5.7 Entwertung (=cancellation): Die Entwertung/Annullierung eines Bezeichnens soll durch ein Kreuz über einem Kreuz dargestellt werden, was für die dem ursprünglichen Unterscheiden entgegengesetzte Operation stehen soll, d.h. die Anweisung zum gegenläufigen Kreuzen der hypothetischen Grenze vom markierten Raum, Zustand oder Inhalt (=innen) zum unmarkierten bzw. leeren Raum, Zustand oder Inhalt (=außen).

Figur 11

 

Hier zeigt sich wohl am deutlichsten der Unterschied zwischen dem Phänomenbereich der Zeichen bzw. besser gesagt: der  Bedeutung bzw. des Sinns und dem Phänomenbereich materieller Prozesse.

Man bekommt die Zahnpasta nicht mehr in die Tube, wenn sie erst einmal draußen ist; verschüttete Milch fließt nicht mehr zurüc in die Kanne oder die Flasche usw.; aber man kann den gebuchten Flug nach Teneriffa canceln, Worte auf dem Papier ausradieren, sich für Gesagtes entschuldigen, auf dem Computer löschen, ja, auch Erinnerungen an schreckliche Erlebnisse lassen sich verändern (zum Beispiel, wenn man ihnen aufgrund der Erklärung eines Beteiligten eine neue, alternative Bedeutung zuschreibt).

Viele physische Prozesse hingegen sind in der Zeit nicht umkehrbar (zumindest für den durchschnittlichen Beobachter); deswegen sind Filme wie „Zurück in die Zukunft“ für das Publikum als inszenierte Gedankenexperimente so reizvoll, und daher basteln seit Jahrhunderten immer wieder irgendwelche pfiffigen Ingenieure an Zeitmaschinen.

Wo immer es Bewertungen gibt, finden sich auch Entwertungen. Dabei muss man sich aber davor hüten, beides selbst zu bewerten: Wenn jemand einem anderen einen Schaden bereitet hat, so kann er den Schaden kompensieren (was in der vorgeschlagenen Terminologie als „Entwertung des Schadens“ bezeichnet werden könnte (klingt in der Umgangsprache natürlich nicht sonderlich prickelnd, wäre aber konzeptuell passend).

 

Literatur:

„The value of a crossing made again is not the value of the crossing.

That ist to say, if it is intended to cross a boundary and then it is intended to cross it again, the value indicated ba the two intentions taken together is the balue indicated by none of them.

That is to say, for any boundary, to recross is not to cross.“

Spencer-Brown, George (1969): Laws of Form. New York (E. P. Dutton) 1979, S. 2.




19 Gedanken zu “5.7 Entwertung (=cancellation): Die Entwertung/Annullierung eines Bezeichnens soll durch ein Kreuz über einem Kreuz dargestellt werden, was für die dem ursprünglichen Unterscheiden entgegengesetzte Operation stehen soll, d.h. die Anweisung zum gegenläufigen Kreuzen der hypothetischen Grenze vom markierten Raum, Zustand oder Inhalt (=innen) zum unmarkierten bzw. leeren Raum, Zustand oder Inhalt (=außen).”

  1. Hallo,
    dem akademischen Diskurs sei entgegengesetzt, dass auch die Ausradierung einer Schrift ein interaktiver Akt masse-energetischer Wechselwirkung ist, der ein eindeutig klassisch bewertetes und prägnantes Zeitgefüge hat, also die Radierung nicht vor dem Schreibakt erfolgt. Zudem ist so auch im Bewusstsein bei „geistigen“ Phänomenen diese Zeitachse konkret als Verlauf von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft repräsentiert. Erst kommt natürlich die Eingabe in den Computer, dann deren Löschung. Eingabe und Löschung, bzw. Buchung und Stornierung, sind aber nur im Syntax verbunden, nicht aber als Taten. Die logische Engrammierung dieser Ereignisse im Hippocampus als Gedächtnisspur wird diese Sicht als Normalität fordern und fördern. Bewerten und Entwerten sind so immer nur scheinbare Antagonisten, so sie konkret jeweils eigenständige Phänomene sind. Und zwar auch, wenn sie sich aufeinander zu beziehen scheinen. Eine Hochzeit ist immer ein ganz anderes Ding, als eine Scheidung. Allein der Kosten – und der Gefühle wegen.
    Insoweit eine zeitlose, kosmische Bewertung, die nichts entwerten soll, sondern nur will, dass endlich wieder der Logik des normalen Menschenverstandes Respekt gezollt wird; bei allem was heute so überlegt wird!
    Mit Gruß Othmar Ennemoser

  2. Die Entwertung bedeutet , aus meiner Sicht, daß ein kommunikativer Wert, z.B. eine Hochzeit und damit eine Verheiratung, rückgängig, annulliert wird und nicht mehr als kommunikativer Wert, als Realität, auf die kommunikativ Bezug genommen werden kann, zur Verfügung steht.

