46.7.1 Die vier Optionen des Tetralemma sind: entweder p (Akt p), oder q (Akt q), weder p noch q (Unterlassung von sowohl von p als auch von q) sowohl p als auch q (sowohl Akt p als auch Akt q).

Figur 53

In der praktischen Anwendung in Therapie und Beratung liefert das Tetralemma ein Beobachtungsschema, das die „Gemengelage“ bzw. die Positionierung von Parteien und Individuen im Konfliktfall (d.h. schon dann, wenn eine Entscheidung offen ist) gut erfasst.  So kann z.B. in einer konkreten Entscheidungssituation zugeordnet, welche Partei bzw. welcher Akteur sich wo positioniert. Es gibt erfahrungsgemäß immer eine Balance zwischen den Proponenten der einen (p) oder anderen Partei (q). Denn wenn es kein Gleichgewicht der „Kräfte“ geben würde, wäre schon entschieden worden. Aber diese beiden oppositionellen Parteien sind ein einem größeren sozialen System meist nicht allein auf dem „Spielfeld“, denn es gibt noch diejenigen Mitspieler, die ambivalent sind (sowohl p als auch q), sowie diejenigen, denen es egal ist, die also mit jeder Entscheidung leben können, weil sie keine eigenen Aktien im Spiel haben (weder p noch q). Aus solch eine Beschreibung der Gemengelag lassen sich dann Interventionsstrategien ableiten (wenn z.B. ein Mitglied der Sowohl-als-auch-Fraktion zur p-Gruppe überwechselt, ist aller Wahrscheinlichkeit nach zu erwarten, dass eine weiteres Mitglied dieser Fraktion zur q-Fraktion wechselt, weil er ja ambivalent ist und nicht ohne Weiteres eine nun wahrscheinlicher werdende Entscheidung mittragen will…

Das Tetralemma ist gerade dann (bzw. nur dann) von Nutzen, wenn es um den Konflikt und damit die Entscheidung um (mindestens) zwei unterschiedliche Optionen geht, die sich gegenseitig negieren. Wenn wir, um das zu illustrieren, noch einmal das Beispiel mit der Weggabelung strapazieren, dann sind die vier Weg-Optionen: (1) entweder rechts, (2) oder links, (3) weder rechts noch links, (4) sowohl rechts als auch links. Dass die vierte Option (sowohl-als-auch) paradox ist, sei hier in Erinnerung gerufen.

In der oben skizzierte Anwendung des Tetralemmas (ich will er hier mal, um den Unterschied zu betonen, das „Heidelberger Tetralemma“ nennen, denn in der Arbeit der „Heidelberger Gruppe“ ist es entwickelt worden) zeigt sich ein gravierender Unterschied zur Tetralemma-Arbeit von Insa Sparrer und Mathias Varga v. Kibéd . Sie nennen die vier Positionen des Tetralemmas „das Eine“, „das Andere“, „Keines von Beiden“, „Beides“ und sie haben  (vor allem in den von ihnen entwickelten „Systemischen Strukturaufstellungen“) eine fünfte Position eingeführt, das „negierte Tetralemma“ („Und auch das nicht“). Es ist eine Position, die jenseits der vier genannten Möglichkeiten verortet ist oder besser gesagt: fluktuiert und keinen festen Ort hat.

Wenn man sich an einem konkreten Unterscheiden und Bezeichnen (=Beobachten) orientiert, wie es im Konflikt oder bei der Vorbereitung von Entscheidungen der Fall ist, so ist solch eine fünfte Position (m.E.) nicht notwendig, da sie in der Weder-noch-Position ihren Platz findet.

Nach Diskussion mit den beiden Autoren scheint es, dass die fünfte Position dem Ziel des Zen-Buddhismus am ehesten entspricht, die einen Bewusstseinszustand vor bzw. nach jeglicher Unterscheidung und Begriffsbildung anstrebt, wenn in einem Koan z.B. der Zen-Meister seinem Schüler einen Stock zeigt und ihn mit der pragmatischen Paradoxie konfrontiert: „Nenne dies einen Stock, so schlage ich dich damit! Nenne dies keinen Stock, so schlage ich dich damit!“

Mathias Varga von Kibéd verortet das hier gezeigte, nur vier Positionen umfassende Version als „altindisch“, während er seine als „buddhistisch“ einordnet (pers. Mitteilung in einem gemeinsamen Seminar).

