48.1 Definition: Soziale Systeme – seien sie selbstorganisiert oder fremdorganisiert – die (geplant oder ungeplant) sich um Probleme herum bilden, wodurch ihre Struktur bestimmt wird, sollen problemdeterminierte Systeme genannt werden.

Man hat eine kaputtes Auto (das ist ein „Problem“), man fährt, wenn es denn noch fährt, in eine Autowerkstatt (das ist ein problemderterminiertes System). Sie ist meist in der Lage, mit nicht nur einem Typus von Problem (z.B. Reifenwechsel) umzugehen, sondern mit mehreren (z.B. Motor reparieren, Vergaser reinigen usw.), die irgendwie als zusammengehörig definiert werden. Dass die Spezialisierung aber zunehmen kann, sieht man an Krankenhäusern, die nicht mehr für alle Krankheiten und/oder Therapien (was von beidem als Problem zu definieren ist, lasse ich hier mal offen) zuständig sind und deshalb Patienten gern an spezialisierte Einrichtungen verweisen.

Was aber, jenseits der genannten banalen Beispiels aus der Technik, von Relevanz ist, sind die Problemdefinitionen im gesellschaftlichen Bereich. Wenn es als Problem angesehen wird, dass zu viele Ausländer ins Land kommen, dann werden Mauern gebaut und die Grenzkontrollen verstärkt, wenn hingegen definiert wird, dass die Bevölkerung schrumpft und die Volkswirtschaft darunter leidet, dass es zu wenig Arbeitskräfte gibt, dann werden im Ausland Menschen angeworben, um sie zur Immigration zu bewegen.

Der Kampf um die Definition von Problemen ist der entscheidene Kampf in der Politik.

 

Literatur:

„Systeme machen keine Probleme, sondern das Sprechen über Probleme macht Systeme. Wir nennen ein so definiertes System ein problemdeterminiertes System. Ein problemdeterminiertes System ist ein System sozialer Handlungen. Es organisiert sich um das Sprechen über bestimmte Fragen, die das System enthalten un düber die bestimmte Personen besorgt oder beunruhigt sind. Da ein solche System in der Sprache exstiert, erkennt es die gewohnten Grenzen, die durch soziale Strukturen und Rollen interpunktiert werden, nicht an.“

Goolishian, Harold A. , Harlene Anderson (1988): Menschliche Systeme. Vor welche Probleme sie un stellen und wie wir mit ihnen arbeiten. In:Reiter, Ludwig, Ewald Johannes Brunner, Stella Reiter-Theil (1988): Von der Familientherapie zu systemischen Perspektive. Heidelberg (Springer), S. 200.




18 Gedanken zu „48.1 Definition: Soziale Systeme – seien sie selbstorganisiert oder fremdorganisiert – die (geplant oder ungeplant) sich um Probleme herum bilden, wodurch ihre Struktur bestimmt wird, sollen problemdeterminierte Systeme genannt werden.“

  1. @“Der Kampf um die Definition von Problemen ist der entscheidende Kampf in der Politik.“
    Wenn eine Politikerin als Problem definiert wird, muss sie sich zurückziehen oder sie wird zurückgezogen – ob nun Annegret oder Angela.

  2. wie verwandelt sich ein problemdefiniertes System in ein operational geschlossenes System, in eine never ending story ?

  3. @2: Auch problemdefinierte Probleme sind autopoietische Systeme. Wenn das Problem „beseitigt“ oder „gelöst“ sein sollte, beenden sie entweder ihre Existenz (weil sie ihren Existenzgrund verloren haben) oder sie suchen sich ein anderes, „passendes“ Problem. Letzteres geschieht meist, weil/wenn sie als relevante Umwelten für andere Systeme fungieren (z. B. Mitarbeiter, die dort ihren Lebensunterhalt sichern).

