43.3.6 Unterschiedliche Theorien können zu kontradiktorischen Folgerungen führen, auch wenn sie in sich jeweils logisch schlüssig und widerspruchsfrei sind.

Die meisten Menschen greifen in ihrem Alltagshandeln auf unterschiedliche Theorien zurück. Das ist “an sich” nicht weiter problematisch, schließich benutzt man auch unterschiedliche Stadtpläne, wenn man sich in unterschiedlichen Städten orientieren will.

Problematisch wird es aber, wenn gleichzeitig (oder kurz hintereinander) logisch widersprüchliche Modelle der Welt verwendet werden. Das ist sehr oft der Fall, denn die unterschiedlichen Alltagstheorien (bzw. das Alltagswissen) sind erfahrungsgemäß in ihrer Gesamtheit nicht logisch konsistent. Jede einzelne Theorie mag in sich widerspruchsfrei sein und situationsabhängig konsistentes Handeln ermöglichen, aber die unterschiedlichen Theorien sind das nicht, d.h. sie widersprechen sich meist gegenseitig.

Da jeder Mensch nur ein paar Minuten seine Aufmerksamkeit auf ein Thema fokussiert und dann zum nächsten hüpft, fällt ihm selbst nicht auf, dass er gewissermaßen von einer “Konsistenzinsel” zur nächsten springt. Das bemerken meist nur die Leute, mit denen er zu tun hat. Sie fragen sich, warum er heute etwas behauptet, das dem vollkommen zuwiderläuft, was er gestern voller Überzeugung vertreten hat.

Dem oder der Betreffenden selbst fällt das nur auf, wenn sie/er darauf angesprochen wird (und nicht gleich zur Abwehrschlacht gegen solche “Vorwürfe” bläst), oder wenn er/sie schreibt. Denn das Blatt Papier oder der Bildschirm des Computers wirkt wie ein Gesprächstherapeut, der dem verdutzten Nutzer heute widerspiegelt, was er gestern gedacht hat. Dann werden die Texte (d.h. Aussagen), die sie/er heute schreibt mit den Texten, die er/sie gestern geschrieben hat, konfrontiert. Und wenn beides sich widerspricht, dann ist er/sie gezwungen sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie das sein kann: Gestern war er/sie von der These  A überzeugt und heute ist er/sie von der These B überzeugt, und beide scheinen ihm immer noch richtig, obwohl sie sich widersprechen. Die Lösung, die er/sie nun suchen muss, ist eine Synthese im Sinne der Aufhebung des Widerspruchs. Sie/er wird so “gezwungen” oder verführt, Gedanken zu denken, die er/sie nie gedacht hätte, wenn sie/er nicht geschrieben hätte.

Dieses Phänomen dürfte einer der Gründe sein, warum Menschen, die nicht schreiben, fast alle schlampig denken, ohne es selbst zu merken (ob es angemessen, das als Gesetz zu formulieren ist, weiß ich nicht, aber ich habe jedenfalls noch kein Gegenbeispiel gefunden).




Ein Gedanke zu „43.3.6 Unterschiedliche Theorien können zu kontradiktorischen Folgerungen führen, auch wenn sie in sich jeweils logisch schlüssig und widerspruchsfrei sind.“

  1. Sprachlich sind Widersprüche keine Probleme bzw. werden häufig übersehen/hört:
    “Facharzt für Allgemeinmedizin” = der Spezialist fürs Generelle
    “authentisch wirken” = wirkt zwar auf die Außenwelt so, ist es innerlich aber nicht
    “Kenn dein Limit” = Wie könnte ich es kennen, wenn ich es nicht erreichen soll?
    “edle Lederimitat-Optik” = echte Nachahmung

    Und schon mal was von “weiblicher Logik” gehört? https://egonet.de/maennliche-logik-und-weibliche-intuition-wie-verschieden-die-geschlechter-ihre-umwelt-wahrnehmen/

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