Darüber, ob diese fünfte Position für die Anwendung des Tetralemmas in der Praxis nützlich ist, kann man sich streiten. Wenn man sie nicht anwendet, vermißt man sie im allgemeinen nicht (aber das mag ein Ausdruck von Ignoranz sein). Letztlich kann die fünfte Position auch als Versuch verstanden werden, eventuellen Paradoxien durch Sprung auf eine logisch höhere Ebene zu entgehen (wie das schon Whitehead und Russell mit ihrer „Logischen Typenlehre“ versuchten).

 

Literatur:

„Die neue These kann auber auch ein neuer Standpunkt aus höherer Ebene sein. Diese erreichen wir über die Negation des Tetralemmas, die fünfte »Position«. Diese »Position« nennen wir All dies nicht – und selbst das nicht! Da sie den Aufforderungscharakter hat, Muster immer wieder zu unterbrechen, schreiben wir sie mit »!«, und da sie sich auch selbst mit in diese paradoxe Aufforderung einbezieht, lassen wir eine deutliche Sprechpause bei »–« eintreten, vor dem selbstbezüglichen  zweiten Teil. Das Wort »dies« in »All dies nicht« bezieht sich dabei auf die ersten vier Positionen und auf die Einsicht, daß keine dieser Positionen einen ale Apsekte des Problems umfassenden Standpunkt darstellte. Mit und selbst das nicht erinnert uns die fünfte »Position« daran, daß auch sie kein endgültiger Standpunkt ist. Sie hebt daher sich selbst auf (und wurde von den Buddhisten als ein Nichtstandpunkt bezeichnet), und wir nennen sie auch »die fünfte Position« oder die »die fünfte Nicht-Position«.

Die Selbstkritik der fünften Position, das und selbst das nicht, bewirkt, daß wir nicht einfach in Untätigkeit verharren, wenn wir sehen, wie wir nie zu einem engültigen letzten Standpunkt gelangen. Vielmehr: Gerade weil wir uns erinnern, daß alle Standpunkte unvollständig sind, können wir wieder Stellung beziehen und uns kritisierbar machen.

Das heißt, wir nehmen wieder einen neuen Standpunkt ein, nach einem Sprung auf eine höherer Ebene, und das auch gegenüber der Art und Weise, in der wir uns zum Standpunktwechsel auffordern.“

Varga von Kibéd, Matthias, Insa Sparrer (1999): Ganz im Gegenteil. Tetralemmaaurbeit und ander Grundformen Systemischer Strukturaufstellungen – für Querdenker und solche, die es werden wollen. Heidelberg (Carl-Auer Verlag) 4. überarb. Aufl. 2003, S. 90f.

„Im übrigen wird jede Art der Unterscheidung oder Differenzierung als verkehrte Sicht gewertet,ebenso jede Bejahung oder Verneinung, jede Annahme einer separaten Realität. Allein die Derartigkeit liegt außerhalb des verkehrten Wissens. Jedes Erfassen von Dingen als existent oder inexistent, jedes Erfassen der Mannigfaltigkeit (vicitrita) ist »verkehrt«; tatsächlich mündet die Annahme jedweder Vielfalt automatisch in »Verkehrtheit«. Der bloße Glaube an separate dharmas beruht auf »verkehrter Wahrnehmung«. Jeglicher Dualismus ist als solcher verderblich und ein Zeichen für den Fall aus dem Stand der Gnade.

(…) Da der Grundfehler im Unterscheiden besteht, kann die Erkenntnis der Verkehrtheit der »verkehrten Sichtweisen« nicht als wahres oder letztgültiges Wissen gelten; denn selbst der Verzicht auf sie macht zwischen Beständigkeit und Unbeständigkeit, Wohl und Wehe, Selbst und Nicht-Selbst, dem Liebenswerten und dem Verabscheuungswürdigen eine ipso facto  unhaltbaren Unterschied.“

Conze, Edward (1962): Buddhistisches Denken. Drei Phasen buddhistischer Philosophie in Indien. Frankfurt (Suhrkamp) 1988, S. 292.

 




13 Gedanken zu „46.7.1 Die vier Optionen des Tetralemma sind: entweder p (Akt p), oder q (Akt q), weder p noch q (Unterlassung von sowohl von p als auch von q) sowohl p als auch q (sowohl Akt p als auch Akt q).“

  1. Ist aber auch gefährlich, das zu tun! Vermutlich eher gefährlich als praktisch und ein Nest für Missverständnisse. Sie wollen wohl vermutlich damit in die absolute Leere verweisen, die aber im Relativen bereits enthalten ist, wie Sie sagen. Werde das Buch lesen … Danke.

  2. das kann man wohl sagen.

    De facto repräsentiert dies ein starres symmetrisches Muster, ähnlich wie bei Yin/Yan.