  4. … man kann/muß es -zur erweitertenden Passung nahe der Sollbruch-Stelle- in der Regel dann nur etwas anders orchestrieren, damit mehr unterein consent-tent etc. pp passen.
    z.B. in etwa so:
    https://www.youtube.com/watch?v=aDvQcATfaKo
    ein Durchmarsch ist in derartigen Lagen bzw. Fällen nicht mehr von Nöten …

  5. @5 … oder z. B. Ehepartner, die ihren Lebensunterhalt bzw. ihre Lebensunterhaltung sichern.

  6. @ sich um Probleme herum bilden

    hier möchte ich differenzieren in innen und außen:

    Systeme, die das Problem innen selbst produzieren, wie Sysiphos und der Stein,
    indem sie widersprüchliche „Handlungen“ vollziehen, hochrollen und runterrollen…
    und Systeme, die ihre Handlungen auf ein außenliegendes Problem fokussieren..

    das ist systemisch auch zu kombinieren, Problem innen und Problem außen ..
    s. Mara Selvini Palazzoli et al.

  7. wenn Probleme draußen plötzlich zu Problemen innen werden ..

    wie jetzt geschehen in der „großen“ Politik..

  8. @8+9 … „wenn Probleme draußen plötzlich zu Problemen innen werden“

    dann muß man eben -möglichst flexibel- die Rollen wechseln (können)

    Bei dem Verweis auf die „große Politik“ stolpere ich etwas über das Problem „plötzlich“;
    zumal das Ganze keineswegs so ausschaut als seien die Probleme in der „großen“ Politik eine naturgegebener Zufall mit Zwangsläufigkeit und Notwendigkeit;
    und seien nicht von mehr- oder minder langer Hand geplant und entsprächen nicht den Interessenlagen und Erfolgsvisionen als Erwartungshaltungen der jeweiligen Protagonisten.

    Interessanterweise läßt sich hier ein Phänomen beobachten, das Niklas Luhmann in Soz.Syst (S.550, stw 666, 1987) wie folgt zusammenfasst:

    „Theoretisch ergiebiger wäre es, Erwartungsstruktur und Immunsystem zu unterscheiden. Dann kann man jedenfalls sehen, daß die moderne Gesellschaft, verglichen mit den historischen Vorgängern, Strukturen destabilisiert und die Neinsagepotenz beträchtlich erhöht hat.“

  9. Innerhalb von Organisationen gibt es Zuständigkeiten, die zu respektieren sind.
    Wenn sich draußen Probleme zeigen,
    dann ist der/diejenige zuständig, die/ der zuständig ist, die Organisatorische Ordnung ist zu wahren. Wie heißt es so schön „jeder hat das Recht sich zu blamieren“.

    Ein pathetisches Eingreifen in laufende Geschehnisse aus einer zu diesem Zeitpunkt nicht zuständigen Position, gefühlt in der Hierarchie höher, führt zum Verlust jeder Motivation der Zuständigen, das Problem zu bearbeiten, führt zur Auflösung der Ordnung mit entsprechendem Chaos ..

  10. @innne/außen: Hier muss die Beobachtungsperspektve genannt werden. Die Probleme sind aus der Perspektive des Beobachters 2. Ordnung außerhalb des Systems. Aber für das System müssen sie innen sein, da autopoietische Systeme immer nur an interne Prozesse anschließen. Aber sie können (Re-Entry) intern einen Innen-außen-Unterscheidung vornehmen, d.h. das Problem als außenliegend konzeptualisieren.

  11. @12: „Aber für das System müssen sie innen sein, da autopoietische Systeme immer nur an interne Prozesse anschließen. …“

    … und genau hierin unterscheiden sich dann eben die Geister, ganz gewaltig;
    und zwar in Abhängigkeit von der „(Vor-) Programmierung“ der jeweiligen „psychischen Systeme“, im Umgang mit der Selbsttäuschungen und Täuschung Anderer.