  3. In Ingo Müllers Buch „Furchtbare Juristen“ lässt sich nachlesen, wie schwierig die „Entwertung/Annullierung“ von Gerichtsurteilen ist. Die Annullierung von NS-Urteilen gegen „Deserteure“ und „Wehrkraftzersetzer“ erfolgte erst 17 Jahre nach dem Ende der Nazi-Diktatur.
    Eine ähnliche Form von „Entwertung/Annullierung“ findet bei der Lüge statt. Es ist zwar gelogen, wenn Leute „Lügenpresse“ sagen und glauben, dass die Presse lüge, aber wenn diese Leute „Fake News“ und „alternative Wahrheiten“ für glaubwürdiger halten, „entwerten und annullieren“ sie die öffentliche Kommunikation und die Vernunft.

  4. @3
    Eine Lüge muss, so verstehe ich es, um eine cancellation zu sein, mindestens den gleichen Wert wie die zu cancellnde Aussage haben. Das würde beschrieben werden können durch den Begriff “ glaubhaft „.

    Und der Wert ist eine Unterscheidung/ Bezeichnung, die, bei Aussagen/ Lügen, im Sinnsystem des Zuhörers getroffen wird.
    D.h. eine Lüge muß sinnhaft, anschlußfähig sein, um eine cancellation zu bewirken.

    Der Zuhörer würde über den „Wahrheitsgehalt “ einer Lüge entscheiden über ihre Anschlußfähigkeit in seinem Sinnsystem.

  5. @ 4 Wenn es so wäre, gäbe es keinen Wertunterschied zwischen Wahrheit (richtige Aussage) und Lüge (falsche Aussage). Bei dieser formalen Sichtweise scheint der Inhalt von Aussagen irrelevant zu sein. Dann stellt sich mir die Frage, was mit „Wert“ gemeint ist. Ist das eine subjektive Kategorie? Kann es in dieser Sichtweise „objektive“ Werte und „allgemeingültige“ Wahrheiten geben?

  6. @5: Bewertungen sind immer subjektiv, d.h. vom Beobachter vollzogen und bestimmt. Ihre Objektivierung findet durch faktische interpersonelle Einigung statt.
    Von Werten zu sprechen ist problematisch, da damit eine Verdinglichung und Dekontextuisierung vorgenommen wird. Beste Definition (s.u.) stammt m. E. von Bateson: Ein Wert ist ein Reiz-Reaktion-Schema.

  7. @ 6 Trifft Batesons Definition das Entscheidende von Werten?
    Die klassische sozialwissenschaftliche Definition lautet: „Ein Wert ist eine implizite oder explizite, für ein Individuum oder eine Gruppe charakteristische Vorstellung des Wünschenswerten (desirable), das die Auswahl der verfügbaren Handlungsweisen, Handlungsmittel und Handlungsziele beeinflusst.” (Clyde Kluckhohn, US-amerikanischer Soziologe und Anthropologe)
    Das beinhaltet eine subjektive und/oder soziale Selektion der möglichen Reaktionen auf bestimmte Reize.

  8. „Bateson: Ein Wert ist ein Reiz-Reaktion-Schema“

    Ein Wert ist eine kommunizierbare Unterscheidung/Bezeichnung.

    Der Beobachter entscheidet ob dieser Wert ihm sinnvoll erscheint.
    Ja, daher immer auch subjektiv.
    „Objektiv“, wahr, dann, wenn er genügend andere Beobachter findet, die zustimmen,
    oder die kommunizierbare Unterscheidung/ Bezeichnung
    durch „Strenges Denken“ nachvollzogen werden kann.

  9. @Michael S.: Reiz-Reaktions-Muster weist auf die Interaktionssituation und damit den Kontext hin. Das scheint mir eine bessere Definition als die übliche soziologische, die sich letztlich auf nicht-beobachtbare „geistige“ Prozesse bezieht.

  10. mit einem Reiz-Reaktions-Muster findet man bereits eine binäre Struktur mit Polaritäten vor, die sich z.B. als Plus- und Minus-Pol -wie in einem elektromagnetischen Feld mit Spannungsaufbau- anbieten.
    Welchen der beiden Pole man wie benennt und bezeichnet , kann -zunächst auch wertneutral -offen bleiben. Fakt bleibt, es ist eine Setzung
    Die Beschreibung bedarf im Anschluß daran der Übereinkunft, in welchem Kontext etwas als positiv bzw. negativ zu benennen (zu werten) ist und aus welchem Kalkül heraus diese Setzung erfolgt und welchem Kalkül sie zu dienen hat. Und dies geschieht -auch in diskretester Form – nicht ohne irgendein Motiv …

    1 The form

    „There can be no distinction without motive, and there can be no motive unless contents are seen to differ in value.“

    GSB, Laws of Form,
    S.1
    Intern. Ausgabe 2011

  11. ad 10) Das ist eine Sichtweise in einem bestimmen Kontext und m. E. keineswegs auf „alles“ umzulegen! Schon gar nicht auf den „Geist“ bzw. das kommunikative Unterscheiden per se …

