5.1.3 Die Gefahr jedes materiellen Bezeichnens von Operationen oder anderer Ereignisse (z.B. durch einen Kreis auf einem Blatt Papier oder durch Schrift) ist, dass Ereignisse (z.B. die Operation des Unterscheidens), die nur für den Augenblick existieren, durch statische Zeichen (zeitüberdauernd) symbolisiert werden, d.h. die augenblickhafte Operation des Bezeichnens findet einen materiellen Niederschlag in einem dauerhaften Zeichen (=Objekt), was suggeriert, die Wirkung/Funktion des Unterscheidens bzw. die unterschiedene und bezeichnete Einheit existiere ebenfalls zeitüberdauernd (was der Fall sein kann, aber keineswegs der Fall sein muss).

Deswegen müssen Ausweispapiere alle paar Jahre erneuert werden, da die Fotos nicht mehr den aktuellen körperlichen Verfall des Besitzers dieser Papiere angemessen zeigen (aber Autoren lassen auf die Cover ihrer Bücher mit Vorliebe Fotos drucken, die vor Jahrzehnten aufgenommen wurden, siehe mein Foto auf der Innenseite des Umschlags).

Wer ein Weltbild konstruiert, in dem die „Dinge“ statisch sind, verrennt sich in einem epistemologischen Irrtum. Die Verwechslung von Logik und Leben ist gefährlich, weil sie (z.B.) Ambivalenzen für problematisch erklärt und Eindeutigkeit fordert, wo Vieldeutigkeit und Unsicherheit angemessen wäre.

 

Literatur:

„Man könnte sagen, daß die formale Logik, so wie wir sie heute kennen, im wesentlichen die Logik einer statischen Welt ist. Ihre grundlegenden Gegenstände sind mögliche Sachverhalte, deren Analyse mithilfe solcher Kategorien wie Ding, Eigenschaft, und Relation durchgeführt wird. Es ist kein Platz für Veränderung in dieser Welt. Propositionen (Aussagen) werden als definitiv wahr oder falsch behandelt – nicht als jetzt wahr und dann falsch. Es wird angenommen, daß Dinge gegebene Eigenschaften haben oder nicht haben (sie sind entweder rot oder nicht rot) – nicht, daß sich die Dinge verändern, etwas von rot zu nicht-rot.

Akte bzw. Handlungen sind jedoch wesentlich mit Veränderungen verknüpft. Ein bislang nicht existierender Zustand kann durch einen Eingriff des Menschen in den Weltverlauf realisiert werden. Ein existierender Zustand kann zum Verschwinden gebracht werden. Sachverhalte, die sonst verschwinden würden, können durch unser Handeln aufrechterhalten werden. Zustände, die sonst eintreten würden, können durch unser Handeln verhindert bzw. unterdrückt werden. Eine Handlungslogik setzt daher notwendigerweise eine Logik der Veränderungen voraus.“

Wright, Georg Henrik von (1963): Norm und Handlung. Eine logische Untersuchung. Königstein (Scriptor Verlag) 1979, S. 15.




6 Gedanken zu “5.1.3 Die Gefahr jedes materiellen Bezeichnens von Operationen oder anderer Ereignisse (z.B. durch einen Kreis auf einem Blatt Papier oder durch Schrift) ist, dass Ereignisse (z.B. die Operation des Unterscheidens), die nur für den Augenblick existieren, durch statische Zeichen (zeitüberdauernd) symbolisiert werden, d.h. die augenblickhafte Operation des Bezeichnens findet einen materiellen Niederschlag in einem dauerhaften Zeichen (=Objekt), was suggeriert, die Wirkung/Funktion des Unterscheidens bzw. die unterschiedene und bezeichnete Einheit existiere ebenfalls zeitüberdauernd (was der Fall sein kann, aber keineswegs der Fall sein muss).”

  1. naja, Vielschreiber könnten sich in dieser Hinsicht ruhig mehr Mühe geben, zumindest ihre Passfotos zeitnah zu erneuern, damit man auch weiß, daß es sich lediglich um eine Neufassung rund um ein und dasselbe Thema dreht. Nur eben weitaus gereifter, als Gütezeichen sozusagen. Wenn schon nochmal ein Buch mit sieben Siegeln, dann auch bitte mit Siegel, wie bei den Weinen, bevor es unter den Hammer kommt.

    Die Meisten kommen ja ohnehin über den Klappentext nicht hinaus,
    midde Lecktüre …
    Da kammer dehnen dann gleich den Dieter mitsamt Thomas ans Heck pappen, Schlappen an und fettich is die Laube. Vokuhilaoliba … watn sons.