    Wer nicht(s) verlieren kann, hat es schwer. Und wem nicht klar ist oder wird, daß sich die Differenzierung „innen-außen“, fortsetzt ein Leben lang …
    und auch bei allen Auf und Abs, immer wieder ganz tief dem Innersten entspringt und auf diese Art auch den gesamten weiteren Lebenslauf prägt und begleitet

    Diesen – von der Innen-Außen- Differenz geprägte Weg in die jeweils gemäße Form und zum Ausdruck gebracht, vermag
    [Q.e.d.]
    aufzuzeigen, zu demonstrieren und keineswegs „nur“ zu beschreiben, wozu angewandte Kunst dient … und wie und wo sie Sinn machen kann.

    https://www.youtube.com/watch?v=oy25A7vnigg

  12. @12
    das Problem könnte also durch ein re entry gelöst werden, indem es außenliegend konzeptualisiert wird ..

  13. ein Re-Entry schon, aber das geht nicht unbedingt von jetzt auf gleich, sondern die unterschiedlichsten “ Wege nach Rom“ wollen schon klug überlegt sein.

    … vor allem wäre es vermutlich von Vorteil, daß die jeweiligen Protagonisten -anstatt „nur“ steilste Wege ihrer Karriereplanung mit erfolgversprechendem schnellem Aufstieg zu verfolgen- das herausfinden und dann machen, was ihnen am meisten liegt und was sie am besten können.

    Die Entwicklung einer Vielfalt an Fähigkeiten und Fertigkeiten führt in der Regel über verschlungene Wege …

    Das Video von Sting zeigt m.E. paradigmatisch wie sich die allgemeine „Entwicklungs- und Entfaltungs“- Krise individuell, aber auch in der Gesellschaft -mitten in einem qualitativen Entwicklungssprung- anfühlen kann … und auch auszuwirken vermag …

    Zur Krisenbewältigung vgl. auch @10 Niklas Luhmann, 1984 /1987

    „Es mag dann weniger wichtig sein, ob das Nein mehr aus Positionen der Rechtsstärke oder im Kontext sozialer Bewegungen artikuliert wird. Gegenwärtig versucht man, beides in der Figur des ‚zivilen Ungehorsams“ zu versöhnen. In jedem Falle wird man sich fragen müssen, wie von da her das noch nötige Ja zur Gesellschaft wiedergewonnen werden kann.“

    Visionäre Gedanken, Engagement und guter Wille alleine reicht eben nicht …

    https://www.msn.com/de-de/nachrichten/politik/klinsmann-kramp-karrenbauer-kardinal-marx-warum-viele-m%c3%a4chtige-ihr-amt-hinwerfen/ar-BBZVuEo?ocid=chromentp

  14. auch Sapolsky beobachtet und beschreibt bei seinen Affenhorden in Afrika Phasen, in denen sich kein Oberaffe findet oder länger an der Macht bleibt. Auch dort entsteht Unordnung ..

  15. Ohne Merkels Abgang wird die CDU keine vernünftige Nachfolge an der Parteispitze hinbekommen. Jeder neue Vorsitzende (und es wird wohl ein Mann werden) würde in derselben Klemme stecken wie AKK. Also schuldet Merkel ihrer Partei jenen Schritt, den sie einst als Generalsekretärin von Helmut Kohl verlangt hatte. Dem schrieb sie in der FAZ ins Gewissen, es sei vielleicht wirklich zu viel verlangt, von heute auf morgen alle Ämter niederzulegen und den Jüngeren das Feld zu überlassen. Aber, so Merkel damals weiter: „Die Partei muss also laufen lernen, muss sich zutrauen, in Zukunft ohne ihr altes Schlachtross, wie Helmut Kohl sich selbst gerne genannt hat, den Kampf mit dem politischen Gegner aufzunehmen“.
    Solch einen Brief müsste jemand in der CDU nun an Merkel schreiben, so schwer vielen CDU-Politikern der Abschied von einer noch immer populären Kanzlerin fällt. Doch schließlich hat Merkel zur Begründung ihrer letzten Kandidatur erklärt, sie habe sich diese nicht leicht gemacht, „weder für das Land, noch für die Partei – noch – ich sage es ganz bewusst in dieser Reihenfolge – für mich persönlich.“ Sie schuldet nun dem Land, ihrer Partei und sich selbst eine Entscheidung zum baldigen Rücktritt.

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