  12. Der Begriff „Wert“ hat für mich keine positive oder negative Dimension im Sinne von gut oder schlecht.
    Der Wert ist für mich die kommunikative Anschlußfähigkeit;
    wenn ich unterscheidend/bezeichnend kommunikativ, somatisch, psychisch, sozial andocken kann, dann bin ich motiviert.
    Im Phänomenbereich Körper ist der molekulare Anschluss, wenn möglich, unvermeidbar, der Körper agiert molekular autonom.
    Im Bereich Soziales und Psyche mag es Wahlmöglichkeiten geben …

  13. @ klar, Andrea …

    „alles“ geht sowieso nicht von alleine,
    wie soll sich ohne gesetzten Unterschied irgendetwas aus einer trüben Ursuppe und dunklen Brühe machen lassen können, ohne diese zuvor abgrenzend zu klären?

    Wenn Du nur mal in den Leibgerichten des weiland Apothekers und Malerpoeten Carl Spitzweg nachschlägst, dann findet sich dort auch die Rezeptur zur (zum)
    „Schüh oder braune Kraftbrühe.“

    Auch wenn auf dem Umschlag behauptet wird
    „… von ihm eigenhändig aufgeschrieben und illustriert“
    findet sich unter o.g. Rezept auch nur ein einen x-beliebigen „Geist“ vorgaukelnder Verweis:

    „Die Franzosen schreiben >>jus<>Schüh<<!
    (Wiener-Kochbuch Seite 5.ff.

    Na prima,
    … was soll man jetzt mit sowas anfangen?

  14. @13:
    Mein Zitat des Spitzweg-Rezepts wurde mal wieder unzulässigerweise gekürzt:

    Korrekt (und ganz komplett) heißt es:

    [ „Schüh oder braune Kraftbrühe.“
    Die Franzosen schreiben „jus“
    sprechen aber auch wie wie: „Schüh“!
    (Wiener Kochbuch Seite 5.ff. ]

    ohne Seitenangabe in
    „Die Leibgerichte des weiland A & M CSp. (s.o.) …“
    entdeckt und herausgegeben von Siegfried Wichmann,
    verlegt bei Bruckmann, 1. Aufl. 1967

  15. @14

    Sorry ein eingeschlichener Dr ckfehler
    „… sprechen aber auch wie wie: „Schüh“!“

    Es muß natürlich heißen
    „… sprechen aber auch wie wir: „Schüh“!“

  16. Dorothea, ich bin zu blöd, ich verstehe es nicht! Weder so, noch so! Ich meinte nur, dass die Beziehung für mich das Relevante ist, nicht der Satz vom Herrn GSB am Papier. Es geht mir um die Beziehung … auch um die Beziehung Ich-Zeichen. Ich sitze aber auch in einem entsetzlich langweiligen Seminar und lese Ich und Du unter der Bank. Dafür hab ich 41 Jahre alt werden müssen, um mir ein Video über tiergestützte Therapie in einem Seminar anschauen zu müssen (Anwesenheitspflicht mit Liste). Gott sei Dank gibt es diesen Blog …

  17. schön, dass Ihr im „Materiellen“ ankommt.

    „alles“ geht sowieso nicht von alleine,
    wie soll sich ohne gesetzten Unterschied irgendetwas aus einer trüben Ursuppe und dunklen Brühe machen lassen können, ohne diese zuvor abgrenzend zu klären?

    Klären, aber das wisst Ihr ja, geht mechanisch mit dem Sei-Löffel, abschöpfen was hochkocht, oder abgießen durch ein Sei-Tuch.

    Und wenn die Brühe immer noch keinen klaren „Jus“(Schüh) liefert, Eiweiß vom Ei und/oder Faschiertes zugeben, aufkochen und dann , s.o., mechanisch trennen.

    Und wozu wollen wir das?
    Wir sind motiviert, (to move), den besonderen Geschmack von Peptiden, Umami,
    konzentriert zu genießen, ganz rein !

    Eine Form von „cancellation“…

  18. „Geist in seiner menschlichen Kundgebung ist Antwort des Menschen an sein Du. Der Mensch redet in vielen Zungen, Zungen der Sprache, der Kunst, der Handlung, aber der Geist ist einer, Antwort an das aus dem Geheimnis erscheinende, aus dem Geheimnis ansprechende Du. Geist ist Wort. Und wie die sprachliche Rede wohl erst im Gehirn des Menschen sich worten, dann in seiner Kehle sich lauten mag, beides aber sind nur Brechungen des wahren Vorgangs, in Wahrheit nämlich steckt die Sprache nicht im Menschen, sondern der Mensch steht in der Sprache und redet aus ihr, – so alles Wort, so aller Geist. Geist ist nicht im Ich, sondern zwischen Ich und Du.“

    Buber, M. (1983): Ich und Du. Heidelberg (Lambert Schneider), S. 49.

  19. „Vermöge seiner Beziehungskraft allein vermag der Mensch im Geist zu leben.“

    Ebf., S. 49.

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