43.2 Witz: Eine – idealerweise – extrem kurze Geschichte, die eine Situation beschreibt, in der Personen/Protagonisten in einer Weise handeln, die dem Hörer, Leser usw. (=Beobachter 2. Ordnung) die Absurdität der konkreten Beschreibungen, Erklärungen oder Bewertungen des/der Protagonisten (=Beobachter 1. Ordnung) – beginnend bei ihrem Unterscheiden und Bezeichnen – zeigen und die Logik der konsensuellen, d.h. als selbstverständlich erwarteten, Wirklichkeitskonstruktionen durch Nonsens (=andere Seite der Unterscheidung) reflektieren.

Zwei Irre laufen auf den Schwellen der Eisenbahn zum nächsten Ort.

Sagt er erste: „Blöde Treppe. Die Stufen sind so weit auseinander!“

Antwortet der zweite: „Die Stufen gehen ja noch, aber das Geländer ist so tief!“

Was den (nicht allein diesen, sondern jeden guten) Witz eines Witzes ausmacht, ist das Lachen, mit dem er beantwortet wird.

Angewandter Existenzialismus.

Eine einzigartige, kathartische Kopplung von Körper, Psyche und sozialem System…

Außerdem ist Lachen, das ja von guten Witzen ausgelöst wird, eine  Äußerung, die ansteckend wirkt. Daher müssen richtig gute Witze gar nicht erzählt werden. Heinz von Foerster erzählte eine Begebenheit, die dies belegt: Gregory Bateson hielt einen Vortrag vor einem mit Hunderten von Leuten gefüllten Saal. Er fing an, einen Witz zu erzählen.  Dabei musste er selbst so sehr lachen, dass er immer nur einzelne Worte hervorbringen konnte. Das führte dazu, dass das Auditorium ebenfalls begann zu lachen. Schließlich lachte der ganze Saal laut prustend, ohne den Witz gehört zu haben…

 

Literatur:

„Erstens: Es gibt keine Komik außerhalb dessen, was wahrhaft menschlich ist. (…)

Zweitens: Das Lachen ist meist mit einer gewissen Empfindungslosigkeit verbunden. Wahrhaft erschüttern kann die Komik offenbar nur unter der Bedingung, daß sie auf einen möglichst unbewegten, glatten seelischen Boden fällt. Gleichgültigkeit ist ihr natürliches Element. Das Lachen hat keinen größeren Feind als Emotionen. Ich will nicht behaupten, daß wir über einen Menschen, für den wir Mitleid oder Zärtlichkeit empfinden, nicht lachen können – dann aber müßten wir diese Zärtlichkeit, dieses Mitleid für eine kurze Weile unterdrücken. In Gesellschaft reiner Verstandesmenschen würden wir wahrscheinlich nicht mehr weinen, aber vielleicht würden wir immer noch lachen. Ausgesprochen gefühlvolle Seelen dagegen, in denen jedes Erlebnis seinen sentimentalen Nachhall findet, werden das Lachen weder kennen noch begreifen. (…)

Die Komik bedarf also einer vorübergehenden Anästhesie des Herzens, um sich voll entfalten zu können. Sie wendet sich an den reinen Intellekt.

Dieser Intellekt muß aber mit anderen Intellekten in Verbindung bleiben. Das ist das Dritte, was wir zu bedenken geben wollen. Wir würden die Komik nicht genießen, wenn wir uns allein fühlten. Offenbar braucht das Lachen ein Echo. (…) Dieser Widerhall braucht aber nicht ins Unendliche zu gehen. So groß sein Umkreis auch sein mag, es wird immer ein geschlossener Kreis sein. Unser Lachen ist immer das Lachen einer Gruppe. (…)

Hinter dem Lachen steckt bei aller scheinbaren Offenheit immer ein heimliches Einverständnis, ich möchte fast sagen eine Verschwörung mit anderen wirklichen oder imaginären Lachern.“

Henri Bergson (1900): Das Lachen. Darmstadt (Luchterhand Literaturverlag) 1988, S. 14 ff.

„Ich bin der Meinung, daß es eine Grunddiskrepanz gibt, von der sich alle anderen ableiten lasen: die zwischen dem Menschen und dem Universum. Diese Diskrepanz erst macht das Komische zu einem spezifisch menschlichen Phänomen und den Humor zu einem Wesenszug des Menschen. Das Komische ist eine Spiegelung der Gefangenschaft des Geistes in der Welt. (…)

Wenn das so ist, dann ist das Komische ein objektive Dimension der Wirklichkeit des Menschen, nicht nur eine subjektive oder psychische Reaktion auf diese Wirklichkeit. (…)

Humor erkennt nicht nur die komischen Diskrepanzen in der Welt des Menschen, er relativiert sie auch und macht damit durchsichtig, daß auch die tragischen relativierbar sind.“

Berger, P. L. (1969): Auf den Spuren der Engel. Die moderne Gesellschaft und die Wiederentdeckung der Transzendenz. Frankfurt (Fischer) 1981, S. 82.




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