir als Imitation oder Nachfolge bezeichnen möchten, eine Lebensauffassung nämlich, die die Aufgabe des individuellen Daseins darin erblickt, gegebene Formen ein mythisches Schema, das von den Vätern gegründet wurde, mit Gegenwart auszufüllen und wieder Fleisch werden zu lassen. – Oder aber Rebekka’s Gatte hat die Geschichte nicht »selbst«, nicht in den engeren fleischlichen Grenzen seines Ichs erlebt, sie aber gleichwohl als zu seiner Lebensgeschichte gehörig betrachet und den Späteren überliefert, weil er zwischen Ich und Nicht-Ich weniger scharf unterschied, als wir es (mit wie zweifelhaftem Recht, wurde schon angedeutet) zu tun gewohnt sind oder bis zum Eintritt in diese Erzählung, zu tun gewohnt waren; weil für ihn das Leben des Einzelwesens sich oberflächlicher von dem des Geschlechtes sonderte, Geburt und Tod ein weniger tiefgreifendes Schwanken des Seins bedeutete, – so daß also der schon betrachtete Fall des späten Eliezer vorläge, welcher dem Joseph Abenteuer des Ur-Eliezer in der ersten Person erzählte; die Erscheinung offener Identität, mit einem Wort, die derjenigen der Imitation oder Nachfolge an die Seite tritt und in Verschränkung mit ihr das Selbstgefühl bestimmt.“

Mann, Thomas (1933):  Joseph und seine Brüder, Bd. 1, Die Geschichte Jaakobs.  Berlin (S. Fischer Verlag) 1967, S. 125f.




8 Gedanken zu „43.1.1 In Geschichten werden konkrete Akteure beschrieben, die mit ihren unterschiedlichen Umwelten – seien sie belebt oder unbelebt – in Interaktion treten und dabei charakteristische Szenen, Situationen und Dramen (=Dramaturgie) durchleben.“

  1. „charakteristische Szenen, Situationen und Dramen“
    … oder eben identische, imitative, nachfolgende (generische, familienbedingte, gattungsgemäße), die nicht bloß für das einzelne Individuum charakteristisch sind.

  2. Nach Proust und Musil nun Thomas Mann – Respekt!
    Arbeiten Sie Ihre Bucket List ab?

  3. Der Historiker Arthur E. Imhof
    beschreibt in seinem Buch „Die verlorenen Welten“ das Leben eines meiner Vorfahren;
    wenn ein Kind früh gestorben war, was nicht selten passierte, wurde das nachgeborene Kind auf denselben Namen getauft wie das gestorbene Geschwister.
    In dem Kulturkreis, den Imhof beschreibt, war es bis ca. 1960 üblich Kindern die Namen ihrer Mütter, Väter, Onkel und Tanten etc. zu geben. Eine Betonung der Individualität durch einen besonderen Namen wurde vermieden, es wurde das Gemeinsame betont, auch hinsichtlich der gezeigten Eigenschaften und Verhaltensweisen ..

    Uns erscheint es heute mehr als befremdlich, einem neuen Kind den Namen des verstorbenen Geschwisters zu geben.

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