    Ich hab’s ja dann doch eher noch mit dem Leibl, wenn ich mir den „Maler Haider als Schauspieler“ so anschau. Fesch is er. Nur hängt er halt in New York, in Privatbesitz.
    (wenn er dort noch ist und nicht irgendeinem Auktionshaus zum Opfer und untern den Hammer gefallen ist …)
    Ach, das wäre gerade so die Zeit, in der ich mich ganz gerne mal bewegen würde, in der Zeit meines Großvaters, als er so zwischen 15 und 25 war, vor allem die Zeit in München,
    an der Akademie, die mich heute noch -teils mit großen Schinken in Öl- umgibt, noch voller Sturm und Drang in den Salons, die hätte ich doch gerne mal erlebt.

    „Man bewunderte seine Kraft, seine Größe. Niemals mißbrauchte er, der ein äußerst zartfühlender und sehr kluger Mensch war (und daß er klug war, dies sei anderen Unterstellungen gegenüber betont, hat er oft genug bewiesen!), der keine Zote, kein
    unziemliches Wort duldete, seine Körperkraft. Auch war er durchaus nicht von jener ihm angedichteten Grobheit. Aber er liebte athletische Übungen, das Hantieren mit schweren Stangen und Gewichten, wodurch er sich leider das Herzleiden zuzog, dem er viel zu früh erlag. So brachte er einmal in Köln eine Athleten, „Deutschlands Eiche“, zur Verzweiflung, als er mit dessen Geräten spielend hantierte.- …

  2. PS @1:
    Zitat aus
    Wilhelm Leibl
    von Hermann Nasse
    Hugo Schmidts Kunstbreviere
    Copyright 1923 by Hugo Schmidt Verlag München

  3. Wer sich näher für die Risiken der Verwechslung von Logik und Leben interessiert, sei auf mein Buch „Unterschiede, die Unterschiede machen. Klinische Epistemologie: Grundlage einer systemischen Psychiatrie und Psychosomatik“ (1988/93, neueste Auflage – Suhrkamp – neulich) verwiesen. Dort versuche ich zu zeigen, dass diese Verwechslung als eine der Grundlagen für die Entstehung von Psychosen betrachtet werden kann.

  4. So werden Vorstellungen, Weltbilder konstruiert,
    Hoffnungen und Wünsche zu „Wahrheiten“, Emotionen zu Lebensstilen ..

    Schwüre und/ oder unablässige Bemühungen lassen den Wunsch, die Überzeugung erkennen, die Situation festhalten zu wollen.

    Wenn gewünschte, angestrebte Situationen vergehen, wenn sich Wesentliches ändert, dann bricht eine Welt zusammen, dann zerplatzen Träume, die für ewige Wirklichkeit gehalten wurden.

    Die Fähigkeit damit umzugehen ist sehr sehr unterschiedlich.
    Wer es schafft damit umzugehen, wie auch immer, läuft Gefahr als kalt 🥶 zu gelten.

    Ein heißes Herz, so scheint es mir, ist heute angesagt, Mitleid ist Zeitgeist,
    Vergangenheit wird festgehalten, auch Wut, Verletzung..

    Das verhindert Lernen, behindert Leben in der Gegenwart mit dessen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten.

    Der Kulturhistoriker Arthur Imhof beschreibt wie sich unser Umgang mit Veränderungen, mit Leid, über die Jahrhunderte verändert hat, wie schwer es uns Heutigen zuweilen fällt, zu akzeptieren und dennoch glücklich/ zufrieden weiter zu leben.

    Jemanden in Zeiten der Veränderung, der zerplatzten Träume zu begleiten, dieser „Human Touch“ wie Bruce Springsteen singt, kann helfen die Veränderung zu akzeptieren und in die Gegenwart und Zukunft zu gehen,
    kann jedoch auch bremsen und den Übergang erschweren oder sogar unmöglich machen.

    Loslassen, den Fluß der Zeit fließen lassen …

  5. Gerade habe ich dort, in meinem alten Exemplar, nochmals nachgelesen.
    Ein recht gut zu lesendes Exemplar.

    Die Neuausgabe, Taschenbuch, halte ich für wenig angenehm zu lesen,
    so wird es auch bei Amazon kommentiert.

    Ein Format wie „Formen“ wird dem Inhalt eher gerecht und erfreut mich als Leser beim Blättern und Stöbern..

Schreibe einen Kommentar