    Sehe schon, da fehlt der Sinn für plastisches Denken insgesamt, wodurch sich das gesamte Spektrum an Neuroplastizität erst dann in Bewegung bringen läßt, wenn es -einmal auf die Beine gestellt- auch den Faktor Zeit einzufließen zu lassen in der Lage ist; incl. Zeitpunkt und Zeitraum, versteht sich, sodaß sich auch die raumzeitlichen Phantasien in Summationsvektoren kreuzen und in funktionsgerecht zur Wirkung bringen lassen.

    Um zumindest dem Dreieck eine Chance zu geben, bin ich für eine Darstellung à la Haus vom Nikolaus, das sich auch in einem Zug zeichnen und dadurch zumindest den europäischen Gedanken ein D-A-CH wiederzugeben in der Lage ist.
    … und nicht nur via vor sich hinschimmelnde Flachland-Bungalows in Reihe,
    angereichert mit terrassierbaren Garagendächern als Bauhausverschnitt.

    Daß sich die Nikolaus-Form selbstverständlich auch zur Produktion von Osterhasen nutzen läßt, sei dabei nur am Rande erwähnt.

  3. @1
    Was ist daran gefährlich: Ein Kleid ist entweder
    (1) schwarz,
    (2) weiß,
    (3) schwarz und weiß,
    (4) weder schwarz noch weiß,
    (5) bunt.

    So könnte Logik ohne männliche Bosheit aussehen.

  4. @„Nenne dies einen Stock, so schlage ich dich damit! Nenne dies keinen Stock, so schlage ich dich damit!“

    Dieser Satz sagt weniger über den Gegenstand in der Hand als über die Beziehung zwischen den beiden Personen: Herrscher und Beherrschter, Mutter und Tochter, Guru und Jünger.

  5. @7: Verstehe ich das richtig: Covid-19 ist der Sprung aus dem Tetralemma?
    Oder meinen Sie, der Tod wäre das?

  6. 3) Was daran gefährlich ist? Bunt ist nicht korrekt. Es geht um die Verneinung dieser vier Aussagen und wenn Sie nun all diese Aussagen verneinen, dann müssen sie wiederum auch die Verneinung all dieser Aussagen verneinen und immer so fort. Ich halte es für unnütz, das zu tun.

    Denn wir bewegen uns in der Sprache nun einmal im Rahmen von Möglichkeiten und diese vier Möglichkeiten sind in der Sprache sinnvoll.

    Sie können aus der Sprache aussteigen (das entspricht – wenn man so will – der Verneinung all dieser Positionen), nur dann kann man eben gar nichts Sinnvolles mehr sagen. Es ist daher gefährlich, diese Position zu vertreten – denn „im Jenseits des Sinns“ bewegen Sie sich gar nicht mehr. Sie haben dann auch keine Metaposition, Sie haben ebene genau gar keine definierbare Position. Nichts!

    Wer diese Position in der Sprache beschreibt, der trifft sie m.E. nicht.

    Meines Erachtens geht es nicht um „Unvollständigkeit“ – an diesen vier Möglichkeiten ist nichts unvollständig. Und ein in allen Zügen gelebtes Sowohl-als-auch – wenn es denn nur immer entfaltet werden würde – bringt uns wirklich weiter. Das gelebte NICHT bringt uns praktisch m.E. nicht weiter. Ich mag mich irren. Und irre mich auch gewiss.

  7. @9 „Farbig“ wäre wohl besser, denn schwarz und weiß sind keine Farben.
    Stufe 5 führt heraus aus den vier logischen Möglichkeiten, auf ein höheres Level.

  8. @8

    vielleicht

    der Test ist ein Dilemma, kein Tetralemma, daher fragwürdig ..

    wenn wir den Test außen vor lassen
    und statt dessen die Krankheitszeichen zur Diagnostik nutzen finden wir
    ja: krank
    nein: nicht krank
    sowohl als auch: krank/ nicht krank- ein bisschen krank

    weder noch: krank/ nicht krank – immun

    d.h. der Test ist brauchbar zur Separierung von Virusträgern bei Aufnahme ins Krankenhaus oder Entscheidung für Quarantäne

  9. @11
    Aha, gute Differenzierung der Frage: Was sagt uns das Testergebnis?
    Kann man positiv getestet werden, wenn man immun ist? Man ist Covid-19-Träger, aber nicht krank. Dann wäre es fahrlässig, solche geheilten Patienten aus der Quarantäne zu entlassen, solange nicht alle Bezugspersonen geimpft wurden, was ja leider noch nicht geht. Haben Sie das schon dem RKI gesagt?

    Tests sind jedenfalls eine relativ gute Methode, um etwas über den Gesundheitszustand eines Menschen zu erfahren – wenn auch niemals vollständig.

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