51.7 Freundschaft kann auch das Resultat von Schicksals-, Lebens- und/oder Leidensgemeinschaften (in Internaten, beim Militär, der Arbeit etc.) sein, wenn eine Solidarität erfordernde, gemeinsame Geschichte durchlebt wird.

Die Zugehörigkeit zu sozialen Systemen, die ja fast immer mit der persönlichen Identität eines Individuums verbunden ist, kann Freundschaften schaffen, sie kann es aber auch (fast) unmöglich machen, eine Freundschaft aufrecht zu erhalten, wenn die jeweiligen sozialen Einheiten miteinander in Konflikt geraten. Dann stellt sich die Frage, wem gegenüber die größere Loyalität erlebt wird, der sozialen Einheit gegenüber oder der Person, zu der die Freundschaft besteht.

 

Literatur:

„Als Außenstehender kann man nur schwer beurteilen, wie tief eine Freundschaft ist, und es mag sein, wie dies Studien über andere einander feindlich gegenüberstehende Gruppen nahelegen, etwa solche über Protestanten und Katholiken in Nordirland und über Franko – und Angloamerikaner in Quebec, daß solchen Freundschaften über Gruppengrenzen hinweg eher etwas Illusionäres anhaftet und es sich um eine ganz richtigen Freundschaften handelt oder daß sie qualitativ anders sind als solche, die jemand mit Angehörigen seiner eigenen Ingroup pflegt. Diese sozialpsychologische Theorie gibt solche Freundschaften eher eine Überlebenschance, wenn die Betreffenden sich mehr bei den Ähnlichkeiten als bei den Unterschieden aufhalten, das zwischen ihnen stehende Problem der unterschiedlichen Religionen ausklammern und ihre Interaktionen so anlegen, daßn ihre Gruppenzugehörigkeit – daß der eine HIndu und der andere Muslim ist – keine so herausragende Rolle spielt. Nach meinen Beobachtungen scheint es mir, daß sich die Zugehörigkeit zur jeweiligen religiösen Gruppe nicht dadurch in den Hintergrund drängen läßt, daß man dieses Problem umgeht, zumindest dann nicht, wenn es sich um eine tiefe Freundschaft handelt. Ein solches Ausklammern mag flüchtigen Begegnungen zweischen einem Hindu und einem Muslim glatter verlaufen lassen, Begegnunge, die ohne hin nur vorübergehender Natur sind. Soll dagegen eine Hindu-Muslim-Freundschaft dauerhaften Bestand haben, so scheint mir dies erforderlich zu machen, daß man sich mit der Tatsache, daß die Freunde gegnerischen Lagern angehören, direkt konfronitert, bevor man sie als nebensächlich abtut.“

Kakar, Sudhir (1996): Die Gewalt der Frommen. München (C. H. Beck) 1997, S. 156f.




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